Sarrazins Anti-Euro-Buch:"Wer schreibt, der bleibt"

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Was aber sagt das aus? Im Grunde nur, dass woanders das Wachstum noch stärker war, in China etwa, dem gelobten Land deutscher Exporteure. Und keiner kann sagen, wie es mit dem Europa-Geschäft aussähe, wenn es den Euro nicht gäbe - weil dann wohl eine starke und immer stärker werdende D-Mark die deutschen Waren erheblich verteuern würde. Solche Einwände, wie etwa eine Studie der Beratungsfirma McKinsey, wonach ein Drittel des deutschen Wachstums dem Euro zu verdanken sei, wischt Sarrazin mit leichter Hand weg. Seine Beweistechnik ist, ausgiebig Zeitungsartikel zu zitieren, die in seine Gedankenwelt passen, und die anderen auszusparen. So schließt sich ein Kreis, der keiner ist.

Sarrazin folgert aus seiner Arbeit nicht, so wie es Henkel tat, der "Euro-Sarrazin", dass ein weicher Süd-Euro und ein harter Nord-Euro einzuführen sei - sondern der streitbare Autor findet, die Währungsunion müsse ihre Grundprinzipien wieder härten, wozu für ihn vor allem der Verzicht darauf gehört, anderen Staaten aus der Patsche zu helfen ("No-bail-out-Prinzip"). Griechenland und ähnliche Problemstaaten ("welches andere Südland auch immer") sollten sich daran erfreuen, über Euro zu verfügen - aber es sollte sich "um selbst verdiente Euro und nicht um Geschenke oder Darlehen der Nordländer handeln".

Einerseits kritisiert Sarrazin, was alle kritisieren, nämlich die Währungsunion ohne politische Union begonnen zu haben. Andererseits lehnt er genau diese politische Union ab und spricht von "europäischer Eschatologie", von einem politisch gewollten End-Schicksal. Er findet es ideologisch, wenn Politiker wie einst Helmut Kohl die Vereinigten Staaten von Europa via Euro fördern wollen, ist aber in Wahrheit genauso ideologisch mit der Ablehnung einer europäischen Identität. Das ist die Prämisse seiner Arbeit. Er ignoriert den Wert politischer Gestaltungsarbeit, wie sie bei Robert Schuman, Konrad Adenauer oder Jacques Delors üblich war. Stattdessen hämt er, die politische Klasse sei mit ihrer "Wette" gescheitert, dass mit dem Euro quasi naturgesetzlich die politische Union komme.

Am interessantesten wird es, wenn der langjährige Spitzenbeamte aus der Reihe "Sarrazin und wie er die Welt sah" erzählt. So erfährt die Nachwelt, wie er 1973 am Langzeitprogramm der SPD arbeitete und dabei begriffen habe: "Wer schreibt, der bleibt" - und dass er es war, der unter Arbeitsminister Herbert Ehrenberg (SPD) 1978 auf die Idee des Mutterschutzes für Arbeitnehmerinnen kam. Thilo Sarrazin: Fernsehgast und Wohltäter.

THILO SARRAZIN: Europa braucht den Euro nicht. Wie uns politisches Wunschdenken in die Krise geführt hat. DVA, München, 462 Seiten, 22,99 Euro.

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