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Schlecker-Prozess:Ein alter Vertrauter belastet Anton Schlecker

Fortsetzung Schleckerprozess

Auf dem Weg zum Gericht in Ehingen: Anton Schlecker (Mitte) am Dienstag mit seinen Kindern Meike und Lars.

(Foto: dpa)
  • Im Prozess um die Pleite der Drogerie-Kette Schlecker hat der ehemalige Prokurist und Berater von Anton Schlecker ausgesagt.
  • Er berichtet von seinem Verhältnis zur Familie und belastet Anton Schlecker indirekt, über komplizierte Firmenkonstrukte Geld hin- und hergeschoben zu haben.

Von Stefan Mayr, Ehingen

Der Name Schlecker sorgt auch Jahre nach der Pleite der Drogerie-Kette noch für viel Aufsehen. Zu beobachten an diesem Dienstag in Ehingen: Viele Menschen sind auf dem Marktplatz der kleinen Stadt unterwegs und beobachten den ehemaligen Firmenpatriarchen Anton Schlecker und seine Familie auf dem Weg zum Amtsgericht. Eigentlich wird die Schlecker-Insolvenz in Stuttgart verhandelt, doch der sechste Prozesstag wurde wegen des Gesundheitszustandes des Zeugen nach Ehingen verlegt: Reinhold Freudenreich, 90 Jahre alt, ehemaliger Schlecker-Prokurist und über lange Zeit ein enger Berater des Firmenchefs, soll hier befragt werden.

Freudenreich arbeitete schon für Anton Schleckers Vater in der Metzgerei, später dann für den Drogerie-Konzern. Insgesamt 59 Jahre stand er in Diensten der Familie, kennt sie also gut. Die Staatsanwälte erhoffen sich durch seine Aussage einen besseren Einblick in die Geschäfte der Schleckers. Denn die Familienmitglieder sollen schon lange gewusst haben, wie schlecht es um ihr Unternehmen stand - lange, bevor es schließlich 2012 offiziell Insolvenz anmeldete. Ihnen wird deshalb vorgeworfen, angesichts der drohenden Pleite vorsätzlich 25  Millionen Euro aus dem Betriebsvermögen beiseitegeschafft zu haben, um sie dem Zugriff der Gläubiger zu entziehen.

Freudenreich kennt Anton Schlecker, seit der sechs war

Freudenreich, der ehemalige Prokurist, soll also helfen, die Sache zu klären. Doch zunächst bekommen die Staatsanwälte deutliche Kritik zu hören: Der Zeuge wirft ihnen vor, sie würden ihn als unglaubwürdig und unseriös darstellen. "Ich lasse mir das nicht gefallen", stellt er klar. Etwa 50 Zuschauer verfolgen in dem kleinen, stuckverzierten Gerichtssaal, wie er anschließend über sein Verhältnis zur Familie Schlecker spricht. Der 90-Jährige monologisiert, verzettelt sich, schweift ab.

Anton Schlecker habe er kennen gelernt, als der spätere Unternehmenschef gerade einmal sechs Jahre alt war. Von Beginn an seien sie daher per Du gewesen. Auch über die Zeit vor der Pleite spricht er: "Anton Schlecker war nie der Meinung, dass es zu Ende ist." Selbst nach Anmeldung der Insolvenz habe Schlecker wohl immer noch geglaubt, "dass es irgendwie noch weitergeht".

Das Gericht befragt den Zeugen auch zu dem unübersichtlichen Firmen-Konstrukt, das Anton Schlecker im Laufe der Jahre aufgebaut hatte. Das Logistik-Unternehmen LDG war auf dem Papier ein eigenständiges Unternehmen, das seinen Kindern Lars und Meike gehörte. Die Entscheidungen aber traf stets Anton Schlecker, obwohl er formal nur Kunde der Firma war. Wenn die LDG eine neue Maschine brauchte, habe sie diese "Bitte an mich herangetragen", sagt Freudenreich. Dieser Wunsch sei dann mit Schlecker Senior besprochen worden. "Er hat das dann genehmigt", sagt der Zeuge. Das sei immer so gelaufen: "Das letzte Wort hatte Herr Schlecker."

Auch seine Kinder fordern Millionen von Anton Schlecker

Indirekt bestätigt er damit den Verdacht, dass die LDG nur ein Vehikel war, um den Schlecker-Kindern Geld zuzuführen. Geld, das dem Konzern letztlich fehlte. Die Firma habe Leiharbeiter verhältnismäßig günstig angestellt und dann gegenüber dem Schlecker-Konzern teuer berechnet, so der Zeuge. Im Januar 2012 musste der Konzern Insolvenz anmelden, wenig später ging auch die LDG pleite.

Zu den Kuriositäten dieses Prozesses gehört, dass Lars und Meike Schlecker auch auf der Liste der größten Gläubiger stehen, die noch Geld von Anton Schlecker fordern. Sie haben eine Forderung von 68 Millionen Euro gemeldet. Diese Summe setzt sich zusammen aus einem 50-Millionen-Kredit und einer offenen Logistik-Rechnung über 18  Millionen Euro. Sein Verhältnis zu den beiden Kindern des Chefs beschreibt Freudenreich sehr unterschiedlich: Zu Tochter Meike Schlecker habe er eine sehr gute Beziehung gehabt, habe sie während ihrer Schwangerschaft auch mal "in den Arm genommen". Ganz anders beschreibt er seine Beziehung zu ihrem Bruder Lars: "Den würde ich selbst mit der Beißzange nicht in den Arm nehmen."

Die beiden Schlecker-Kinder verfolgen die Erzählungen meist schweigend, wie sie es den gesamten Prozess über getan haben - und wie es auch ihre Eltern bisher tun. Ob sie selbst irgendwann zur Aufklärung beitragen werden, ist noch unklar. Zuletzt kündigten ihre Anwälte an, irgendwann würden die Schleckers Fragen beantworten. Mit einer Entscheidung des Gerichts in dem Prozess wird frühestens im Oktober gerechnet.

© SZ.de/stma/vd/sry

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