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Schlecker-Prozess:Ehemalige Mitarbeiter wollten Haft für Anton Schlecker

Anton und Lars Schlecker vor Gericht

Da hofften sie noch auf ein mildes Urteil: Anton Schlecker und seine Kinder Lars und Meike während der Gerichtsverhandlung im Juli.

(Foto: Alexander Scheuber/Getty)
  • Die Bewährungsstrafe für den Drogerie-Patriarchen enttäuscht viele frühere Angestellte. Der Verkündung der Haftstrafe für Sohn Lars folgte Jubel im Gerichtssaal.
  • Bis zuletzt konnte sich die angeklagte Familie nicht zu einer Entschuldigung durchringen.
  • Stattdessen offenbarte der Prozess die Zerrissenheit zwischen Vater Anton und seinen Kindern.

Alle drei Angeklagten sitzen mit dem Rücken zum Zuhörerraum. Regungslos, den Blick starr nach vorne gerichtet. Nur Meike Schlecker ist die Fassungslosigkeit über das Urteil auch von hinten anzusehen. Mit hängenden Schultern sitzt sie da, schüttelt immer wieder den Kopf. Fragend blickt sie ihren Anwalt an. Aber auch der kann ihr nicht helfen. Zwei Jahre und acht Monat Haft. So lautet das Urteil des Landgerichts Stuttgart, wegen Untreue, vorsätzlichen Bankrotts und vorsätzlicher Insolvenzverschleppung. Die 44-jährige Mutter zweier Kinder muss also ins Gefängnis, wie auch ihr Bruder Lars, 46. Er muss sogar einen Monat länger sitzen, zwei Jahre und neun Monate. Und ihrem Vater Anton Schlecker, der eigentlich immer als Hauptangeklagter bezeichnet wurde, bleibt die Haft erspart. Seine Zwei-Jahres-Strafe hat die Kammer auf Bewährung ausgesetzt. Zusätzlich muss er 54 000 Euro Geldstrafe bezahlen.

Als der Vorsitzende Richter Roderich Martis die Entscheidung der Großen Strafkammer verliest, regt sich im vollbesetzten Sitzungssaal 1 des Stuttgarter Justizzentrum großer Unmut. Die Zuhörer - darunter etliche ehemalige Mitarbeiter des längst abgewickelten Schlecker-Konzerns - lassen keinen Zweifel daran: Sie wollten den 73-jährigen gestürzten Patriarchen im Gefängnis sehen.

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Als die Haftstrafe für Lars Schlecker verkündet wird, jubelt eine Frau laut auf: "Jjjjaaa!" Die Haftstrafe für Meike Schlecker wird dagegen mit einem breiten Schweigen quittiert. Eine getrennt lebende Mutter mit zwei Kindern im Teenageralter muss in den Knast? Da jubelt dann doch keiner.

Was für eine Familientragödie, die da in den vergangenen neun Monaten vor dem Landgericht Stuttgart in aller Öffentlichkeit aufgearbeitet wurde. Zuerst lenkte der starrsinnige und beratungsresistente Firmenpatriarch sein Unternehmen trotz zahlreicher Interventionsversuche seiner Kinder an die Wand. Jetzt müssen sie auch noch ins Gefängnis, weil sie im letzten Moment versuchten zu retten, was zu retten war. Und weil er sich beim Beiseiteschaffen des Geldes etwas geschickter anstellte, muss der Patriarch nicht ins Gefängnis. Was für eine arme reiche Familie. Was für ein armer reicher Mann.

Anton Schlecker kann von Glück sprechen

Kann er jetzt glücklich werden, in Freiheit zwar, aber mit den Kindern im Knast? In der Öffentlichkeit braucht Anton Schlecker sich ja nach wie vor nicht blicken zu lassen. Er ist schließlich nicht freigesprochen, sondern nur auf Bewährung auf freiem Fuß. Man fragt sich unweigerlich, was geschehen wäre, wenn sich die drei Angeklagten zu einem Geständnis und einer Entschuldigung durchgerungen und viel früher eine Schadenswiedergutmachung gezahlt hätten. Anton Schlecker, 73, wäre zumindest von einigen Menschen wohl vergeben worden. Seine Kinder wären vielleicht auch mit einer Bewährungsstrafe davongekommen. Ein Neuanfang, wenn schon nicht im heimischen Ehingen, sondern in London oder Berlin, wo sie leben, wäre möglich gewesen. So aber haben sich alle drei nach dem völligen Zusammenbruch ihrer Firma noch tiefer in die Misere geritten.

Dennoch kann Anton Schlecker von großem Glück sprechen. Er war ja 1998 schon einmal zu zehn Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden, weil er seine Beschäftigten unter Tarif bezahlt hatte. 2007 musste er 450 000 Euro Geldstrafe zahlen wegen Urkundenfälschung. Wenn diese Taten nicht schon verjährt gewesen wären, wäre auch er nicht mit einer Bewährungsstrafe davongekommen.

