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Wertvollster Dax-Konzern:SAP gibt es jetzt demütig und auf Kurpfälzisch

Hauptversammlung SAP

SAP-Chef Christian Klein im Januar, bei der Bilanzpressekonferenz des Softwarekonzerns.

(Foto: Uwe Anspach/dpa)

Der neue SAP-Chef Christian Klein und Aufsichtsrats-Chef Hasso Plattner zeigen sich bei der Hauptversammlung selbstkritisch. Dennoch gibt es Kritik von Aktionärsvertretern.

Christian Klein gibt sich maximal demütig. "Wir haben die Geduld unserer Kunden so manches Mal überstrapaziert", sagt der neue Vorstandschef des Softwarekonzerns SAP. "Das wissen wir - und das werden wir schleunigst wieder gutmachen." Auslöser dieser Ansage: Bei Umfragen gab die Mehrzahl der Kunden zuletzt an, dass sie die SAP-Produkte nicht weiterempfehlen würden. "Das macht uns nicht zufrieden", sagt Klein. Diese neue Demut des 40-Jährigen steht im Kontrast zum Auftreten seines Vorgängers Bill McDermott, der im Oktober 2019 den Konzern überraschend verlassen hatte. McDermott hatte stets von perfekten und fehlerlosen Produkten gesprochen. Kleins Umsteuern war nicht die einzige Neuerung der SAP-Hauptversammlung am Mittwoch.

Das Aktionärstreffen fand wegen der Corona-Pandemie nicht wie gewohnt in der Mannheimer SAP-Arena statt, sondern als Videostream. Ebenfalls wegen des Covid-19 konnte Aufsichtsratschef Hasso Plattner die Veranstaltung nicht moderieren. Der SAP-Mitgründer musste sich mit einer knapp zehnminütigen Video-Botschaft aus seinem Wohnort in Kalifornien begnügen. Die Moderation der Hauptversammlung übernahm Aufsichtsrätin Friederike Rotsch. Die Chefin der Rechtsabteilung des Darmstädter Chemie- und Pharmakonzerns Merck saß auf dem Podium in der Walldorfer Firmenzentrale inmitten von vier Vorständen - natürlich mit Sicherheitsabstand.

Nach neun Jahren der exzentrischen Auftritte des US-Amerikaners Bill McDermott wurde die Rede des Vorstandsvorsitzenden diesmal wieder in deutscher Sprache gehalten. Christian Kleins Gesten wirkten zwar noch etwas unbeholfen bis künstlich, aber dafür machte ihn sein kurpfälzischer Zungenschlag authentisch. "Ich verspresche Ihnen, dass ich ein Vorstand-Sprescher sein werde, der nicht nur versprischt, sondern auch liefert", sagte Klein.

Vor allem die von den Kunden so dringend geforderte Integration der vielen Einzelprodukte schreite gut voran, beteuerte Klein. Bislang seien 30 Prozent der Programme auf einer gemeinsamen Plattform abzurufen, bis Ende des Jahres sollen es 90 Prozent sein.

Klein führt Europas größten Software-Hersteller, der sich auf Anwendungen für Unternehmen spezialisiert hat, seit wenigen Wochen alleine. Erst im April hatte seine Co-Chefin Jennifer Morgan den Konzern verlassen, damit war die im Oktober installierte Doppelspitze nach nur einem halben Jahr gescheitert. Aufsichtsratschef Hasso Plattner ging in seiner Video-Ansprache auf diese Personalie ein: Seit Jahresbeginn seien die Strategie-Diskussionen im Vorstand "langsamer als gedacht" vorangegangen, und die Corona-Krise habe den Druck erhöht und schnelleres Handeln erfordert. "Wir können es uns nicht leisten, uns durch interne Differenzen zu lähmen." Deshalb habe man sich entschieden, die Doppelspitze wieder aufzulösen. Dies habe im übrigen nichts mit Morgans Geschlecht zu tun gehabt.

"Jetzt bin ich schon 76. Da kommt's auf ein paar Jährchen mehr auch nicht mehr an."

Auch in einer anderen Personalfrage könnte es sein, dass Hasso Plattner seine bislang verkündete Strategie umwirft: In einem Interview mit dem Handelsblatt kündigte er an, dass er seine bis 2022 laufende Amtszeit eventuell verlängern könnte. "Jetzt bin ich schon 76. Da kommt's auf ein paar Jährchen mehr auch nicht mehr an", sagte er. Solange er "gesund und munter" sei, könne er sich eine weitere Amtszeit durchaus vorstellen. "Ich wurde diesbezüglich bereits angesprochen und sehe zumindest eine gewisse Logik darin, in unruhigen Coronazeiten wie jetzt ein Stück Sicherheit und Kontinuität ins Unternehmen zu bringen." Auf der Hauptversammlung 2019 hatte sich Plattner, der knapp sechs Prozent der SAP-Aktien besitzt, zur Wiederwahl gestellt - allerdings nur für drei statt wie zuvor fünf Jahre. "Diese drei Jahre sollen dann gleichzeitig auch meine letzte Amtszeit sein", sagte Plattner seinerzeit.

