Süddeutsche Zeitung

Sankt Martin:"Die Stärke eines Volkes misst sich am Wohl der Schwachen"

Die Tugend des Teilens - eine vergessene europäische Leitkultur. Sie kann für mehr Wohlstand sorgen, für mehr Sicherheit und für mehr gesellschaftlichen Frieden.

Wenn man nach einer europäischen Leitfigur sucht, stößt man auf einen, den die Kinder in diesen Tagen mit Laternenumzügen, mit Rabimmel und Rabammel feiern. Und wenn man nach einer europäischen Leitkultur sucht, dann stößt man auf eine Tugend, die der so Gefeierte verkörpert: Sankt Martin ist der Heilige des Teilens; er ist einer, den Katholiken, Orthodoxe, Protestanten und Anglikaner gleichermaßen verehren, er ist eine Gestalt aus den Urtagen Europas. Martin Luther, der Reformator, ist nach diesem Sankt Martin benannt, weil er am Vorabend des Martinstags, also am 10. November geboren wurde, und dann, wie damals üblich, den Namen des Heiligen des nächsten Tages, seines Tauftages erhielt.

Die Legende, die sich mit Sankt Martin verbindet, geht so: Bevor er, es war im vierten nachchristlichen Jahrhundert, Bischof von Tours wurde, war er römischer Soldat in der kaiserlichen Reiterei. An einem Wintertag begegnete ihm ein frierender Bettler. Weil Martin außer seinen Waffen, seinem Militärmantel und seinem christlichen Glauben nichts bei sich trug, teilte er den Mantel mit dem Schwert und gab die eine Hälfte dem Armen. In der Nacht, so die Legende, sei ihm dann im Traum Christus erschienen - bekleidet mit dem halben Mantel, den Martin dem Bettler geschenkt hatte. Es ist dies eine Illustration zum Matthäus-Evangelium über das Weltgericht, in dem es heißt: "Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet (. . .) Was ihr einem von meinen geringsten Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan."

Martins Mantel, lateinisch cappa, gehörte dann seit der Merowingerzeit zum Kronschatz der fränkischen Könige und reiste mit ihrem Hof von Pfalz zu Pfalz. Der Name Kapelle leitet sich von der Räumlichkeit, in der diese Cappa aufbewahrt wurde; und die Geistlichen, die die Cappa begleiteten, waren die Kapellane. Vielleicht wäre es gut, wenn die EU-Kommissare heute nicht Kommissare, sondern Kapellane heißen würden - um damit deutlich zu machen, was eigentlich essenziell zu Europa gehört oder gehören sollte: Die Kultur des Teilens, also soziale Gerechtigkeit.

Fast so schön wie im zitierten Matthäus-Evangelium vom Weltgericht ist die Kultur des Teilens an einer anderen Stelle formuliert. Dort heißt es: "Die Stärke eines Volkes misst sich am Wohl der Schwachen". Das klingt wie ein Leitspruch zu den Verhandlungen zur Jamaika-Koalition, den der Paritätische Wohlfahrtsverband in Greenpeace-Manier an die Fassade der Parlamentarischen Gesellschaft gehängt haben könnte. Der provozierende Spruch stammt aber aus der Präambel der Schweizerischen Verfassung.

Das Wohl der Schwachen

Bemerkenswert ist der Satz, weil die Stärke eines Volkes, die Stärke eines Staates regelmäßig an ganz anderen Faktoren bemessen wird: Die einen messen sie am Bruttosozialprodukt und am Exportüberschuss, die anderen reden dann vom starken Staat, wenn sie mehr Polizei, mehr Strafrecht und mehr Gefängnis fordern. Kaum jemand redet von der "Stärke eines Volkes", wenn es darum geht, einen Mindestlohn von 12 Euro pro Stunde durchzusetzen. Kaum jemand sagt starker Staat oder starkes Volk, wenn er die Verknüpfung von Sozial- und Bildungspolitik meint oder eine humane Flüchtlingspolitik. Und noch niemand hat an die Stärke der mitteleuropäischen Völker appelliert, um so dafür zu werben, den armutsgeplagten Griechen die Schulden zu erlassen. Sankt Martin als europäische Leitfigur kann helfen, Stärke neu zu definieren.

