bedeckt München 19°

Schifffahrt:Fische bei die Fische

PRIMORYE TERRITORY RUSSIA APRIL 11 2017 Fishers haul a seine net onboard an MRS 450 commercial

Ein Fischer lädt seinen Fang auf einem Schiff ab – was anschließend damit passiert, ist oft unklar.

(Foto: Yuri Smityuk/imago/ITAR-TASS)

Auf hoher See verladen Schiffe Fracht, weil dies billiger ist, als in den Hafen zurückzufahren und vermengen dabei oft legal und illegal gefangenen Fisch. Forscher wollen das ändern.

Von Jan Schwenkenbecher, Berlin

Dass auf dem Teller nun ein Lachs liegt, sieht man. Wo er gefangen wurde, sieht man allerdings nicht, selbst Großlieferanten, Händler und Verarbeiter können das oft kaum nachweisen. Denn allzu oft übergeben Fischkutter ihren Fang auf offener See an einen Kühl-Frachter, wo sich die Fische mit jenen anderer Fischfänger vermengen. Wie häufig solches Umladen geschieht, wer es macht, wo es passiert, und welcher Fisch also letztlich von wo stammt, das vermochte bisher niemand festzustellen. Nun haben Forscher der kanadischen Dalhousie Universität und der NGO Skytruth ein System entwickelt, das das Umladen sichtbar macht.

"Das Verladen spielt eine riesige Rolle im internationalen Handel und in den Lieferketten" sagt Kristina Boerder, Hauptautorin der Studie, die im Wissenschaftsmagazin Science Advances veröffentlicht wurde. Trotzdem wisse man fast nichts darüber, es gebe keine Zahlen. Tatsächlich weiß selbst die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) nicht, wie oft Fischer ihren Fang umladen. Nicht immer müssen unlautere Motive zugrundeliegen, schließlich sparen die Fischer Treibstoff, wenn sie nicht zurück in den Hafen müssen. Das schont die Umwelt. Doch gerade illegal gefangener Fisch kann in den Laderäumen der Kühl-Frachter unter regulär gefangenen Fisch gemengt werden. In manchen Fällen, so schrieb die FAO Ende Juni in einer Publikation, diene das Verladen einzig dazu, Kontrollen zu hintergehen. Das Verladen sei einer der großen dunklen Flecken beim Verstehen, wie illegal gefangener Fisch auf den Weltmarkt gelangt und jährlich 23 Milliarden Dollar wirtschaftlichen Schaden verursacht.

Um das Verladen zu entdecken, nutzten die Forscher, dass jedes größere Schiff ein automatisches Identifikationssystem besitzt, das Position, Fahrtrichtung und Geschwindigkeit meldet. Fuhren ein Fischkutter und ein Frachtschiff mit weniger als zwei Knoten länger als zwei Stunden näher als 500 Meter voneinander entfernt und waren dabei mindestens zehn Kilometer von der Küste weg, ist das Verladen von Fisch die einzige Erklärung. Insgesamt beobachteten die Forscher zwischen 2012 und 2017 mehr als 10 500 Verladungen. Ein Drittel davon fand auf hoher See statt, die 200 Seemeilen vor der Küste beginnt. Die anderen Treffen ereigneten sich in der 200 Seemeilen-Grenze, in den ausschließlichen Wirtschaftszonen der Staaten. Besonders auffällig war, dass 40 Prozent aller Umladungen vor der russischen Küste stattfanden. Weitere Verlade-Hotspots waren die westafrikanische Küste, der südliche Indische Ozean und der Pazifik.

Grundsätzlich ist das Verladen nicht verboten, manchmal gibt es allerdings die Auflage, dass es nur im Hafen und unter Aufsicht gestattet ist. Das kann jedoch von Hafen zu Hafen unterschiedlich sein, es kann davon abhängen unter welcher Flagge das Schiff fährt, die Regelungen unterscheiden sich auch je nach Land. Auf See koordinieren verschiedene internationale Organisationen den Fischfang, auch sie haben in ihren Gebieten unterschiedliche Regeln zum Verladen. Einige Vertreiber, die den Fisch an Land weiterverarbeiten, verpflichten die ihnen zuliefernden Flotten zwar, Umladungen genau zu dokumentieren. "Aber sie wissen nicht, was das Gefrierschiff davor und danach macht", sagt Boerder. "Das heißt, der eine Fang kann total legal sein. Doch wenn das Gefrierschiff danach nur einen einzigen Fang von einem illegalen Schiff lädt, ist die gesamte Ladung faul." Genau hier könnte das System künftig helfen, "die Lieferketten transparent zu machen", sagt Boerder. Man könnte nachweisen, wenn ein Frachter Fisch aufnahm, dies aber nicht in seinen Papieren vermerkt hat.

© SZ vom 07.08.2018

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite