Süddeutsche Zeitung

Schifffahrt:Dreckig? Wir? 

Was macht man, wenn Abgase ein Imageproblem werden könnten? Die Schiffsbranche entdeckt ihr grünes Gewissen.

Von Angelika Slavik

Ach, Schiffe sind immer so romantisch anzuschauen! Sie erzählen von fernen Ländern und aufregenden Abenteuern, von All-Inclusive-Buffet und Torten mit Wunderkerzen. Natürlich träumt man immer noch ein bisschen von Sascha Hehn, der in den Achtzigern der flotte Chefsteward Victor Burger auf dem "Traumschiff" war und gut zwanzig Jahre später der maskulin gereifte Kapitän. Da ist die Welt in Ordnung!

Die Wahrheit ist natürlich deutlich ernüchternder. Denn Schiffe sind heute vor allem eines: unfassbare Dreckschleudern. Bis heute fahren viele Frachtschiffe auf dem offenen Meer mit Schweröl und ohne jeden Abgasfilter - und auch wenn von 2020 an strengere Vorschriften in Bezug auf den Schwefelgehalt der Treibstoffe gelten, verursachen Schiffe enorme Schadstoffemissionen. Das ist nicht nur ein Problem für die Umwelt, sondern auch für die Branche selbst: Die Industrie muss Sorge haben, dass mit dem wachsenden öffentlichen Bewusstsein für die Klimaproblematik ihr Image leidet. In Hinblick auf den weltweiten Handelsverkehr ist das ungünstig, bei der rasant wachsenden Kreuzfahrtsparte wäre es ein Desaster. Was macht man da also, als Schifffahrtsbranche? Man entdeckt sein grünes Gewissen.

An diesem Mittwoch wird die globale Schifffahrtsindustrie deshalb einen Vorschlag präsentieren: Sie will einen fünf Milliarden Dollar schweren Fonds installieren, um die Forschung nach einem kohlendioxidneutralen Kraftstoff voranzubringen. Im Augenblick komme man auf diesem Feld nicht rasch genug voran, um die Klimaziele schnellstmöglich zu erreichen, findet Ralf Nagel vom Verband deutscher Reeder. Es gebe zwar zahlreiche vielversprechende Ansätze - von Ammoniak ist genauso die Rede wie von der Brennstoffzelle - aber in Summe eben noch keinen echten Durchbruch. Der Reederverband ist als Mitglied der International Chamber of Shipping (ICS) an der Initiative beteiligt. Wenn die Mitgliedsstaaten zustimmen, sollen deshalb weltweit künftig zwei Dollar pro Tonne Treibstoff als "Entwicklungsabgabe" kassiert werden - so sollen binnen zehn Jahren fünf Milliarden Dollar Forschungsbudget zusammenkommen. Die Reeder legen Wert auf die Feststellung, dass das zusätzlich erhobene Mittel sind: Also kein Versuch, sich von anderen Abgaben wie etwa einer CO₂-Bepreisung freizukaufen.

Der Vorschlag der Schifffahrtsverbände soll im März diskutiert werden, wenn die Mitglieder der IMO, einer Sonderorganisation der Vereinten Nationen, in London zusammenkommen.

Und bis dahin? Sieht man sich die Schiffe an, wie hier am Ufer des Tajo in Lissabon. Und träumt heimlich, Sascha Hehn würde einem Torte mit Wunderkerze servieren.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4727067
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 18.12.2019
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.