bedeckt München 24°
vgwortpixel

Schrebergärten in Deutschland:Großer Druck aufs kleine Glück

Property Development Threatens Berlin Garden Colonies

Großstädtisches Idyll: Eine Kleingartenkolonie in Berlin

(Foto: Getty Images)

Früher galten sie als spießig, heute kommen die Hipster und nennen es "urban gardening": Schrebergärten sind bei Deutschlands Großstadtbewohnern nach wie vor beliebt. Doch jetzt bedroht die Immobilienwirtschaft das eingezäunte, kleine Glück: Es soll neuen Wohnanlagen weichen.

Vielleicht sollte man mit dem Gartenzwerg beginnen. 25 Millionen Stück haben Deutschlands Grünflächenbesitzer über die Bundesrepublik verteilt, berichten einschlägige Quellen. Das ist eine Menge, natürlich, allerdings ist die Beziehung von Mensch und Gartenzwerg offenbar auch schon mal sehr viel inniger gewesen - in den Achtziger- und Neunzigerjahren zum Beispiel.

Damals war die Zwergpopulation noch deutlich dichter, es gab auch nicht diese beinharte Konkurrenz im Baumarkt: Plastikigel zum Beispiel, oder Plastikschildkröten. Buddha-Figuren. Katzen aus gebogenem Draht. Es sind harte Zeiten für Deutschlands Gartenzwerge.

Und jetzt? Jetzt könnte sich die Entscheidung zwischen Zwerg und Kröte in vielen Fällen von selbst erledigen - mangels Grünfläche. Denn die Immobilienwirtschaft zielt auf eine deutsche Institution, die fast untrennbar mit dem Gartenzwerg verbunden ist: auf die Schrebergärten.

Weil vor allem in vielen Großstädten der Wohnraum knapp sei, sollten die Grünparzellen doch bitte weichen, um Platz für neue Bauprojekte zu machen, gab der Präsident des Bundesverbands deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen, Axel Gedaschko, jüngst im Spiegel zu Protokoll. Denn es sei eben so: Viele Schrebergärten lägen "genau in den Gebieten, in denen nicht mehr ausreichend bezahlbarer Wohnraum vorhanden" sei, sagte er. Deshalb sollte man die Schrebergärten in künftige Planungen einbeziehen: "Sie sind auch eine Art Baulandreserve."

Der Schrebergarten, dieses eingezäunte, kleine Glück - ist das sein Ende?

Tatsächlich ist die Wohnsituation in den Ballungsräumen angespannt, der Mieterbund taxierte die fehlenden Wohnungen allein in den deutschen Großstädten auf 250.000. Die Idee, deshalb die Schrebergärten plattzumachen, ist nicht neu - sie ist in vielen Städten bereits Streitpunkt zwischen Stadtverwaltung und Kleingärtnern. Ob Berlin oder Hamburg, Jena, Magdeburg oder Hannover, überall formieren sich Bürgerinitiativen gegen Bauprojekte auf bisherigem Gartengrund.

Ihr Kampf wird zäh: Denn meist werden den vertriebenen Kleingärtnern andere Parzellen als Ausgleich angeboten. Das erschwert ihre Argumentation, auch wenn die Angebote häufig einen gewaltigen Haken haben: Neue Kleingartenanlagen entstehen in der Regel am Stadtrand. Wer also bislang zentrumsnah gegärtnert hat, müsste fortan zu seiner Parzelle vielleicht durch die halbe Stadt fahren. Viele Städter werden da wohl lieber verzichten.

In jedem Fall werden die Pläne für diese Wohnbauprojekte wohl besonders kritisch begutachtet: Denn ein Aspekt der Wohnungsnot in den Städten ist auch, dass neue Projekte vorrangig im Hochpreissegment entstehen - weil die für die Bauträger weitaus rentabler sind als Wohnungen für Menschen mit durchschnittlichem oder sehr geringem Einkommen.

Strenge Gartenordnung verhindert Liegestuhl-Bräune

Insgesamt gibt es etwa eine Million Kleingärtner in Deutschland. Meist gibt es lange Wartelisten für die Parzellen - wer eine bekommt, kann sich aber nicht einfach über die günstige Pacht freuen und dann im Liegestuhl an seiner Bräune arbeiten. Es muss auch gepflanzt, geschnitten und gegossen werden. In der "Gartenordnung" des Münchner Kleingartenvereins heißt es etwa: "Mindestens ein Drittel der gesamten Gartenparzelle muss zum Anbau von Gartenerzeugnissen (Obst und Gemüse) genutzt werden." Weiters war zu erfahren: "Nadelgehölze sind nicht zulässig", und "Laubgehölze sind, fachlich geschnitten, auf maximal vier Meter Höhe zu beschränken". Ausnahmen nur nach Genehmigung, versteht sich.

Spießig? Mag sein. Gefragt? Allemal. Der Altersdurchschnitt deutscher Kleingärtner ist zuletzt deutlich gesunken, die Mehrzahl der neuen Parzellen geht an junge Familien. Generell scheint der Angriff auf die Schrebergärten wie aus der Zeit gefallen - passen sie doch so gut zum aktuellen Lebensgefühl trendbewusster Großstädter.

Platz für einen Plastik-Buddha

Urban gardening heißt im Hipster-Deutsch, was in den vergangenen Jahren zur repräsentativen Freizeitbeschäftigung wurde: In immer neuen Projekten versuchen Menschen, Grün in die Großstadt zu bringen und am Ende möglichst reiche Obst- und Gemüseernte einzufahren. Manchmal wird auf Hausdächern gepflanzt, manchmal auf kleinen Grünflächen in den Siedlungen. Einige dieser Projekte versuchen sich gar in bedingungslosem Vertrauen in die Städter und deren Fairness - etwa wenn auf bestimmten Flächen von allen, die des Weges kommen, angebaut und geerntet werden kann, wie es ihnen gerade passt.

Andere interpretieren den Trend weniger breitenwirksam und versuchen, zumindest in Gemüsefragen weitgehend zum Selbstversorger zu werden: Das hat bei vielen dieser Menschen mit Umweltbewusstsein und mit Nachhaltigkeit zu tun, weil Verpackung und Transportwege eingespart werden - und manchmal vielleicht auch mit dem Preis: Selbstgezogene Zucchini kosten mitunter Schweiß und Nerven, aber praktisch kein Geld.

Und zwischen dem Grün, natürlich, findet sich auch immer noch Platz für einen Gartenzwerg. Oder einen Plastik-Buddha.