Samstagsessay:Wirtschaft als Krieg

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In diesem Jahr gedenkt die Welt des 100. Jahrestags der Oktoberrevolution. Sie führte in eine der blutigsten Tyranneien der Geschichte. Die Folgen wirken bis heute nach.

Von Nikolaus Piper

Der Umsturz der Wirtschaftsordnung begann am 8. November 1917 in der russischen Hauptstadt St. Petersburg, das damals "Petrograd" hieß. In der Nacht zuvor hatten sich die Bolschewiki, eine radikale Abspaltung der russischen Sozialdemokraten, an die Macht geputscht. Als erste Amtshandlung erließ der Revolutionsführer Wladimir Iljitsch Lenin mehrere Dekrete, darunter eines "Über den Grund und Boden". Die Verordnung sah vor, dass "das Eigentum der Gutsbesitzer an Grund und Boden unverzüglich ohne Entschädigung aufgehoben wird". Boden durfte "weder verkauft noch gekauft, verpachtet, verpfändet oder auf irgendeine andere Weise veräußert werden". Mit dem Dekret begann ein ebenso gigantisches wie mörderisches Experiment: Die Bolschewiki stellten eine gesamte Volkswirtschaft unter ihr Kommando und nannten das "Sozialismus". Enden sollte das Experiment erst 74 Jahre später mit der Auflösung der Sowjetunion. Die Spätfolgen aber sind bis heute zu spüren, in Russland ebenso wie in seinen früheren Satellitenstaaten.

Hundert Jahre wird die Oktoberrevolution in diesem Jahr alt. Was mit einem Putsch begann, führte in eine der blutigsten Tyranneien der Geschichte, weckte riesige - vergebliche - Hoffnungen und veränderte das Denken über Wirtschaft. Alte Marxisten wie der SPD-Vordenker Karl Kautsky hatten noch geglaubt, der Kapitalismus werde mehr oder weniger von selbst in den Sozialismus hineinwachsen. Lenin räumte mit dieser Idee auf. Die Revolutionäre sollten im geschwächten Russland sofort die Diktatur des Proletariats errichten. Das Ergebnis waren Millionen Tote und eine zerstörte Gesellschaft.

Der Vater dieses Sozialismus war der Erste Weltkrieg. Er hatte nicht nur der Autokratie des Zaren die Basis entzogen und die russische Gesellschaft zerstört, sondern die Menschen auch an Staatswirtschaft gewöhnt. Lenin glaubte, dass das Bürgertum mit dieser Staatswirtschaft die Mittel entwickelt hatte, die die "Avantgarde des Proletariats", also er selbst und seine Mitverschwörer, nur noch zu nutzen brauchten, um ihre Diktatur zu errichten. Als Vorbild dienten ihm dabei die Deutsche Reichspost und die deutsche Rüstungswirtschaft.

Die Bourgeoisie habe die Kontrolle der Wirtschaft extrem erleichtert, schrieb Lenin. Sie habe sie "in außergewöhnlich einfache, jedem Nichtanalphabeten zugängliche Operationen der Notierung verwandelt, zu deren Verrichtung die Beherrschung der vier Rechenarten und die Ausstellung entsprechender Quittungen genügt." Bewaffnete Arbeiter wären so durchaus in der Lage, die Wirtschaft zu führen. "Die ganze Wirtschaft wird ein Büro und eine Fabrik mit gleicher Arbeit und gleichem Lohn sein", schrieb Lenin 1919. Der fatale Irrtum, in der Wirtschaft gehe es hauptsächlich um bürokratische Kontrolle, die Missachtung der menschlichen Kreativität, begleitete den sowjetischen Sozialismus bis zu seinem Ende. Auch seine Wurzeln im Krieg konnte der Sozialismus nie verbergen. Das klang noch bei den legendären "Ernteschlachten" in der früheren DDR nach.

