Schließung des Autowerks in Belgien: "Es ist eine Katastrophe"

Dass etwas nicht stimmt, ahnten alle, als für Mittwoch eine Gewerkschaftsversammlung angesetzt wurde. Elektriker Anastasios rührt seinen Kaffee, viel Zucker, viel Milch. Er hat Mittwoch vor der Tür gewartet, es war voll im Saal. Dann kam eine Kollegin raus: "An ihrem Gesicht habe ich gesehen, dass es vorbei ist." Die Nachricht habe der Ford-Europachef Stephen Odell schriftlich mitgeteilt. "Er hatte nicht den Mumm, selbst zu kommen." Deswegen hängt Odells Bild am grünen Zelt. Darunter steht auf flämisch "Feigling".

Auch auf die Deutschen sind sie Genk nicht gut zu sprechen. Ihr Werk muss schließen, damit die in Köln und in Saarlouis erhalten bleiben, davon sind alle überzeugt. Die mächtige IG-Metall habe einen Deal mit Odell, sagt Champagne. "Deutschland ist eben größer als wir und hat mehr Kunden." Und Deutschland habe eine große Gewerkschaft, nicht drei. Der Industrieverband Agoria sieht noch andere Gründe, warum es offenbar immer Belgien trifft, hohe Energie- und Lohnkosten zum Beispiel.

Für Wim Dries sind das alles keine Gründe. Schuld seien die belgischen Gesetze, die es den Firmen leicht machten, Werke in Belgien zu schließen, sagt der Bürgermeister von Genk. Während er erzählt, gähnt er immer wieder. Die letzten Tage waren anstrengend. Er hat zwanzig Minuten zum Reden, minus drei Anrufe, die zwischendurch reinkommen - einmal ist sogar der flämische Sozialminister dran.

Vom größten Werk zur Entlassungswelle

Um das Gähnen zu stoppen holt Dries eine Cola aus dem Kühlschrank, der sich in seinem riesigen modernen Büro hinter einen Schiebetür versteckt. Alles ist in weiß gehalten, eine Ecke des Schreibtisches ist kunstvoll angeleuchtet. Ein Kontrast zum Ausblick auf die grauen Wohnburgen vor dem Fenster. Genk, der drittgrößte Industriestandort der Region Flandern nach Gent und Antwerpen, ist mit dem Kohleabbau groß geworden. Als Mitte der 60er Jahre die erste Zeche schloss, kam fast zeitgleich Ford. Zwischendurch war das Werk mit 14.000 Arbeitsplätzen das größte in Europa, erzählt Dries.

Die letzte große Entlassungswelle war 2003, damals mussten 3000 Mitarbeiter gehen. Und jetzt? "Es ist eine Katastrophe", sagt Dries. Er bereitet mit der flämischen Regierung einen Sozialplan vor. "Es muss ein gewaltiger Sozialplan werden", sagt er. "Ford muss dafür sorgen, dass Genk das überlebt."

© SZ vom 27.10.2012/fran
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