Es hilft den Bewohnern von Santa Monica freilich, dass sie bei ihrem rührenden Blockade-Protest keinen Road Rage fürchten müssen; die Situation im Straßenverkehr, in dem Leute aggressiv werden und einander lächerliche bis gefährliche Dinge antun – Youtube ist ein Füllhorn für Begebenheiten auf beiden Seiten des Straßenwut-Spektrums. In den Autos, die sie in Santa Monica partout nicht auf den Parkplatz neben dem Broadway lassen wollen, befindet sich indes kein Mensch. Es sind 56 Robotaxis von Waymo, das im Großraum Los Angeles auf insgesamt 200 Quadratkilometern Fahrten vermittelt. Eines der beiden Gelände zum Laden und Warten befindet sich in Santa Monica – das bedeutet, 24 Stunden am Tag: piep, piep, piep, piep.
Das ist das Geräusch, das Robotaxis den Regularien im Bundesstaat Kalifornien zufolge beim Rückwärtsfahren machen müssen, wie Lkws oder Baufahrzeuge. Die Waymo-Autos kommen also auf den Parkplatz, und beim Rangieren macht es: piep, piep, piep, piep. Falls das Fahrzeug auch geputzt werden muss, hört man noch Geräusche der Staubsauger; und beim Ausparken wieder: piep, piep, piep, piep. Und, natürlich: das Licht aller Taxis, die zwischen Mitternacht und frühem Morgen weniger gebucht und genau dann zur Wartung auf das Gelände kommen. Es geht zu wie auf dem Strip in Las Vegas: so hell und laut, nur ohne Menschen – außer eben jenen in den Häusern, die schlafen wollen.
„Zu Beginn dachte ich, dass so ein Gelände in der Nachbarschaft cool sein würde“, sagt Anwohner Darius Boorn der SZ. Waymo mietet das Grundstück seit Januar von Ladestation-Hersteller Voltera. Die Stadt dachte sich zunächst nichts dabei, weil alle Genehmigungen zum Betrieb bereits erteilt waren. Eine Untersuchung im Auftrag der Stadt ergab kürzlich, dass die Lautstärke des Piepen im erlaubten Bereich liege. „Kann nicht wahr sein“, sagt Boorn. Er will das Piepen mittlerweile auch hören, wenn es gar keines gibt, im Schlaf etwa oder wenn er gar nicht in seiner Wohnung einen Block entfernt sei: „Dann aber, früh um vier Uhr, direkt vor meiner Haustür: piep, piep, piep! Das muss aufhören.“
Was Anwohner nun tun: Sie stellen Hütchen oder ihre Autos vor die Zufahrten, manchmal stellen sie auch sich selbst davor, im Wissen, dass sie ein Robotaxi nicht über den Haufen fahren würde. So entsteht eine Waymo-Warteschlange auf dem Broadway; ohne wütende Insassen, sind ja keine drin – die Fahrzeuge warten geduldiger als Tennisfans in der legendären „Queue“ von Wimbledon. Dadurch leidet freilich das, weswegen Waymo hier ist: Effizienz – ein Robotaxi, das warten muss, verdient kein Geld.
Das Motto der Anwohner heißt: „Not in my Backyard“
Bei aller Rührung über diesen doch sehr menschlichen Protest gegen das Unvermeidliche, der in seiner Harmlosigkeit umso goldiger ist – auch wenn Waymo mittlerweile die Polizei um Hilfe gebeten hat: Es geht derzeit um gerade mal 56 Robotaxis. Die aktuelle Waymo-Flotte umfasst 1500 Fahrzeuge, die im texanischen Austin zum Beispiel von Uber vermittelt werden. Die Warte- und Ladestation befindet sich in einem Industriegebiet im Süden, gegenüber vom „Collision Center“ von Konkurrent Tesla. Waymo und Tesla wollen massiv expandieren, und das führt bei der Debatte übers sinnvollste Geschäftsmodell zur Frage: Wie viele solcher Gelände wird es brauchen, wenn Robotaxis flächendeckend eingesetzt werden?
Im Tesla-Modell bräuchte es die nicht. Der Konzern will, dass Leute weiter Autos kaufen (und sie selbst laden und warten), sie aber auf einer Tesla-Plattform als Robotaxis bereitstellen; „wie ein Zimmer auf Airbnb, wenn man es nicht braucht“, sagt Chef Elon Musk, der sich künftig wieder stärker um den Konzern kümmern will. Das Modell auf der anderen Seite des Spektrums: eigene Robotaxi-Flotte, entweder selbst vermittelt wie in L. A. oder von Partnern wie in Austin. Wer jedoch wissen will, wie viele Robotaxis es zum Beispiel brauchen wird, um L. A. zu bedienen, erntet von Angestellten der Konzerne nur den Dürfen-wir-doch-nicht-sagen-Blick. Vorsichtige Schätzung für L. A.: das 500-Fache der aktuellen 56 Fahrzeuge.
Es entsteht also bereits jetzt eine sogenannte Nimby-Abwehrhaltung in vielen Gegenden: Können sie schon bauen, die Stationen, aber „Not in my Backyard“; nicht in meiner Gegend. In San Francisco gab es bereits eine Klage gegen die Expansion eines Waymo -Geländes, die jedoch abgelehnt wurde. In Santa Monica verhandelt die Stadt derzeit mit der Alphabet-Tochter über leisere Staubsauger. „Das löst das wahre Problem aber nicht“, sagt Boorn. Bleibt ihnen aktuell also tatsächlich nur: Blockade für Waymo-Parade auf dem Broadway.
