Schaeffler Unruhe an den Werkbänken

Beim Auto- und Industriezulieferer bangt die Gewerkschaft um Tausende Jobs.

Von Uwe Ritzer, Nürnberg

Als "eindringliche Warnung an das Management" will Jürgen Wechsler von der IG Metall den Aktionstag verstanden wissen. Dahingehend, dass es mit dem bislang entspannten und geräuschlosen Umgang zwischen Unternehmen und Arbeitnehmervertretern bei der Schaeffler AG schnell vorbei sein könnte. Erstmals in der Firmengeschichte protestierten am Freitag Beschäftigte an allen 26 deutschen Schaeffler-Standorten gegen geplante Stellenstreichungen bei dem Auto- und Industriezulieferer. Wobei strittig ist, wie viele Arbeitsplätze bei Schaeffler wegfallen. Womöglich sind es viel mehr als bisher bekannt.

Das Unternehmen spricht von insgesamt 900 Stellen, 700 davon in Deutschland. Nach Angaben der IG Metall vom Freitag sollen europaweit 3500 Arbeitsplätze wegfallen "vor allem in Deutschland", so die Gewerkschaft. Ein Unternehmenssprecher dementierte diese Zahl jedoch auf Nachfrage.

Großes Zittern herrscht vor allem an den Schaeffler-Standorten Unna, Steinhagen, Hamm und Kaltennordheim. Diese Werke könnten im Zuge des Programmes "Race" ganz geschlossen werden, mit dem Schaeffler seine zuletzt schwächelnde Autosparte nicht nur effizienter machen und Kosten drücken will. Die vier Fabriken stehen vielmehr auf der Kippe, weil sie fast ausschließlich Teile für Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren herstellen, Kupplungen etwa oder Getriebe. Teile also, die Elektroautos nicht mehr brauchen. Schaeffler will bei sich erklärtermaßen die Transformation hin zur E-Mobilität verstärkt vorantreiben.

Dagegen haben Betriebsrat und IG Metall prinzipiell auch nichts, wie ihre führenden Vertreter immer wieder betonen. Nur müsse der Wandel "gemeinsam mit den Beschäftigten und nicht gegen sie passieren", sagt Norbert Lenhard, Gesamtbetriebsratschef.

Die IG Metall fordert "vernünftige Lösungen für die Arbeitnehmer"

Jürgen Wechsler, stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender und bis vor wenigen Monaten Chef der bayerischen IG Metall, fordert "vernünftige Lösungen für die Arbeitnehmer" und weist auf eine Zukunftsvereinbarung hin, die IG Metall und Betriebsrat mit der Firma 2018 geschlossen haben. Sie verbietet grundsätzlich betriebsbedingte Kündigungen und Standortschließungen.

Genau diese stehen aber im Raum und das schürt die Unruhe auch an anderen Schaeffler-Standorten. Obendrein hat die Autosparte des fränkischen Zulieferers nach Wechslers Angaben zuletzt verstärkt Produktionen nach Osteuropa verlagert, obwohl deutsche und westeuropäische Werke nicht ausgelastet seien. "Das passt nicht zusammen, das muss sofort aufhören", fordert Wechsler. Er und Betriebsratschef Lenhard verlangen, dass die Firma in die Qualifizierung der Beschäftigten für neue Aufgaben investiert. Die Fertigung neuer Produkte und die Entwicklung zusätzlicher Dienstleistungen in den Bereichen Elektromobilität und Digitalisierung müssten forciert werden, um die Jobs zu sichern.

So stehen die Zeichen bei Schaeffler zunehmend auf Konfrontation. Die Schließungspläne an den vier Standorten haben auch die Politik auf den Plan gerufen. So schaute unlängst Thüringens Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee in Kaltennordheim vorbei und versprach, sich für den Erhalt des Werkes einzusetzen. Käme es doch so weit, hoffen Mitarbeiter auf eine Entwicklung wie zuletzt in England. Statt sie zu schließen, verkaufte Schaeffler vor Kurzem seine Fabrik in Plymouth - an die deutsche Firma HQW Precision.