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Schnelles Internet:Angriff auf die Telekom

Vodafone will Unitymedia übernehmen - und besäße dann fast das gesamte TV-Kabelnetz mit 25 Millionen Anschlüssen bundesweit. Die Fusion hätte große Folgen für Internetnutzer, Fernsehzuschauer und die Konkurrenz.

Als Deutschland vor zwei Jahrzehnten die Bundespost privatisierte, stellte die EU eine Bedingung: Wenn die Telekom schon das Telefonnetz erbt, das der Staat errichtet hatte, dann müsse sie wenigstens ihr TV-Kabelnetz abgeben. So wollte Brüssel damals den Wettbewerb beleben. Also verkaufte die Telekom ihre Fernsehkabel in regionalen Häppchen an Investoren. Im Laufe der Jahre erwuchs daraus etwa die Firma Unitymedia, die das Kabelnetz in Baden-Württemberg, Hessen und Nordrhein-Westfalen betreibt.

Nun könnten fast 90 Prozent der Kabel bundesweit wieder in eine Hand kommen: Der Telekom-Rivale Vodafone will für 18,4 Milliarden Euro Unitymedia übernehmen, dazu Netze von Liberty Global in Osteuropa. Das gaben die Konzerne nach monatelangen Verhandlungen bekannt. Sollten die Kartellbehörden zustimmen, stände dem europäischen Telekommunikationsmarkt die größte Fusion seit Jahren bevor. "Es wächst hier zusammen, was zusammengehört", sagt Hannes Ametsreiter, Chef von Vodafone Deutschland. Denn in allen anderen Bundesländern ist das Unternehmen mit seiner Tochterfirma Kabel Deutschland bereits vertreten.

Die geplante Fusion betrifft Millionen Fernsehzuschauer und Internetnutzer. Denn die Anbieter haben ihre Kabel derart aufgerüstet, dass Kunden darüber auch telefonieren und surfen können - letzteres schneller als mit den meisten Anschlüssen der Telekom. Falls Vodafone also Unitymedia übernehmen darf, hätte die Telekom erstmals einen Konkurrenten, der in allen Bundesländern Internet auf eigenem Netz anbieten kann. Die Verbraucherzentrale Bundesverband begrüßt den Plan: "Starker Wettbewerb gegen die Telekom ist wünschenswert", sagt Vorstand Klaus Müller.

Die Glotze muss weg...

Weg mit alter Technik: Der Kabelnetzbetreiber Vodafone will den deutschen TV-Markt aufmischen.

(Foto: Arno Burgi/dpa)

Gemeinsam haben Vodafone und Unitymedia 25 Millionen Kabelanschlüsse bundesweit. Dieses Netz will Vodafone nach der Übernahme weiter aufrüsten, sodass Internetkunden einen Gigabit Daten pro Sekunde herunterladen können. Mit dieser Bandbreite lässt sich etwa der Inhalt einer DVD binnen einer Minute laden. Und genau diese Geschwindigkeit nennt die Bundesregierung im Koalitionsvertrag als neues Ziel für ganz Deutschland. Wenn die Übernahme gelingt, will Vodafone alle Kabelanschlüsse bis zum Jahr 2022 für diese Bandbreite rüsten. Die Nutzer bräuchten dann neue Telefonrouter in der Wohnung.

Den Unitymedia-Kunden könnte Vodafone nach der Fusion vier Produkte im eigenen Netz anbieten: Kabelfernsehen, Telefon, Internet und Handyverträge. "Bündelprodukte werden wir unter der Marke Vodafone in den Markt bringen", sagt Ametsreiter. Ob die Marke Unitymedia ganz verschwinden soll, stehe noch nicht fest.