Die Stärke des Volkes misst sich am Wohl der Schwachen: Das ist ein starker Satz, auch wenn die Bezeichnung "Schwache" infiziert ist von den Ausschließlichkeitskriterien der Leistungsgesellschaft. Ein starker Staat ist ein Staat, der für die Angleichung der Lebensverhältnisse sorgt, sich ums Wohl der Schwachen und Behinderten kümmert und dabei lernt, dass sie nicht so schwach sind, wie man oft meint und dann ihre Stärken, die Stärken des Imperfekten, zu schätzen lernt.

Die zweite Geschichte des heiligen Sankt Martin

Sankt Martin ist ein Heiliger unserer Tage - nicht nur, w eil er sich rühren ließ von der Not des Bettlers. Aber auch das wäre ja schon viel. Deutschland ist ein Land, in dem in den vergangenen Jahren Woche für Woche Tausende auf die Straße gegangen sind, die sich nicht rühren ließen von fremdem Leid; Deutschland ist ein Land, in dem Häuser beschmiert und in Brand gesteckt werden, die für Flüchtlinge hergerichtet wurden. Deutschland ist aber auch ein Land, in dem Zehntausende Menschen Flüchtlingen zur Seite stehen. Deutschland erlebt einerseits Fremdenfeindlichkeit, es erlebt andererseits auch und noch immer eine hohe Zeit der Bürgertugend. Deutschland ist hin- und hergerissen.

Es gibt eine zweite wunderbare St.- Martin-Geschichte, die viel weniger bekannt ist als die von der Teilung des Mantels - die aber einer humanen Zivilgesellschaft Mut machen kann. Der Theologe und Sozialwissenschaftler Franz Segbers hat sie ausgegraben; Segbers ist vor dreißig Jahren, aus Protest gegen die Repression der lateinamerikanischen Befreiungstheologie durch den Vatikan, aus der katholischen Kirche ausgetreten und in die kleine alt-katholische Kirche eingetreten.

Diese zweite Martins-Geschichte steht im "Goldenen Legendenbuch": Es gab damals, zur St.-Martin-Zeit, bereits einen christlichen Kaiser, Theodosius. Er hatte das Christentum zur Staatsreligion gemacht und die Kirche reichlich mit Privilegien ausgestattet. Die Gegenleistung: Die Kirche sollte Stütze des Reiches und seiner Herrschaft sein. Doch nicht mit Martin. Er war zum Bischof von Tours gewählt worden - und er nahm seinen Bischofstitel ernst: "Vater der Armen". Also wollte er sich beim Kaiser für die Armen einsetzen. Aber der Kaiser wollte nicht hören und nicht helfen. Er hielt die Tore seines Palastes fest verschlossen. Ein zweites und ein drittes Mal kam Martin zum Kaiser, vergebens. Danach streute er Asche auf sein Haupt und fastete und betete eine Woche lang. Dann ging er auf seines Engels Geheiß noch einmal zum Palast und kam, durch verschlossene Tore, bis vor den Kaiser. Der blieb trotzig auf seinem Stuhl sitzen. Im "Goldenen Legendenbuch" heißt es dann wörtlich: "Da bedeckte plötzlich Feuer den königlichen Thron und brannte den Kaiser an seinem hinteren Teil, dass er voll Zorn musste aufstehen. Und der Kaiser bekannte, dass er Gottes Macht hatte gespürt. Er umarmte den Heiligen und bewilligte ihm alles, noch ehe er darum bat." Diese Geschichte hat ihre eigene Wahrheit und Poesie. Sie besagt: Solchen Politikern soll man Feuer unterm Hintern machen. Es geht nicht nur um Almosen, es geht um Recht. Justitia wird mit einer Augenbinde dargestellt, weil sie ohne Ansehen der Person urteilen soll. Das ist ein wichtiger Rechtsgrundsatz. Aber es tut diesem Rechtsgrundsatz gut, wenn er durch eine andere Rechtsvorstellung ergänzt wird. Die besteht darin, dass man das Elend sieht; dass man die Armen sieht, die zu ihrem Recht kommen sollen. Was Ihr dem Geringsten getan habt . . . : Dieser Satz ist ein zentraler Satz einer sozialen und humanen Politik. Er ist eine Realvision. Es sollte mehr real sein denn Vision.

