Süddeutsche Zeitung

Schlecker:Wenn niemand mehr einkaufen kommt

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Fernsehauftritte, ganzseitige Anzeigen, Mitarbeiteraktionen: Mit einer Imagekampagne stemmt sich Schlecker gegen das Aus. Im Hintergrund arbeitet ein Insolvenzverwalter an der Rettung der insolventen Drogeriekette und dem Erhalt der etwa 35.000 Arbeitsplätze. Doch die Kunden bleiben weg.

Max Hägler

Auch die Redakteure des ARD- Morgenmagazin waren gespannt: Wie wird sich Lars Schlecker, 40, wohl bei seinem ersten Live-Interview schlagen? Bekommt der Sohn des insolventen Groß-Drogisten Anton Schlecker, 67, das souverän hin? Am Freitagmorgen sitzt er dann in Köln im Studio des WDR und erklärt: "Wir sind frohen Mutes!" Sympathisch wirkt er, der Blick hinter der übergroßen Brille wirkt neugierig, offen, die Locken sind wuschelig, die Stimme schwankt ein wenig, vielleicht aus Unsicherheit. Unter dem Pulli trägt er nur ein Hemd, keine Krawatte.

Der Auftritt klappt, soweit das möglich ist. Die neue Generation Schlecker ist ganz normal, nett, das kommt an beim Zuschauer. Vorbei die Zeiten, in denen der medienscheue Vater Anton im Dauerclinch war mit den Gewerkschaften wegen miserabler Arbeitsbedingungen und bei seinen seltenen Auftritten schon mal ein Versace-Hemd im Papageien-Look trug.

Dass nun ein Familienmitglied live und in Farbe von der Unternehmensentwicklung und dem aktuellen Stand ("Die Zeichen stehen ganz klar auf Sanierung") erzählt, dürfte jedoch weniger der persönlichen Imagepflege geschuldet sein. Es geht darum endlich wieder Kunden in die Schlecker-Filialen zu bekommen. Viele sind verschreckt, erst durch leere Regale und dann endgültig durch die Insolvenznachricht im Januar. Doch wenn niemand mehr kommt, dann kann man sich das geplante Restrukturieren der Drogeriekette sparen.

Und diese Gefahr ist offenbar real - der Auftritt von Lars Schlecker soll das ändern. Und auch zwei offenbar flankierende PR-Aktionen: "Wir sind weiter für Sie da" wirbt da in der Freitagsausgabe der Bild-Zeitung eine ganzseitige Anzeige im Namen der Familie Schlecker und der Mitarbeiter. In Handschrift, was nett wirkt wie der Auftritt von Lars Schlecker, wird da gelobhudelt. "Wir arbeiten gern in unserem Schlecker-Markt", steht da etwa - weil Schlecker einen guten Tarifvertrag biete und gute Arbeitsbedingungen. Den Weg "möchten wir weiter gehen". Und deshalb sollen die Leute doch wieder in die Läden kommen. "Sie können von uns wieder wöchentlich wechselnde, attraktive Angebote, bekannte Marken und unsere sehr guten Eigenmarken erwarten."

In derselben Tonart treten derzeit auch einige Schlecker-Mitarbeiter in Stuttgart auf. Mit weißen T-Shirts informierten sie in den vergangenen Tagen Passanten vor den Filialen. "Wir wollen Schlecker retten", steht auf den T-Shirts und ausgestattet sind sie mit Papieren auf denen derselbe Spruch steht wie in der Zeitungsanzeige ("Wir sind weiter für Sie da"). Einen Verein haben diese Schlecker-Mitarbeiter gar gegründet, über dessen Wirken das Morgenmagazin auch berichtet an diesem Freitagmorgen.

Die Berater von McKinsey sollen jetzt eine Linie reinbringen

Als Kontakt ist eine Adresse in Wendlingen angegeben - es ist eine Schlecker-Dependance ist, wie Unternehmenskenner sagen. Aus der Gewerkschaft Verdi heißt es, dass die Aktion von Vertriebsleitern und Bezirksleitern gestartet wurde. Das seien aber genau "die verbrannten Personen, die die Mitarbeiter schlecht behandeln". Das Management sollte also diese Vereinsgründung schnellstens überdenken. "Sonst fühlen sich die Kunden schon wieder veräppelt", heißt es von der Gewerkschaft, obwohl die ebenfalls auf mehr Kunden in den Filialen hofft. Danach sieht es aber nicht aus: Ab der kommenden Woche sollen sich auch Kunden über Facebook dem Rettungsverein anschließen können, heißt es aus dem Unternehmen.

Während also die Imagekampagne mit Breitenwirkung läuft, arbeitet im Hintergrund der Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz an der Rettung der Drogeriekette und dem Erhalt der etwa 35.000 Arbeitsplätze. Zum einen traf sich nach SZ-Informationen bereits einmal ein Gläubigerausschuss. Diesem sollen je ein Vertreter des Warenkredit-Versicherers Euler Hermes und des Einkaufsverbundes Markant angehören, aber auch der leitende Justiziar der Gewerkschaft Verdi, Jens Schubert sowie ein Münchner Rechtsanwalt, der dann den Gesamtbetriebsrat vertritt.

Dieses Gremium wird entscheidenden Anteil haben, ob und wie Schlecker weitermachen darf. Nur mit Zustimmung der Gläubiger kann das Unternehmen - wie von der Eignerfamilie geplant - nach einer Restrukturierung weitergeführt werden. Die Ideen dazu kommen mittlerweile nicht mehr nur von der Familie Schlecker selbst oder aus dem Haus, sondern auch von Beratern. Unterschiedlichen Informationen der SZ zufolge hat Insolvenzverwalter Geiwitz die Unternehmensberatung McKinsey eingebunden. Eine Bestätigung gibt es nicht. Von einem Gewerkschafter heißt es: "Im Falle Schlecker begrüßen wir McKinsey, die bringen Linie rein in diesen verfahrenen Laden."

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Quelle:
SZ vom 18.02.2012
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