Süddeutsche Zeitung

Chat-GPT:Hat Open AI ihre Stimme geklaut?

Lesezeit: 2 min

Der Hollywoodstar Scarlett Johansson zeigt sich "schockiert und wütend" darüber, dass die neue KI-Stimme von Chat-GPT klingt wie ihre eigene. Und nun?

Von Helmut Martin-Jung

"Her" ist einer der Filme, die man unbedingt in der Originalsprache genießen sollte. Die Stimme der unsichtbaren künstlichen Intelligenz spricht Hollywoodstar Scarlett Johansson, ohne sie würde sich die Hauptperson kaum in ein Betriebssystem verlieben. Was läge also näher, als einer künstlichen Intelligenz, die es tatsächlich gibt, genau diese Stimme zu verleihen? Technisch kein Problem, es gibt ja die Stimme aus diesem und vielen anderen Filmen. Die Leute von Open AI, der Firma hinter Chat-GPT, sollen auch bei Johansson angefragt haben. Die aber lehnte ab.

Und sie war bass erstaunt, als sie hörte, wie die Stimme klang, die Open AI bei der Präsentation vorführte: wie die ihre. Sogar ihre engsten Freunde und auch Journalisten hätten keinen Unterschied bemerken können. Über ihre Anwälte hat sich die Schauspielerin mit zwei Briefen an Open AI und Firmenchef Sam Altman gewandt, teilte sie in einer Erklärung mit, über die der Radiosender National Public Radio (NPR) berichtete.

Bei Open AI beeilte man sich einerseits zu entgegnen, die KI-Stimme namens "Sky" sei nicht mithilfe von Johansson-Soundschnipseln erzeugt, sondern von einer anderen Schauspielerin eingesprochen worden. Es sei auch nie das Ziel gewesen, dass die Stimme so klingen solle wie die Johanssons. Andererseits hat Open AI die künstliche Stimme erst einmal zurückgezogen, sie kann bei Chat-GPT 40, der neuesten Version ihrer generativen künstlichen Intelligenz, nicht mehr ausgewählt werden. Zudem hatte Open-AI-Chef Sam Altman nach der Präsentation, bei der die Fähigkeit der Software, eine offene Unterhaltung zu führen, im Vordergrund stand, auf der Plattform X selbst den Vergleich mit dem Scifi-Streifen gezogen und explizit den Titel "Her" genannt.

Und nun? Ist Scarlett Johansson "schockiert und wütend", wie es in den Anwaltsschreiben heißt. Die Umstände müssten geklärt werden. Es gehe "um den Schutz unseres Ebenbilds, unserer eigenen Arbeit, unserer eigenen Identitäten". Gerade in Zeiten, in denen die Gesellschaft mit täuschend echten KI-Fälschungen (Deepfakes) konfrontiert sei, seien Transparenz und wirksame Gesetze nötig, um das Persönlichkeitsrecht des Einzelnen zu schützen.

Die mit KI real gewordenen Möglichkeiten, tote Schauspieler zum Leben zu erwecken, ja Schauspieler oder auch Stuntleute künftig womöglich vollständig zu ersetzen, hatten 2023 Schauspieler und Drehbuchautoren zum ersten gemeinsamen Streik in der Geschichte Hollywoods getrieben.

Das an diesem Dienstag endgültig vom Ministerrat beschlossene KI-Gesetz der EU sieht zu einem Fall wie den Johanssons keine explizite Regelung vor. Die europäischen Gesetzgeber wurden von generativen KIs wie Chat-GPT ja sozusagen auf dem linken Fuß erwischt und mussten urheberrechtliche Fragen nachträglich einbauen. Das Bundesjustizministerium wertet die Stimme oder das eigene Bildnis von Personen als nicht vom Urheberrecht erfasst. Verletzt sein könnten aber die Persönlichkeitsrechte.

Zunächst jedoch werden sich wohl Gerichte mit dem Fall der womöglich geklonten Promi-Stimme befassen. Dabei geht es ums Prinzip, aber natürlich auch um viel Geld.

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