"Gewisser Generationenkonflikt"

Je länger der Prozess dauerte, desto deutlicher trat Anton Schleckers Starrsinn zutage. Am zweiten Prozesstag meldet er sich nach jahrzehntelangem Schweigen erstmals öffentlich zu Wort. Dabei weist er alle Vorwürfe zurück und gibt einen Einblick in sein Seelenleben. Er erzählt von seiner "nicht einfachen" Beziehung zu seinem Vater. Es habe "harte Auseinandersetzungen" gegeben. Selbst, als er schon 1000 Filialen betrieb, sei der Vater noch skeptisch gewesen: "Er hielt nichts davon." Schlecker: "Ich wusste, dass ich niemals nachgeben durfte. Ich musste mich immer durchsetzen, wie immer in meinem Leben." Wie immer in meinem Leben? Diese Lebenseinstellung brachte Schlecker nach oben. Und nach ganz unten. Wurden schon in Schleckers Jugend die Weichen für diese Tragödie gestellt? "Durchsetzen, Widerstände überwinden, etwas erreichen und recht behalten", sagt er, "das begleitete mich mein ganzes Leben lang."

Im Juli spricht er nochmals. Diesmal über das Verhältnis zu seinen Kindern. Dabei lässt er durchblicken, dass auch dieses nicht einfach ist. Er spricht von einem "gewissen Generationenkonflikt": "Meine Kinder wollten, dass ich mich zurückhielt", sagt er. "Man wollte neue Wege gehen ohne die Alten." Er sagt wirklich "Man" und "die Alten". Und er ließ die Jungen nicht machen. Beim letzten Rettungsversuch mit Hilfe externer Unternehmensberater mischte er sich ein. Damit grub er das Grab der Firma - und lieferte damit auch den Anlass für die Haftstrafe seiner Kinder.

Zu einer Entschuldigung konnten sich die Angeklagten nicht durchringen

Sechs Jahre nach der aufsehenerregenden Schlecker-Pleite im Januar 2012 und neun Monate nach Prozessbeginn sieht es das Gericht als erwiesen an, dass die Familie ihrem Drogeriemarkt-Konzern kurz vor der Insolvenzanmeldung ein Millionen-Vermögen entzogen hat, um dieses dem Zugriff der Gläubiger zu entziehen. "Man hat versucht, alles zur Seite zu schaffen", sagt der Vorsitzende Richter in seiner Urteilsbegründung. "Aber was wir bei Anton Schlecker nicht sehen, ist ein besonders schwerer Fall." Vielmehr habe er mit strafrechtlich relevanten Taten 3,6 Millionen Euro Vermögen verschoben - aber später mehr als fünf Millionen Euro zurückgezahlt. Die Kinder hätten dagegen durch ihre Vorab-Gewinnausschüttung von sieben Millionen Euro viel mehr Schaden verursacht - und sich auch der Untreue schuldig gemacht.

Bereits 2013 hatte die Familie insgesamt 10,1 Millionen Euro an den Insolvenzverwalter gezahlt - damit sollten ungerechtfertigte Geldtransfers auf Privatkonten abgegolten werden. Im November, als sich Haftstrafen abzeichneten, überwiesen die Schleckers weitere vier Millionen Euro. "Als Schadenswiedergutmachung", wie ein Verteidiger sagte. Offenbar wollte die Familie das Gericht milde stimmen, um nicht ins Gefängnis zu müssen. Diese Zahlung berücksichtigte das Gericht nach eigenen Angaben bei der Strafzumessung.

Zu einer Entschuldigung oder einem Geständnis konnten sich die drei Angeklagten bis zuletzt nicht durchringen. Nach der Pleite hatten 25 000 Mitarbeiter - die meisten von ihnen Frauen - ihren Job verloren. Viele suchen bis heute eine neue Arbeitsstelle, alle warten sie bis heute auf Teile ihres Lohns. Von den Geschäftspartnern des Schlecker-Konzerns haben mehr als 22 000 Ansprüche angemeldet, ihre Forderungen übersteigen die Milliardengrenze.

Urteil noch nicht rechtskräftig

Anton Schlecker kann nun also wie bisher regelmäßig in sein Büro in der ehemaligen Schlecker-Zentrale in Ehingen fahren, um dort wie all die Jahre zuvor zu arbeiten. Die Immobilie gehört inzwischen der Stadt Ehingen, sie hat den Bau aus der Insolvenzmasse erworben. Das ehemalige Chefbüro hat Ehefrau Christa gemietet, von dort betreut Anton Schlecker den Immobilienbesitz der Familie. Die Firma CML (das Kürzel steht für Christa Meike Lars) verwaltet laut Jahresabschluss 2015 "Grundstücke und Bauten" im Wert von 4,5 Millionen Euro. Ob dazu auch die Wohnungen in bester Lage in London und Berlin gehören, die Meike und Lars bewohnen, ist unklar.

Es ist also fast alles wie früher. Nur dass Anton Schlecker nun 54 000 Euro Geldstrafe abstottern muss, und bei seinen Liftfahrten keine Vorfahrt mehr hat - und damit leben muss, dass unterwegs andere Menschen zusteigen.

Wie schwer es ist, mit einem Urteil alle zufriedenzustellen, zeigen zwei Aussagen von ehemaligen Mitarbeiterinnen: Die eine blafft, selbst drei Jahre Haft seien zu wenig. Eine andere sagt: Auch eine Haftstrafe bringe ihr Geld nicht zurück, viel wichtiger wäre ihr eine Entschuldigung gewesen.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, Verteidigung und Staatsanwaltschaft können Revision zum Bundesgerichtshof beantragen (Az.: 11 KLs 152 Js 53670/12). Nach der dreistündigen Urteilsverkündigung bleibt Meike Schlecker minutenlang mit dem Rücken zu den Zuhörern stehen und wischt sich mit einem Taschentuch die Tränen aus den Augen.

© SZ vom 28.11.2017/been
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