Süddeutsche Zeitung

Schatzsucher: DDR-Geld im Harz:Und Geld stinkt doch

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Nach der Wende tauschten die DDR-Bürger ihre Ost-Mark in D-Mark um. Die alten Scheine landeten in einem Stollen im Harz - und zogen kriminelle Glücksritter an.

Silke Bigalke

Es ist ein düsterer Tag im Herbst, nass und kalt. Richter Holger Selig watet durch Matsch, durch feuchtes Gras und modrige Blätter. Er ist auf der Spur eines Verbrechens. Ihm folgen Verteidiger, Staatsanwalt, die Protokollführerin und der Besitzer des alten Stollens. Es ist der Tag der Beweisaufnahme. Ziel der kleinen Gruppe ist ein alter Lüftungsschacht im Boden, der ins Innere des Stollens führt. Arbeiter haben das Gitter, das sonst über dem mehrere Meter breiten Schacht liegt, bereits zur Seite geschoben. Richter Selig klettert die dreckigen Sprossen hinunter in die Dunkelheit.

Im Innern der Thekenberge ruhte jahrelang ein ungewöhnlicher Schatz. Hier, in einem Stollen bei Halberstadt in Sachsen-Anhalt lag fast das gesamte Geldvermögen der DDR. Eigentlich für die Ewigkeit verscharrt. Doch dann kam es wieder ans Tageslicht - und Richter Selig soll nun klären, wie das genau geschah.

Im Zweiten Weltkrieg mussten KZ-Häftlinge die Anlage zu einem riesigen, unterirdischen Bunker ausbauen. Später diente der Stollen der Nationalen Volksarmee (NVA) als Depot, 1990 schließlich übernahm ihn die Bundeswehr. Mit der Wende bekamen die neuen Länder neues Geld, die alten Scheine mussten verschwinden. Etwa 3000 Tonnen Papier fuhr die Staatsbank in den Halberstädter Stollen und mauerte es 50 Meter tief unter der Erde ein. Über einen Schacht füllte sie das Versteck dann mit Kies auf.

Panzer unter der Erde

Richter Selig leuchtet mit der Taschenlampe durch die Gänge, der Strom ist abgeschaltet. "Das war schon unheimlich. Der Stollen ist so unvorstellbar groß, das glaubt man nur, wenn man es sieht", erinnert er sich Jahre später an die Beweisaufnahme. Zu NS-Zeiten fuhren Panzer unter der Erde. Mancher Tunnel sei so weitläufig, dass Autos darin locker auf 120 Stundenkilometer beschleunigen könnten. Vom Lüftungsschacht zum Geldlager ist es ein Stück. Im komplizierten Tunnelsystem können sich Eindringlinge leicht verirren, ohne Führer wäre die Gruppe hoffnungslos verloren. Richter, Anwälte und Gerichtsangestellte tasten sich langsam vor. Ihr Weg endet jäh an einer rötlichen Mauer. Sie sind am Ziel.

Im zwei Meter dicken Stahlbeton ist ein Loch, etwa vier Meter über dem Boden. Selig steigt über eine Leiter hinauf und leuchtet durch die Öffnung. Ein beißender Geruch schlägt ihm entgegen. Die DDR-Staatsbanker hatten Buttersäure darübergekippt. Hinter Bergen alter Sparbücher sieht Selig die Banknoten. Sie sind noch da, nicht verrottet, sondern gut erhalten unter Dreck und Kies. Der luftdichte Raum hat die Scheine konserviert. Lediglich die oberen sind rötlich verfärbt. Den Richter führt nur eine Frage her: Wer hat das Loch gebohrt?

"Es gab sicher eine Menge Leute, die vertraut waren mit der Anlage", sagt Gerd Kugler, Abteilungsleiter für Sicherheit bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). Die KfW hatte 1994 die ehemalige DDR-Staatsbank übernommen und damit den Geldberg geerbt. "Wir wussten nur, wo das Geld eingelagert war. Wir wussten aber nichts vom Zustand des Geldes", sagt Kugler. Niemand hatte mit Problemen gerechnet, das Altpapier hätte längst verrottet sein sollen. Das Versteck wurde zudem militärisch gesichert, zumindest bis 1995. Dann kaufte ein privater Unternehmer den Stollen.

