Sarrazins Anti-Euro-Buch:Hier krampft der Autor

Gegen den Euro, gegen Europa: Das neue Buch von Thilo Sarrazin ist voller Detailhuberei, Widersprüche und wohlfeiler Provokation. So rät er etwa, Deutsche müssten sich in Bezug auf Europa vor einem "etwas perversen Sendungsbewusstsein" hüten - und nur so wird der Sarrazinismus sendefähig.

Hans-Jürgen Jakobs

Der Mann mit dem Schnauzer meldet sich zurück in der Welt der deutschen Themenhäckselmaschinerie. Ein Auftritt in der ARD-Talkshow "Günther Jauch", ein Vorabdruck in der Zeitschrift Focus - Thilo Sarrazin, promovierter Volkswirt und langjähriger Sozialdemokrat, versucht die Wiederholung seines Bestsellers "Deutschland schafft sich ab" mit allen Mitteln des Auflagen-Marketings. Wieder geht es um ein Dauerthema der deutschen Debatte, dem der auf Provokation gestylte Autor vorgeblich Neues abringen will: um Europa.

Thilo Sarrazin bei Günther Jauch

Hier krampft der Autor: Thilo Sarrazin warb am Sonntag in der ARD für sein Werk. Peer Steinbrück hält manches darin für "Bullshit".

(Foto: dpa)

Hier führt sich Sarrazin, der Marketender in eigener Sache, mit zwei Grundthesen ein, die in dem Konvolut immer wieder vorkommen. Die eine These ist schon vom einstigen Industrieverbands-Präsidenten Hans-Olaf Henkel durchgewalkt worden, der den Medien beizeiten als "Euro-Sarrazin" erschien. Sie liefert dem Echt-Sarrazin nun den Buchtitel: "Europa braucht den Euro nicht". Danach ist die Krise nicht auch Folge finanzpolitischer Großwirren, sondern allein das Ergebnis politischer Illusionen; Deutschland habe sich "zahlreiche neue unüberschaubare Risiken und Zukunftslasten aufgehalst".

Die andere These handelt vom Soupçon, Deutschland arbeite sich an seiner Kriegsschuld ab und lasse sich deshalb auf europäische Einheit und Euro-Bonds ein. Deren Befürworter seien angeblich "getrieben von jenem sehr deutschen Reflex, wonach die Buße für Holocaust und Weltkrieg erst endgültig getan ist, wenn wir alle unsere Belange, auch unser Geld, in europäische Hände gelegt haben".

Und Sarrazin rät, Deutsche müssten sich in Bezug auf Europa vor einem "etwas perversen Sendungsbewusstsein" hüten, das sich "in seiner Verkrampfung nur aus der deutschen Geschichte erklären lässt". Hier krampft nur einer, und das ist der Autor. Sarrazins Talkshow-Gesprächspartner Peer Steinbrück sieht manches davon schlicht als "Bullshit".

Sarrazin sucht diesmal akademische Anerkennung

Provo-Sätzchen sollen wohl jenes Skandalon schaffen, das dem Ganzen erst geldwerte Aufmerksamkeit beschert; nur so wird der Sarrazinismus sendefähig. Sie kontrastieren jedoch mit der vorgelegten volkswirtschaftlichen Detailhuberei, die viele Redundanzen aufweist und oft so spannend ist wie der Monatsbericht der Bundesbank. Der Mann, der sich in seinem vorherigen Buch in Rassen-Theorien verirrte, sucht diesmal akademische Anerkennung, und das 15 Jahre, nachdem er schon einmal zum Thema schrieb ("Der Euro: Chance oder Abenteuer").

Über viele Seiten hinweg müht sich Sarrazin um das Graubrot der Statistik und den Nachweis, dass die Euro-Zone den Deutschen nichts nutze, da der Anteil der Exporte in die Euro-Länder leicht gefallen sei, von 45 Prozent in 1998 auf nun 39 Prozent. Das Wachstum der nördlichen Euro-Länder sei nicht stärker als das von Großbritannien und Schweden, während die gemeinsame Währung dem Süden geschadet habe.

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