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Schottland:Regen und Hanglage

Pouring a cup of tea in the Willow Tearoom designed by celebrated Glasgow architect, Charles Rennie Mackintosh, on Sauchiehall Street in the city centre of Glasgow, Scotland.

Typisch britisch: ein Tee am Nachmittag mit Sandwiches und Süßem, hier in einem Café im schottischen Glashaus.

(Foto: Alamy/mauritius images)

Der kühle Norden Großbritanniens ist für Whisky bekannt. Erstaunlicherweise wächst dort auch Tee. Inzwischen gibt es mehr als ein Dutzend kleine Plantagen. Liebhaber zahlen viel Geld für die Blätter.

Von Björn Finke

Der Himmel über Schottland ist wieder grau, und der ausdauernde Regen legt auch auf die Hügel ringsherum einen grauen Schleier. Auf der Anhöhe hinter einem Bauernhaus grasen schwarze Shetlandponys, an deren Mähne Wassertropfen hängen. Weiter oben ist ein Feld umzäunt. Dort stehen kniehohe Pflanzen in Reih und Glied, kleine Büsche, die bisher nicht mehr sind als eine Handvoll Äste mit grünen Blättern. Genau 1140 dieser Mini-Büsche wachsen hier, auf der Boghall Farm im Südwesten Schottlands. Eingepflanzt wurden sie erst im Mai. "Der Boden ist sauer, und wir haben viel Regen, wie man gerade sieht", sagt die Bäuerin Elma Ball. "Das sind optimale Bedingungen."

Optimale Bedingungen für Camellia sinensis, also für Teesträucher: Das Feld auf der Anhöhe ist eine kleine Teeplantage. Ball und ihr Mann halten auf ihrem zwölf Fußballfelder großen Bauernhof in der Region Dumfries and Galloway Schafe und Shetlandponys, doch nun soll Tee als Einnahmequelle hinzukommen. Schon im Februar kann die Ernte beginnen. "Später wollen wir weitere Büsche einpflanzen", kündigt Ball an.

"Meine Nachbarn dachten, ich sei ein Spinner", sagt der schottische Teebauer

Tee aus Schottland statt aus Asien oder Ostafrika: Klingt verrückt, aber das Anwesen ist weder die erste noch die einzige Plantage in der kühlen, windigen Region im Norden Großbritanniens. "Bisher gibt es hier 15 Teegärten", sagt Tam O'Braan. "Ende kommenden Jahres werden es fast doppelt so viele sein." Und das ist überwiegend sein Verdienst. Der 46-Jährige war der Erste, der ein Feld mit dem sensiblen Gewächs in Schottland anlegte, auf einer früheren Schaffarm anderthalb Autostunden nördlich von Edinburgh. Das war 2011. "Meine Nachbarn dachten, ich sei ein Spinner", erinnert sich O'Braan. "Noch nie hatte dort jemand Tee angepflanzt, also musste es unmöglich sein."

Doch der gebürtige Nordire betrachtete das widrige Klima eher als Ansporn. Schließlich ist er Agrarwissenschaftler. Früher tingelte O'Braan als Landwirtschaftsberater über die Kontinente, dann ließ er sich mit seiner schottischen Frau und den vier Kindern auf dem Bauernhof nieder.

Sein Experiment mit den Teebüschen gelang. Und wie: Der Tee aus Dalreoch - so heißt O'Braans Plantage - gewann 2015 einen Branchenpreis in Paris, die Blätter werden in Luxushotels und im schicken Londoner Feinkostladen Fortnum & Mason angeboten. Da sind für 20 Gramm Tee aus Dalreoch umgerechnet 48 Euro fällig. Exotische Herkunft hat eben ihren Preis. Zudem exportiert Teebauer O'Braan viele Blätter nach Asien und in die USA, gerade verhandelt er mit einem Importeur in Deutschland. Auf die Frage, ob er statt loser Blätter auch einmal schnöde Teebeutel verkaufen will, antwortet der Purist mit der Gegenfrage, ob der Besucher nun gehen möchte.

Sein Erfolg weckt das Interesse anderer Landwirte in Schottland. O'Braan sieht sie nicht als Rivalen an, sondern als Partner. Er verkauft den Bauern Stecklinge, berät sie beim Anlegen ihrer Plantagen. Deswegen steht er nun im gemütlichen Wohnzimmer der Tee-Novizin Elma Ball und diskutiert darüber, wie die Büsche auf der Anhöhe am besten vor Unkraut zu schützen sind. O'Braan gründete auch den Verband der schottischen Teebauern. Die zusammengeschlossenen Landwirte verhandeln gemeinsam mit Lieferanten und Abnehmern, ihre Ernte verarbeiten sie in einer kleinen Fabrik auf O'Braans Hof Dalreoch.