Zudem müsste Vodafone im Großteil Baden-Württembergs, Hessens und Nordrhein-Westfalens keine Festnetzanschlüsse der Telekom mehr anmieten. Diese Kunden könnte das Unternehmen auf das Kabelnetz von Unitymedia verweisen. "Wir könnten mit der Übernahme unsere eigenen Netze noch besser auslasten", sagt Ametsreiter. So hoffen die Konzerne, jährlich 535 Millionen Euro mehr Gewinn zu erwirtschaften als ohne die Fusion. Wie viele Arbeitsplätze dafür wegfallen, steht noch nicht fest.

Doch hat ihr Gigabit-Versprechen einen Haken: Je mehr Geräte gleichzeitig einen Kabelanschluss nutzen, desto langsamer wird das Internet für jeden Einzelnen. Zudem lassen sich Daten langsamer hochladen. Experten erwarten daher, dass sich langfristig eher Glasfaserhausanschlüsse durchsetzen werden. Diese schnelleren Leitungen bundesweit zu verlegen wird aber noch Jahre dauern und etliche Milliarden kosten. Vodafone setzt mithin auf eine Brückentechnologie.

Nichtsdestotrotz haben die Kabelanbieter zuletzt Jahr für Jahr Hunderttausende Internetkunden hinzugewonnen. Entsprechend gereizt reagiert die Telekom auf die Fusionspläne. Konzernchef Tim Höttges warnt vor einer "Remonopolisierung des Kabelmarkts". Er wolle "persönlich dafür kämpfen", dass die Telekom nicht benachteiligt werde. Auch die Verbraucherzentrale fordert, dass der Staat nun prüfen sollte, ob auch Kabelanbieter künftig ihr Netz für Wettbewerber wie 1&1 öffnen müssten. Bislang ist dazu nur die Telekom verpflichtet.

Anbieter, die schon heute Glasfaserkabel bis ins Haus verlegen, kritisieren die Fusionspläne ebenfalls. Der Bundesverband Glasfaseranschluss (Buglas) befürchtet, dass Vodafone dank der Größenvorteile die Preise im Markt senken könnte. Dies könnte zwar die Kunden freuen, würde den Glasfaserausbau aber "erheblich erschweren", warnt der Verband in einem Brief an das Bundeswirtschaftsministerium. Die Kabelanbieter hätten ohnehin den Vorteil, dass sie mit Wohnungsunternehmen kooperieren: Viele Mieter zahlen den Kabelanschluss mit ihren Nebenkosten.

Insgesamt schauen 14 Millionen zahlende Kunden über die Kabel von Vodafone und Unitymedia fern. Sender, die ihr Programm über Kabel verbreiten wollen, kämen also nicht umhin, mit dem Konzern zu verhandeln. Vodafone würde nach der Fusion den TV-Markt dominieren, warnt der Verband Privater Rundfunk und Telemedien (VPRT): "Im Ergebnis ist die Meinungsvielfalt und Vielfalt von Anbietern sowie Angeboten im deutschen Medienmarkt gefährdet", sagt VPRT-Chef Hans Demmel.

Allerdings machen sich die Kabelanbieter auch heute keine Konkurrenz, weil sie in unterschiedlichen Bundesländern aktiv sind. Zudem schauen gerade junge Menschen immer mehr Filme über das Internet oder Plattformen wie Netflix statt über Kabel oder Satellit. "Wir sehen eine große Dynamik im Fernsehmarkt", sagt Vodafone-Chef Ametsreiter. "Wir wollen eine Plattform sein, die diese ganze Vielfalt anbietet."

Ob Vodafone die Pläne umsetzen darf, entscheiden nun die Kartellbehörden. Der Konzern schätzt, dass deren Prüfung sechs bis zwölf Monate dauern könnte. Bislang hatte das Bundeskartellamt verhindert, dass sich hiesige Kabelanbieter zu einem Unternehmen zusammenschließen. Doch Vodafone argumentiert, dass Neuheiten wie Netflix oder die Glasfaseranbieter den Markt verändert hätten. Letztlich wird die EU-Kommission über die Fusion entscheiden. So wie damals vor zwei Jahrzehnten, als der ganze Wettbewerb begann.