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Illustration: Stefan Dimitrov

Es ging gegen die Bauern: Soldaten konfiszierten Getreide, Kartoffeln und Vieh

Im Frühjahr 1918 stand Russland erst am Anfang der sozialistischen Tragödie. Überall brachen Volksaufstände und Streiks gegen die Diktatur der Bolschewiki aus. Der Russische Bürgerkrieg begann; beide Seiten, die "Roten" und die "Weißen", führten ihn mit großer Brutalität. Um zu überleben, führten die Bolschewiki eine Wirtschaftsdiktatur ein, die als "Kriegskommunismus" in die Geschichte eingehen sollte. Ein "Oberster Rat für Volkswirtschaft" wurde eingerichtet; Privateigentum und Handel wurden abgeschafft. Die eigentliche Macht hatte jedoch nicht der Volkswirtschaftsrat, sondern die "Außerordentliche Allrussische Kommission zur Bekämpfung der Konterrevolution, Spekulation und Sabotage". Unter der Abkürzung "Tscheka", später GPU, sollte diese Geheimpolizei fürchterliche Berühmtheit erlangen.

In der Praxis war der Kriegskommunismus ein Raubkrieg gegen die russischen Bauern, gegen große ebenso wie kleine. Soldaten und Arbeiter konfiszierten auf den Höfen mit vorgehaltenem Gewehr Getreide, Kartoffeln und Vieh. Das meiste ging an den Staat, einen Teil behielten die sogenannten "Versorgungskommandos" für sich selbst. "Der Bürgerkrieg, das ist der Kampf ums Brot, es lebe der Bürgerkrieg", schrieb der Revolutionär und Gründer der Roten Armee, Leo Trotzki.

Bürgerkrieg, Kriegskommunismus und der "Rote Terror" (so wurden die Exzesse der Tscheka offiziell genannt) hatten furchtbare Folgen. Dem Roten Terror fielen nach vorsichtigen Schätzungen 280 000 Menschen zum Opfer, in dem ausgeplünderten Land brachen Hungersnöte aus, der Rubel wurde in einer Hyperinflation vernichtet, die Industrieproduktion sank auf ein Zehntel des Wertes von 1913. Die Bolschewiki hatten den Bürgerkrieg zwar gewonnen, sie wussten aber nicht, wie sie das Land ernähren sollten.

In dieser verzweifelten Situation befahl Lenin eine Kehrtwende. Im März 1921 verkündete er auf dem zehnten Parteitag der Kommunistischen Partei Russlands die "Neue Ökonomische Politik" (NEP). Der Rote Terror ging zwar weiter, in der Wirtschaft ließen die Bolschewiki aber einige Freiheiten zu, Händler und Bauern durften wieder Gewinn machen, die Konfiskationen bei den Bauern hörten auf. Ein wenig erinnert die NEP an die Reformen der chinesischen Kommunisten nach dem Tode Mao Zedongs: Kapitalismus im Kleinen war erlaubt, die Partei besetzte jedoch weiter die "Kommandohöhen der Wirtschaft" (Lenin). Fast unmittelbar führte die kleine Dosis Marktwirtschaft dazu, dass es den Menschen besser ging.

Drei Thesen

Der Befund: Die sowjetische Planwirtschaft kam nie ohne Repression aus

Das Problem: Viele Menschen träumen noch von einem besseren Sozialismus

Die Aufgabe: Die Erinnerung an den realen Sozialismus wachhalten

Tatsächlich war die NEP aber nur eine "Kampfpause" (so der französische Historiker Nicolas Werth) im Krieg der Kommunisten gegen die Gesellschaft. Nach dem Tod Lenins 1924 gelang es Josef Stalin, dem Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (so nannten die Bolschewiki sich jetzt), die ganze Macht an sich zu ziehen. Er trieb seinen Konkurrenten Trotzki ins Exil und ordnete im April 1929 den ersten Fünfjahresplan der Sowjetunion an. Damit hatte die Phase der echten Planwirtschaft begonnen. Eine Planbehörde (Gosplan) sollte die Wirtschaft bis ins Kleinste dirigieren. Stalin begann auch eine neue Kampagne gegen die Bauern. Sie sollten die Überschüsse für die Industrialisierung erwirtschaften. Um das zu garantieren, wurden sie in Kolchosen gezwungen, gleichzeitig startete Stalin die "Entkulakisierung" des Landes. Die erfolgreichen Mittelbauern ("Kulaken") sollten "als Klasse vernichtet" werden, wie Stalin offen sagte. Das Resultat war eine verheerende Hungersnot in der Ukraine. Nach Berechnungen der Ukrainischen Akademie der Wissenschaften kamen dabei 3,5 Millionen Menschen um, der britische Historiker Richard Conquest rechnet mit 14,5 Millionen Toten. Die Erinnerung an die Katastrophe belastet bis heute das Verhältnis zwischen Russland und der Ukraine.