Dort wachsen inzwischen 14 000 Pflanzen; angefangen hat Teebaron O'Braan mit 2000. Die anderen schottischen Teegärten sind viel kleiner. Konkurrenz machten sich die Bauern nicht, eher ergänzten sie sich, sagt O'Braan. Schließlich verwandelten sie ihre Blätter in ganz verschiedene Teespezialitäten. In Dalreoch erntete O'Braan dieses Jahr zwischen 1100 und 1300 Kilo Tee. Der wird überwiegend als weißer Tee und geräucherter weißer Tee verkauft. Weißer, grüner und schwarzer Tee stammen alle von der gleichen Pflanze - der Unterschied liegt in der Wahl der Blätter und der Weiterverarbeitung, etwa dem Grad der Fermentierung. Elma Ball plant, weißen Tee mit Rosenaroma herzustellen. Sie will Blütenblätter von ihren Rosensträuchern den Teeblättern beimischen.

Die Briten sind eine Nation von Teetrinkern, der Großteil davon wird aus Kenia eingeführt. Allerdings sinkt der Verbrauch klassischen schwarzen Tees seit Jahren. Dafür schlürfen die Untertanen Ihrer Majestät mehr exotische Mischungen sowie mehr Kaffee als früher. O'Braan, Ball und die anderen schottischen Teebauern besetzen eine teure Nische: Sie verkaufen kleine unverschnittene Mengen loser Blätter an entdeckungsfreudige Liebhaber - und angenehmerweise wachse dieser Markt für Edeltee weltweit, sagt O'Braan.

Wer in England schottischen Tee serviert bekommen möchte, hat außer dem Café des Londoner Feinkostgeschäfts Fortnum & Mason nur eine Möglichkeit: Er muss, nicht weit davon entfernt, ins Restaurant des Luxushotels Dorchester am Hyde Park gehen. O'Braan beliefert in England lediglich diese zwei Abnehmer. "Das gibt unserem Tee besondere Exklusivität", sagt der Landwirt. Im Dorchester, im Hotelrestaurant "The Promenade", kostet eine Tasse weißer oder geräucherter weißer Tee aus Dalreoch umgerechnet 18 Euro. Restaurantleiter Peter Loncar sagt, schottischer Tee sei reizvoll für Genießer, "die etwas Neues, Einmaliges versuchen wollen". Meist wählten Gäste die geräucherte Version des Tees aus Dalreoch, berichtet er.

Im kühlen Schottland pflanzen Bauern das Gewächs an, etwa auf der Boghall Farm.

(Foto: privat)

Ein Kellner mit Anzug und Krawatte bringt die schrumpeligen, geräucherten Blätter, gießt den Tee auf. Das Wasser färbt sich gelb; die Farbe erinnert passenderweise an schottischen Whisky. Das teure Gebräu schmeckt leicht, ein wenig fruchtig, ein wenig rauchig, jedoch nicht bitter.

Die Teegärten in Schottland sind winzig im Vergleich zu den Plantagen in Asien und Ostafrika. Sie sind aber auch klein im Vergleich zu Tregothnan, dem Landgut in Cornwall, wo seit 1999 Tee angebaut wird. O'Braan war also nicht der Erste im Königreich, der Camellia sinensis anpflanzte. Aber er war der Erste in Schottland. Und während Cornwall an Englands Südküste für sein mediterranes Klima bekannt ist, muss das anspruchsvolle Grünzeug in Schottland mit deutlich rauerem Wetter klarkommen.

"Die Pflanze geht durch die Hölle, aber unser Ertrag vervierfacht sich."

"Man muss eben die richtige Sorte auswählen", sagt O'Braan. "Teebüsche wachsen nicht nur in heißen Regionen, sondern auch im Himalaja. Da sind sie im Winter von Schnee bedeckt." Die Pflanze mag Hanglagen und viel Wasser - von beidem gibt es reichlich in Schottland. Zudem profitierten die Teebauern vom Klimawandel, sagt der Plantagenbesitzer. So sei das erste Halbjahr 2016 das mildeste seit Menschengedenken in Schottland gewesen.

"Das größte Problem hier ist der starke Wind", sagt der Fachmann. Dagegen müssen die Pflanzen geschützt werden. Auf der Boghall Farm, bei Elma Ball, hält ein Zaun aus Plastikfolie die Böen ab. Allerdings reicht es O'Braan nicht, bloß zu zeigen, dass Tee in Schottland überleben kann - der Agrarexperte will auch üppige Ernten einfahren, trotz des härteren Klimas. "Damit Teeanbau in Schottland zum lukrativen Geschäft wird, sind dann doch Tricks nötig", sagt er. So umgibt er jede einzelne Pflanze mehrere Monate im Jahr mit einer Plastikröhre, die wenig Sonne durchlässt. "Weil sie nicht genug Licht bekommt, produziert die Pflanze oben mehr Blätter, die wir frisch ernten können", sagt O'Braan. "Die Pflanze geht durch die Hölle, aber unser Ertrag vervierfacht sich."

Schön für den Landwirt - und für die Liebhaber exotischer Tees.

© SZ vom 29.12.2016
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