Süddeutsche ZeitungAktuelle Nachrichten in der Süddeutschen Zeitung

ANZEIGE

Sozialstandards in Schlachthöfen:"Es braucht eine EU-weite Kontrolle"

Bild in neuer Seite öffnenFleischer an der Rinderverarbeitungsstraße

Fleischer an der Rinderverarbeitungsstraße.

(Foto: imago images/Reinhard Kurzendörf)

Prekäre Arbeit entsteht nicht nur durch Werkverträge in der Fleischindustrie, sagt die Soziologin Alexandra Voivozeanu. Und findet: Saisonarbeiter brauchen dringend eine Lobby.

Interview von Lina Verschwele

Auf Schlachthöfen, Baustellen und Spargelfeldern: Viele Branchen verlassen sich auf günstige Arbeitskräfte aus Osteuropa. Die Soziologin Alexandra Voivozeanu erforscht, wie dafür Löhne und Sozialstandards gedrückt werden.

SZ: Schon vor dem jüngsten Skandal bei Tönnies hatten Schlachthöfe einen schlechten Ruf. Was bringt die Arbeiter trotzdem dort hin?

ANZEIGE

Alexandra Voivozeanu: Auf den ersten Blick ist es einfache Rechnung. In Rumänien liegt der Mindestlohn aktuell bei 446 Euro pro Monat, vor Steuern. In Deutschland ist er also rund dreimal so hoch. Viele, die ich befragt habe, mussten schon in Rumänien prekär arbeiten. Sie waren vielleicht festangestellt und arbeiteten Vollzeit. Offiziell aber bekamen sie nur ein halbes Gehalt. Die zweite Hälfte gab es im Umschlag, um Sozialabgaben zu sparen. Rein finanziell kann sich die Situation in Deutschland schon deutlich verbessern.

Dann ist ja alles in Ordnung, würden Branchenvertreter jetzt sagen.

Nein. Denn die Rechnung funktioniert nur, wenn Firmen den Mindestlohn auch wirklich zahlen. Tatsächlich erhalten viele Arbeiter weniger.

Hier fehlt noch zusätzlicher Inhalt
Komplett laden

Wie schaffen die Firmen das?

Im Grunde gibt es auf jeder Etappe Abzüge. Das beginnt bei der Anwerbung durch die Subunternehmen, noch in Rumänien. Manche Arbeiter mussten zwei Wochen umsonst "trainieren" - angeblich, um schnell genug für die Fabriken in Deutschland zu sein. Andere zahlten 700 Euro Gebühr für ihre Anstellung. Dann kommen die Kosten für Transport und Unterkunft. Von einer Arbeiterin verlangte ein Subunternehmen 250 Euro Miete. Dabei musste sie ihr Bett teilen, mit jemandem aus einer anderen Schicht. Außerdem manipulieren Chefs die Stundenzahl: Jemand arbeitet zehn oder zwölf Stunden, bezahlt werden aber nur acht. Die Arbeit im Schlachthof ist also eher ein letzter Ausweg als wirklich attraktiv.

Spätestens ab 2021 sollen die jetzigen Werkverträge in der Fleischbranche verboten werden. Verbessert das die Situation?

Ja, ich denke schon. Große Fleischproduzenten müssen ihr Personal dann selbst anstellen und können die Verantwortung nicht mehr auf Subunternehmen schieben. Im Moment vergeben die Hauptunternehmen alle Prozesse der Produktion einzeln. Da sie jeden Prozess vereinfachen, können sie ungelernte Arbeiter einstellen, die geringere Löhne akzeptieren. So senken sie die Arbeitskosten. Wir müssen aber auch in Zukunft schauen, ob sich neue Tricks etablieren. Als der Mindestlohn für die Schlachtindustrie eingeführt wurde, stieg plötzlich auch die Zahl der Selbstständigen. Die arbeiteten oft nach wie vor für ihre alten Firmen - sollten aber zum Schein ein eigenes Gewerbe anmelden. Da galt der Mindestlohn dann nicht. Aber natürlich kann man den Mindestlohn ohnehin durch informelle Absprachen umgehen.

Bild in neuer Seite öffnen

Die Soziologin Alexandra Voivozeanu forscht am New Europe College in Bukarest zu Arbeitsmigration. Für ihr aktuelles Forschungsprojekt begleitet sie rumänische Saisonarbeiter. Zuvor promovierte sie über prekäre Arbeit auf Schlachthöfen und in der Baubranche. Dafür interviewte sie mehr als 30 rumänische Arbeiter über einen Zeitraum von einem Jahr.

(Foto: privat)
ANZEIGE

Vertreter der Fleischindustrie warnen davor, dass Unternehmen ins Ausland gehen, wenn die Werkverträge verboten werden.

Das könnte passieren. Umgekehrt war es ja bereits der Fall. Dänische Unternehmen kamen nach Deutschland, weil die Schlachtung dort billiger war.

Wäre ein EU-weiter Mindestpreis für Fleisch dann besser?

Ich bin unsicher, ob das wirklich bei den Arbeiterinnen und Arbeitern ankommt - oder ob am Ende nur die Firmen selbst mehr verdienen. Vor allem aber hilft ein solcher Preis nichts in anderen Branchen. Prekäre Arbeit entsteht ja nicht nur durch Werkverträge in der Fleischindustrie. Für Saisonarbeiter gilt weiterhin: Die ersten 70 Tage muss ein Arbeitgeber keine Sozialabgaben zahlen. Also tauschen viele Betriebe ihr Personal nach 70 Tagen aus. Viele, die im Frühjahr in Deutschland Spargel stechen ziehen dann weiter, zum Beispiel um in Italien Äpfel zu ernten.

Was hilft in allen drei Branchen?

Ich denke, die Arbeiter müssen besser informiert werden. Viele sprechen wenig Deutsch, deswegen sollten Gewerkschaften mehr Informationen in weiteren Sprachen anbieten. Dann wäre es gut, wenn die rumänische Regierung für bessere Bedingungen lobbyiert. Das wichtigste wäre aus meiner Sicht aber eine internationale Instanz: Es braucht eine EU-weite Kontrolle der Arbeitsgesetze. In der Bau- und der Schlachtindustrie wohnen viele Arbeiter in den Unterkünften der Firmen. Sie leben also immer unter den Augen ihrer Chefs. Bei einem Streit riskieren sie also auch ihre Unterkunft. Aus so einer Position heraus lassen sich die eigenen Rechte schlecht verteidigen.

ANZEIGE

Warum sind gerade in Deutschland, das sich doch gerne als Sozialstaat präsentiert, prekäre Arbeitsbedingungen so etabliert?

Vor der EU-Erweiterung 2004 und 2007 gab es viele Bestrebungen, die deutschen Arbeiter vor ausländischen zu 'beschützen', die bereit waren, niedrigere Standards und Bezahlung zu akzeptieren. Saisonarbeit oder Selbständigkeit blieben davon aber unberührt, weil das Profite brachte.

© SZ/vit