Nach dem Tode Stalins 1953 ließ die Repression in der Sowjetunion und ihren Satellitenstaaten zwar etwas nach, die Fünf-Jahres-Pläne blieben jedoch bis zum bitteren Ende. Dabei war das Scheitern des Sozialismus schon in den Anfängen angelegt. Warum das so ist, haben die Ökonomen Friedrich A. von Hayek und Ludwig von Mises in den Dreißigerjahren im berühmten Streit um die Wirtschaftsrechnung im Sozialismus mit dem polnischen Sozialisten Oskar Lange gezeigt: Wenn die Preisbildung über den Markt ausgeschaltet wird, haben die Planer kein Instrument mehr, um zu entscheiden, was rationell ist und was nicht. "Die Räder werden sich drehen, aber sie werden leer laufen", schrieb Mises. Genau so ist es gekommen, wie jeder bestätigen kann, der die DDR-Wirtschaft noch erlebt hat. Das Element der Konfiszierung ist dabei nie ganz aus der sozialistischen Praxis verschwunden. Die Erstellung eines Planes war meist ein Krieg um Ressourcen, ausgetragen zwischen der Planbehörde und den Direktoren der sozialistischen Betriebe.

Die Arbeiter mussten die Großmachtträume ausbaden. Sie bekamen Dumpinglöhne

Die eigentliche Frage lautet daher: Wieso ist das System nicht viel früher zusammengebrochen? Oder, wie es der Ökonom Mancur Olson formulierte: Dass die Planwirtschaft sich nicht um die Bedürfnisse der Verbraucher scherte und höchst ineffizient war, bedarf keiner weiteren Diskussion. "Aber wie konnte sie immerhin gut genug funktionieren, um eine Supermacht zu schaffen und zu erhalten?" Olsons Antwort: Die Kommunisten hatten die gesamte Gesellschaft enteignet und unterworfen. Sie konnten deshalb einen viel größeren Teil des Bruttoinlandsprodukts für Investitionen verwenden - und einen entsprechend kleineren für den Konsum der Arbeiter, als dies in einer Gesellschaft mit freien Wahlen möglich gewesen wäre. Dadurch ließen sich kurzfristig fantastische Wachstumsraten erzielen, Stahlwerke bauen, eine Atombombe entwickeln und Sputniks ins All schießen. Da die Wirtschaft insgesamt unproduktiv war, waren jedoch Dumpinglöhne die zwingende Folge.

Gegen diese Dumpinglöhne konnten sich die Arbeiter zunächst nicht wehren; sie hatten ja kein Streikrecht. Als sie trotzdem rebellierten, in Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei, und als die Repression nachließ, war es mit den hohen Investitionen zu Ende. Die Sowjetunion und ihre Satelliten lebten aus der Substanz. Oder, wie ein polnischer Arbeiter 1989 sagte: "Die Kommunisten tun so, als ob sie uns bezahlten, wir tun so, als ob wir arbeiteten." Kurz danach war der Sozialismus am Ende.

Heute ist die Erinnerung an das ökonomische Erbe der Oktoberrevolution verblasst. In Russland träumen sich Nationalisten in sowjetische Zeiten zurück. Bei der Aufarbeitung der DDR-Geschichte geht es zwar viel - und zu Recht - um die Stasi, das Scheitern der Planwirtschaft spielt kaum noch eine Rolle. Stattdessen träumen viele - angesichts der Ungleichheit im Kapitalismus - von einem "besseren" Sozialismus. Marktwirtschaft und Freihandel werden von links und rechts attackiert. Vielleicht ist das Gedenken an die Oktoberrevolution eine gute Gelegenheit, daran zu erinnern, dass Planwirtschaft im Krieg entstanden ist, dass sie ohne Repression nicht auskommt und dass es Demokratie ohne Marktwirtschaft noch nie gegeben hat.

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