Thomas Saueressig, Jahrgang 1985, ist noch keine 40. Im Vorstand von Deutschlands einzigem IT-Konzern von Weltrang ist er aber für die wichtigsten Themen zuständig, unter anderem für das Cloudgeschäft, von der Kundenseite bis hin zum Betrieb der Infrastruktur. Wer ihn trifft, merkt schnell, warum. Saueressig, der Abschlüsse in Wirtschaftsinformatik sowie in Betriebswirtschaft hat, denkt schnell, kommt gleich auf den Punkt. Ein Gespräch über KI und andere Herausforderungen.
SZ: KI verändert gerade die Welt, was ist die Strategie von SAP?
Thomas Saueressig: Wir schließen Partnerschaften mit den besten Technologie-Playern auf der Welt, also etwa mit Nvidia, mit Microsoft/Open AI, Amazon Web Services, aber auch mit europäischen Partnern wie Mistral oder Aleph Alpha. Wir nutzen also die beste Technologie, die weltweit verfügbar ist. Aber der Kern, die Differenzierung ist, wie wir den Geschäftskontext, die Businessdaten nutzen.
Geht es etwas konkreter?
Die Daten liegen in unseren Systemen, am Ende ist KI immer nur so gut wie die Daten, die zur Verfügung stehen. Wir fokussieren uns auf die Anwendungsfälle, wie sich also die Arbeit im Unternehmen durch KI verändert. KI ist dabei durch die genannten Partnerschaften in unsere Systeme eingebettet. Und übergreifend haben wir mit unserem Copilot Joule sozusagen einen digitalen Assistenten, der das ganze Unternehmenswissen nutzen kann, um relevante und zuverlässige Antworten zu geben, denn wir können im Businesskontext keine Halluzinationen gebrauchen ...
… dass die KI also einfach Antworten erfindet.
Wenn ich eine Unternehmensentscheidung treffe, bei der Wohl und Wehe der Firma auf dem Spiel stehen, darf es keine Fehler geben. Deshalb haben wir auch seit Jahren in das Thema Zuverlässigkeit und Ethik investiert. Das liegt uns als deutsches Unternehmen sehr am Herzen.
Wo setzt SAP bereits KI ein?
In allen Unternehmensbereichen. Über Finanz- und Personalwesen, die Lieferkette mit dem ganz großen Thema Nachhaltigkeit, Einkaufsprozesse und Systeme zum Kundenmanagement.
Wie mussten Sie die Datenhaltung für KI anpassen?
Wir haben über unser gesamtes Portfolio hinweg ein abgestimmtes, semantisches Datenmodell. Das ermöglicht die relevanten Fine-Tunings und Groundings für die KI.
… mit denen Sie die KI also abstimmen und „erden“, damit sie nicht Dinge erfindet. Wie gehen Sie dabei vor?
Wir machen das in verschiedener Hinsicht. Wir nutzen beispielsweise die Technologie Retrieval Augmented Generation, um Daten in ihren Kontext zu bringen. Da Kunden den Mehrwert von KI erkennen, geben die meisten SAP ihre Zustimmung, Daten zur Optimierung unserer KI-Lösungen zu nutzen. Das erlaubt uns, mit unseren eigenen Daten ein Grundlagenmodell zu erschaffen. Es ist jedoch kein Large Language Model wie etwa das von Open AI, das auf öffentlich verfügbaren Quellen beruht. Es basiert auf Tabellendaten, strukturierten Geschäftsdaten. Das kann kein anderer auf der Welt, das differenziert uns.
Was motiviert Ihre Kunden, mitzumachen und ihre Daten zur Verfügung zu stellen – das ist ja nicht selbstverständlich?
Die Kunden wissen, je mehr Firmen daran teilnehmen, desto besser wird das Modell, und davon haben wieder alle einen Vorteil.
In Deutschland ist das ja ein heikles Thema …
Die Bedenken sehen wir weltweit nicht, auch in Deutschland haben Tausende Kunden der Datennutzung zugestimmt. Das ist eben das Schöne an der KI, sie wird umso besser, je mehr wir sie trainieren können. Und das tun wir kontinuierlich mit unseren 300 Millionen Nutzern in der Cloud.
Deutschland und die EU sind gegenüber den USA oder China technologisch ins Hintertreffen geraten, droht uns etwas Ähnliches auch bei KI?