Bei der Suche nach einem Nachfolger werde er sich "nicht künstlich unter Druck setzen lassen", sagte Plattner in seiner Grußbotschaft an die Aktionäre. Unter Experten gilt Plattner nach wie vor als der Spiritus rector von SAP. Seine Ideen, seine Ratschläge und auch seine Absolventen aus dem Potsdamer Hasso-Plattner-Institut seien für die Konkurrenzfähigkeit des Unternehmens durchaus wichtig. Dennoch findet Markus Golinski, Portfoliomanager der Fondsgesellschaft Union Investment, das Hin und Her Plattners nicht gut: "Wir schätzen Herrn Plattner sehr, aber die Kandidatur für eine weitere Amtszeit würden wir wegen Überschreitung der Altersgrenze von 75 Jahren nicht unterstützen."

Weitere Kritikpunkte der Aktionärsvertreter waren auf der Hauptversammlung die hohe Fluktuation bei den Führungskräften sowie das neue Vergütungssystem. "Auch ein Riese kann ins Wanken geraten, wenn der Aderlass zu groß ist", schrieb Golinski von Union Investment in seinem Redebeitrag. Neben Bill McDermott und Jennifer Morgan haben zuletzt auch die Vorstandsmitglieder Michael Kleinemeier und Stefan Ries den Konzern verlassen, zuvor waren schon weitere Top-Manager gegangen. "Sorgen Sie schnell dafür, dass die dadurch verursachte Unsicherheit und Unruhe ein Ende findet", forderte Golinski von Klein.

Ingo Speich von der Fondsgesellschaft Deka lehnte das zur Abstimmung vorgelegte Vorstandsvergütungssystem ab. Er bezeichnete die neue Maximal-Gesamtvergütung für einen Vorstandschef in Höhe von 34,5 Millionen Euro als "nicht akzeptabel". Speich kritisierte auch, dass es keine geregelte Nachfolge im Aufsichtsrat gebe. "Wir appellieren an Herrn Plattner, für eine geordnete Nachfolgeregelung zu sorgen, die wir derzeit nicht erkennen können", sagte er. Plattner erfülle wegen seines Alters nicht mehr die Anforderungen der Deka. "Eine weitere Amtszeit von Herrn Plattner werden wir daher nicht mittragen", so Speich.

Tatsächlich gab es zum neuen Vorstandsvergütungssystem die geringste Zustimmung durch die Aktionäre im Vergleich zu den anderen Tagesordnungspunkten: Nur 78 Prozent stimmten für die Reform. 94 Prozent stimmten für die Entlastung des Aufsichtsrats, 98 Prozent für die des Vorstands.

Der Vorstand will keine Kurzarbeit, sondern eine erhöhte Dividende

In seinem Interview vor der Hauptversammlung hatte Hasso Plattner auch über die Zusammenarbeit mit und die Trennung vom langjährigen Chef Bill McDermott gesprochen - und dabei sogar Selbstkritik geübt: "Wir haben manche Unternehmen gekauft, nur weil sie eine nettere Benutzeroberfläche hatten. Das reicht aber nicht." Man habe "technologisch nicht die richtige Entscheidung getroffen", räumte er ein. "Das hat uns eineinhalb bis zwei Jahre gekostet, mental aber noch weit mehr." Am Ende habe es unüberbrückbare Differenzen bei den Philosophien gegeben: "Für Bill McDermott stand der Wettbewerb ganz oben, für mich immer der Kunde."

McDermott hatte mit etlichen milliardenschweren Zukäufen von Technologiefirmen zwar das Wachstum gesteigert, aber auch einen unübersichtlich viele Produkte angehäuft. Die mangelnde Integration dieser Programme ist bis heute der Hauptkritikpunkt der SAP-Kunden. Zu Recht, wie Plattner zugibt: "Die Integration, die funktioniert bei SAP immer noch nicht komplett. Das ist leider ein Fakt."

Dennoch steht SAP in der Corona-Krise einigermaßen robust da: Der Aktienkurs sank in der Akutphase der Pandemie zwar vom Allzeithoch in Höhe von 127 Euro kurzfristig auf 87 Euro. Inzwischen ist er aber wieder auf 110 Euro gestiegen. Damit ist und bleibt SAP mit einem Börsenwert von rund 134 Milliarden Euro das wertvollste Unternehmen im deutschen Aktienleitindex Dax. Das Unternehmen hat keine Kurzarbeit angemeldet und braucht auch keine anderen Staatshilfen. Der Vorstand schlug eine Erhöhung der Dividende um fünf Prozent auf 1,58 Euro vor. Die Aktionäre nahmen dankend an.

© SZ
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