Ein paar Jahre später beschwerten sich Münzhändler über Scheine mit merkwürdigem Geruch. Für Sammler war das alte Geld durchaus von Wert. Einige Millionen DDR-Mark waren daher gar nicht erst im Stollen gelandet. Die Staatsbank und später die KfW hatten schrittweise versteigert. Als aber immer mehr Scheine aus dem Nichts auftauchten, fürchtete die Sammler, dass das den Wert ihrer Sammlung schmälern würde. Insbesondere als 200- und 500-DDR-Mark-Scheine auftauchten, war klar, dass jemand das Versteck aufgebrochen hatte. Denn die 200er und 500er hatte die Staatsbank in den 1980er Jahren zwar drucken lassen, aber nie unters Volk gebracht. Die Scheine verschwanden druckfrisch und originalverpackt im Stollen von Halberstadt. "Ein Scheine-Pärchen kostete damals zwischen 300 und 500 D-Mark", schätzt Richter Selig. "Weil sie so selten waren."

KfW-Mann Kugler fuhr im Sommer 2001 nach Halberstadt, um die undichte Stelle zu finden. Seitdem der Stollen in privaten Händen war, gab es keine Videoüberwachung mehr. Der löchrige Zaun aus Militärzeiten hielt Diebe nicht ab. Unter der Erde fand Kugler schnell das Loch. Noch am selben Tag postierte er zwei Wachen im Stollen. Bereits am nächsten Tag liefen ihnen zwei junge Männer aus Halberstadt in die Arme. Sie hatten einen Rucksack dabei, vollgestopft mit alten Banknoten.

Rechtsanwalt Thomas Tschammer vertrat einen der beiden Jungs. Er glaubt, dass sein Mandant gar nicht wusste, wie viel die alten Scheine eigentlich wert waren, und betrachtete das Ganze eher als Jugendstreich. "Da runterzusteigen war so Mode unter den Kindern", erzählt er. "Da gehörte viel Mut dazu." Letztendlich musste das Gericht unter Vorsitz von Richter Selig prüfen, ob die beiden das Loch selbst in die Mauer gehackt hatten. Deswegen musste Selig in den Stollen. "Faszinierend, wie jemand durch diese Mauer, die ja für die Ewigkeit gedacht war, durchgekommen war", findet der Richter heute noch.

"Eine Art Kettenreaktion"

Die Diebe brauchten dazu schweres Gerät und mehrere Tage Zeit. Sie hätten wissen müssen, wann Wachen an der Mauer vorbeikommen. Am Ende glaubte das Gericht nicht, dass die jungen Männer dies selbst geschafft hatten - und verurteilte die beiden jungen Männer lediglich zu Bewährungsstrafen von wenigen Monaten.

Auch KfW-Sicherheitschef Kugler war schon damals klar, dass das vergrabene Geld die Sammler, Schatzsucher und Glücksritter wohl nicht zur Ruhe kommen lassen würde. Und das Gericht konnte nicht ausschließen, dass es beim Raubzug Hintermänner gegeben haben könnte, die sich im Stollen auskannten. Im ganzen Land stießen Polizisten bei Durchsuchungen plötzlich auf müffelnde Scheine. Der Rummel um den Schatz der DDR-Staatsbank im Stollen von Halberstadt zog weitere Ermittlungen nach sich, "eine Art Kettenreaktion", sagt Hartmut Kühne, der damals bei der Polizei in Halberstadt ermittelte. Doch die Suche nach weiteren Dieben blieb erfolglos.

Schließlich beschloss die KfW: Das Geld muss verschwinden, diesmal für immer. "Wir wollten eine endgültige Lösung und den Mythos des vergrabenen Schatzes ein für alle Mal beenden", sagt Kugler. Er beschloss, die Banknoten zu exhumieren. Von März bis Juni 2002 riss die KfW die Ewigkeitsmauer ein, befreite das Geld von Dreck und Steinen und karrte 298 Container voller Banknoten nach Niedersachsen. Dort wurden sie mit Hausmüll vermischt und verbrannt. Die Aktion kostete rund eine Million Euro.

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Quelle:
SZ vom 19.12.2009
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