Wir sind beim Thema generative KI alle noch ganz am Anfang. Man sieht das auch daran, wie schnell manche Modelle, etwa Mistral, sich in einem halben Jahr entwickeln können. Wir sind noch nicht abgehängt, auf keinen Fall. Was wir aber brauchen, ist Mut. Das Gute ist: Wir haben die Talente, der Bildgenerator Stable Diffusion etwa wurde von Professor Ommer an der LMU München entwickelt. Wir haben auch das absolute Industrie-Know-how. Das müssen wir nutzen.
Thema Industrie 4.0 …
Das Konzept Industrie 4.0 ist in Deutschland geboren worden. Bei der Industrie sind wir noch immer Weltmarktführer, aber wenn wir jetzt nicht mutig und viel aggressiver in die Umsetzung gehen und die Dinge auch selbst nutzen, werden wir hinten runterfallen. Die Nutzung von Industrie-4.0-Konzepten in den Fabriken ist bei unter 50 Prozent.
Viele haben Bedenken wegen der Risiken von KI.
Da müssen wir alle viel mutiger sein, von großen Firmen über Mittelständler bis zu kleinen Unternehmen, nicht zuerst Bedenken haben, ob KI ein Risiko ist, sondern viel proaktiver diese Technologie nutzen, die eh schon da ist und die sich auch durchsetzen wird. Der Zug fährt gerade los aus dem Bahnhof, man kann noch mit und Akzente setzen, aber man muss schnell machen. Es ist eben wie immer: Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem.
Wie können Sie Ihren Kunden helfen bei der Umsetzung?
Etwa über unsere Cloud-Angebote. Mit der Cloud haben wir die Möglichkeit, kontinuierlich Innovationen an die Kunden zu liefern. Die müssen nicht wie früher selbst versuchen, diese in ihren Systemen zu implementieren, sondern bekommen sie Quartal für Quartal von uns, inklusive KI. Alle Cloud-Kunden unserer Personalsoftware zum Beispiel können bereits seit November vergangenen Jahres unseren digitalen Assistenten Joule nutzen. Alle deutschen Firmen stehen im weltweiten Wettbewerb, wenn Firmen weltweit KI nutzen, werden sie andere Produktivitätsziele erreichen als deutsche Firmen. Deswegen müssen Unternehmen in Deutschland schnell Unternehmens-KI einführen.
Wie läuft es denn mit der Cloud-Adaption in Deutschland? Hier war man doch lange zögerlich.
Wir haben auch im ersten Quartal wieder eine absolute Beschleunigung in der Cloud gesehen. Das ist unser Hauptgeschäft, auch hierzulande. Das ist keine Frage mehr, es geht nur noch ums Wann, nicht ums Ob. Auch beim Mittelstand. Ein Mittelständler, der Metallteile für die Automobilindustrie presst, war in zwölf Wochen mit allen Systemen in der Cloud, die haben nur zwei Mitarbeiter in der IT – auch das ist ein Vorteil der Cloud.
Sie haben gerade in München Ihren 21. Forschungsstandort eröffnet. Was tragen die bei zur Software-Entwicklung bei SAP, und wie sind sie organisiert?
Es geht darum, eine kritische Masse an Entwicklern mit dedizierten Themengebieten zusammenzubringen. Sehr wichtig für uns: Die best practices weltweit zu teilen. Wie kann ich dieses Wissen vermitteln und skalieren? Wir haben durch unsere Labs auch weltweit Zugang zu Talenten. Und in der Covid-Krise, die sich ja in verschiedenen Ländern zu verschiedenen Zeiten auswirkte, hatten wir den Vorteil, dass wir Ausfälle in einem Land mithilfe von Labs in anderen Ländern abfedern konnten. Wir hatten in dieser Zeit so gut wie keine Verzögerung in der Entwicklung. Das Labs-Netzwerk ist für unsere Innovationsfähigkeit, aber auch für die globale Resilienz also extrem wichtig.
Wie wird die Arbeit zwischen den Labs verteilt?
Die Labs sind keine erweiterten Werkbänke nach dem Motto: Die Produktchefs sitzen in Walldorf, und dann gibt es halt günstige Entwickler irgendwo auf der Welt. Es geht um die besten Köpfe, die besten Thinktanks. Die Labs sind produktverantwortlich. Die Verantwortung für das Thema Lieferkette zum Beispiel liegt in München.