Gnade und Recht

Eine Politik des Teilens ist keine Politik der Gnade; sie ist viel mehr. Es geht nicht nur um ein bisschen Barmherzigkeit. Es geht um Recht. Gnade ist heilsam. Gnade ist ein Segen. Aber Gnade hat auch eine problematische Eigenschaft: Wo sie waltet, gibt es einen, der sie gewährt, und einen, der sie empfängt. Es gibt ein Oben und ein Unten. Für Gnade hat man dankbar zu sein. Wer von anderer Leute Gnade lebt, ist abhängig und unfrei. Gnade kann man nicht einfordern. Deshalb ist Gnade meistens schön für den, der gnädig sein kann, nicht immer aber für den, der auf sie angewiesen ist. Gnade adelt ihren Geber, aber sie erniedrigt ihren Empfänger. Mit Gnade kann man Menschen demütigen. Mit Gnade kann man beleidigen. Mit Gnade kann man jemanden gering machen.

Gnade kann nicht Recht ersetzen. Die beste Gnade ist die, die zum Prinzip des Rechts wird. Ist es gut, das, was Schwache nötig haben, der Gnädigkeit der Starken und der Besitzenden zu überlassen? Ist es gut, wichtige soziale Aufgaben den Stiftungen, den Spendern und Spenden zu überlassen - und ein Heer von Sponsoring-Trüffelschweinen auszubilden, die auf den Sozialmarkt geschickt werden, um sie auszugraben? Oder ist es besser, das, was Schwache nötig haben, zu einem Recht der Schwachen und Bedürftigen zu machen?

Ist es Recht, Zäune aus Stacheldraht zu ziehen, auf dass der Wohlstand in den EU-Landen bleibe und die Armut draußen? Ist es Recht, wenn die Europäerinnen und Europäer ihre Kleidung unter erbärmlichen Umständen in Asien herstellen lassen? Ist es Recht, wenn die billigst hergestellte Kleidung dann später als Secondhand-Spende nach Afrika geht, wo dann deswegen die dortige Textilindustrie den Bach herunter geht? Ist es Recht, wenn schwimmende Fischfabriken aus Europa und den USA vor den Küsten Afrikas alles wegfangen, was zappelt? Wenn, dank der EU-Subventionen, europäisches Geflügel und europäische Butter in Afrika billiger sind, als es die einheimischen Produkte sind? Ist es Recht, wenn Deutschland nach wie vor zu den größten Waffenproduzenten und Waffenexporteuren der Welt zählt?

Wie viel Mantel braucht der Mensch?

Ja , es ist dies leider Recht, weil nationale und internationale Gesetze dieses Unrecht zu Recht machen. Es ist eine Aufgabe von Anwälten der Menschenrechte, die zu diesem Zweck nicht Juristen sein müssen, Kritik daran zu üben - und anzuklagen, wenn Recht dem Unrecht assistiert.

Kritiker verwechseln soziale Gerechtigkeit oft mit absurder Gleichmacherei - oder mit Moral, die in der Politik nichts zu suchen habe. Eine Politik, die zugleich die schwarze Null und Steuersenkungen fordert, ist aber nicht unmoralisch, sondern dumm. Eine Verteilungspolitik, die für mehr Ausgleich sorgt, ist dagegen eine Sache der wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Vernunft. Sie sorgt für mehr Wohlstand, mehr Sicherheit und für mehr gesellschaftlichen Frieden. Das Übel, dass manche Leute ein schlechtes Leben führen, besteht nicht darin, dass andere Leute ein besseres Leben führen; das Übel liegt vor allem darin, dass schlechte Leben schlecht sind. Und das Gute ist, dass, auch mittels derer, die ein besseres Leben führen, denjenigen geholfen werden kann, deren Leben schlecht ist.

Wie viel Mantel braucht der Mensch? Einen halben, einen ganzen? Genügt ein Topflappen? Es gibt Menschen, die für ein Zipfelchen Mantel ihr Leben riskieren. Der Mensch braucht zumindest so viel Mantel, dass er Mensch sein kann. Das ist die Botschaft des Sankt Martin, das ist die Mahnung am Sankt-Martins-Tag.

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Quelle:
SZ vom 11.11.2017/been
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