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Schmerzmittel:"Die Drogen sind überall"

In den USA sterben mittlerweile mehr Menschen an opiumhaltigen Schmerzmitteln als an Schussverletzungen. Eine Kleinstadt klagt deswegen nun gegen den Pillen-Hersteller Purdue. Der ist sich keiner Schuld bewusst.

Die Spuren der Drogen finden sich im Städtchen Everett überall. An den Straßenecken, an denen sich die Dealer kaum noch verstecken. 160 000 Dollar hat es gekostet, an einem einzigen Drogenumschlagplatz den Müll zu entsorgen, den die Junkies hinterließen.

Man sieht die Spuren in den überfüllten Suchtkliniken und den Gefängnissen. Und man findet sie in den Unterkünften, in denen kein Platz für neue Obdachlose ist. Gerade baut Everett 70 neue Sozialwohnungen. Die Stadt mit 100 000 Einwohnern liegt nördlich von Seattle im US-Bundesstaat Washington. Im Nordteil der Stadt und im angrenzenden Gebiet der Tulalip-Indianer ist es am schlimmsten. "Die Drogen sind überall", sagt Hil Kaman, der Leiter des Gesundheitsamts. "Einfach überall." Die Stadt Everett will ihr Geld zurück, mehrere Millionen habe sie schon für den Kampf gegen die Drogen ausgegeben. Deshalb haben die Stadtväter eine Anwaltskanzlei aus Seattle angeheuert und den Pharmakonzern Purdue verklagt, der Oxycontin herstellt. "Wir sind uns sicher, dass Purdue verantwortlich für den riesigen Zuwachs an Drogensüchtigen hier", sagt Kaman. "Jetzt sollen sie auch dafür verantwortlich sein, uns mit dem Kampf gegen die Epidemie zu helfen."

Eine kleine Operation, schon verschreiben Ärzte das Schmerzmittel

Opiumhaltige Schmerzmittel sind in den USA leicht zu bekommen. Eine kleine, ambulante Operation oder Rückenschmerzen - schon verschreiben Ärzte Oxycontin oder andere Pillen wie Vicodin oder Percocet, die Opioide enthalten. Sie machen schnell abhängig. Oft verlieren die Menschen die Kontrolle und kommen von den Tabletten nicht wieder los. Wenn Ärzte sie nicht mehr verschreiben, suchen die Süchtigen einen Schwarzmarkt-Händler. Und wenn sie herausfinden, dass Heroin genauso wirkt, aber viel billiger ist, wechseln sie zu Heroin. Eine Oxycontin-Pille kostet etwa 80 Dollar, ein Schuss Heroin zwischen fünf und zehn. Außerdem hat Purdue die Zusammensetzung vor einigen Jahren geändert, Oxycotin kann jetzt nicht mehr so leicht missbraucht werden, was Heroin noch attraktiver macht. "Zwischen 2007 hatten wir einen dramatischen Anstieg der Oxycontin-Abhängigen", sagt Kaman vom Gesundheitsamt. "Danach folgte die Heroin-Krise." Sie traf auch Menschen mit Job, Haus und Familie, die jetzt auf der Straße leben.

In den USA sterben inzwischen mehr Menschen an Opioiden als an Schussverletzungen, 33 000 waren es 2015. In Deutschland töteten im selben Jahr alle illegalen Drogen zusammen 1226 Menschen. Die Drogen haben auch eine politische Dimension: Die Abhängigen sind vor allem Weiße auf dem Land und in Kleinstädten. Die Armen und die frustrierte und von Abstiegsängsten geplagte Mittelschicht fühlten sich allein gelassen. Donald Trump schnitt laut einer Studie der Penn State University dort am besten ab, wo die Sterberate wegen Drogen- und Alkoholmissbrauch am höchsten lag.

Der Hersteller Purdue behauptete jahrelang, dass kaum jemand süchtig wird, der die Pille gegen Schmerzen nimmt. Das entpuppte sich als falsch. 2007 gestand der Pharmakonzern mit Sitz in Stamford nördlich von New York in einem Gerichtsverfahren ein, Patienten, Ärzte und Aufsichtsbehörden über die Risiken belogen zu haben, und zahlte 600 Millionen Dollar Strafe. Geschadet hat es kaum, Oxycontin verkauft sich noch immer prima, allein in den USA bringt die Pille Purdue rund drei Milliarden Dollar Umsatz pro Jahr. Die Sackler-Familie, der die Firma zu 100 Prozent gehört, verfügt laut dem Magazin Forbes über ein Vermögen von 13 Milliarden Dollar - Platz 19 der Liste der reichsten US-Familien.

Der Konzern habe eine Klinik beliefert, die Teil eines kriminellen Rings ist

Zur Klage äußerte sich der Konzern nicht, er wies lediglich darauf hin, dass Oxycontin nur zwei Prozent aller Opioid-Schmerzmittel ausmache. "Wir teilen die Sorgen von Amtsträger um die Opioid-Krise und fühlen uns verpflichtet, gemeinsam an einer Lösung zu arbeiten", sagte ein Konzernsprecher. Everetts Klage setzt an einem besonderen Punkt an: Purdue habe nicht genug dagegen getan, dass kriminelle Ärzte, Kliniken, Apotheken und Pharmagroßhändler massenweise Oxycontin aufkaufen und auf dem Schwarzmarkt an Abhängige weiterverteilen, schreibt die Stadt in der Klage. In Los Angeles zum Beispiel gab es eine Klinik, die eine Purdue-Inspektorin sogar besucht und für verdächtig gehalten habe. Doch nichts geschah, trotz ihrer internen Warnungen. Der Konzern habe die Drogenbehörden nicht informiert, als er klare Hinweise hatte, dass die Klinik Teil eines Drogenrings ist, und "wissentlich, rücksichtslos oder fahrlässig" weiter an sie geliefert, "für große und obszöne Profite", heißt es in der Klage. "Das belegen interne Emails, die uns vorliegen", sagt Kaman. Über die Jahre kaufte die Klinik mehr als eine Million Oxycontin-Pillen, die auch nach Everett gelangt sein sollen. Ob die Klage Erfolg hat, ist ungewiss. Sie ähnelt Verfahren, die Städte mit vielen Schießereien gegen Waffenhersteller angeleiert haben - meist ohne Erfolg.

Kaman ist allerdings optimistisch: "Uns ist klar, dass die Klage kühn ist, aber wir haben gute Beweise. Purdue muss die Verantwortung tragen."

© SZ vom 27.01.2017
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