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Debatte zum Euro:Für manche wird es verlockend sein, aus dem Euro auszusteigen

Aber wie ergeht es den Ländern, die nicht in der Lage sind, diesem Wachstumsmodell zu folgen? Italien ist ein besonders interessantes Beispiel. Das Land wächst seit mehr als einem Jahrzehnt nicht mehr, aber es nutzt nun die Zulieferer in Osteuropa - und weist heute einen Leistungsbilanzüberschuss auf. Die Portugiesen haben unter der Austeritätspolitik ihrer Regierung gelitten; aber das Leistungsbilanzminus von sieben Prozent hat sich in ein Plus von einem Prozent verwandelt.

Es gibt jedoch zwei Ausreißer. Der eine ist Frankreich, das früher mehr exportiert als importiert hat. Nun weist das Land ein doppeltes Minus auf: In seinem Staatshaushalt klafft ein Defizit von vier Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung und in der Handelsbilanz von einem Prozent. Der zweite Ausreißer ist Großbritannien, das ebenfalls ein doppeltes Minus ausweist: Im Staatshaushalt beträgt die Lücke 4,9 Prozent, in der Handelsbilanz sogar 6,2 Prozent. Aber wenigstens kann Großbritannien von Zeit und Zeit seine Währung abwerten; es lebt zudem recht komfortabel, da es über den Finanzplatz in London viel Kapital aus dem Rest der Welt steuert.

Debatte zu Griechenland Erschlagen von der schwarzen Null
Gastbeitrag
Debatte zu Griechenland

Erschlagen von der schwarzen Null

Ein Haushalt ohne Schulden ist in Krisen keine Lösung, sagt der Berater von Griechenlands Ex-Finanzminister Varoufakis.   Gastbeitrag von James Galbraith

All dies zeigt: Große Volkswirtschaften werden sich in einem exportorientierten Europa schwertun, wenn ihre Wirtschaft durch die Binnennachfrage getrieben ist und sie einen starken Sozialstaat haben. Diesen Staaten bleiben nur zwei Möglichkeiten: Entweder verstoßen sie gegen Haushaltsregeln oder sie werten intern ab, senken also Löhne und Preise, um wettzumachen, dass sie extern nicht abwerten können, weil sie ja keine eigene Währung mehr haben. Diese Länder sind die neuen "Schwachstellen" der Euro-Zone. Für sie wird es über kurz oder lang verlockend sein, aus dem Euro auszusteigen.

Aus dieser Analyse ergeben sich drei Schlussfolgerungen

Das erste Fazit: Zwar schaffen es Länder wie Portugal und Spanien, Überschüsse zu erzielen, aber nur, weil ihre Binnennachfrage zusammengebrochen ist. Angesichts der hohen Arbeitslosigkeit in diesen Ländern ist es fraglich, ob diese Politik auf Dauer durchzuhalten ist. Jobs in der Exportindustrie können einfacher durch Kapital ersetzt werden als in anderen Bereichen der Wirtschaft. Deshalb gehen die anspruchsvollen Jobs im verarbeitenden Gewerbe langfristig zurück. Das mag zwar dazu führen, dass die Exportwirtschaft gute Geschäfte macht. Wenn aber weite Teile der Bevölkerung nicht profitieren, weil Löhne und Beschäftigung nicht steigen, wird dies zum Problem.

Die zweite Schlussfolgerung: Die Anleiherenditen in Europa werden für lange Zeit negativ bleiben. Erinnert sich noch jemand an Ben Bernankes "Savings Glut", an die Flut von Ersparnissen? Mit dieser Theorie hat der frühere US-Notenbankchef vor der Krise die Niedrigzinsen erklärt. Demnach haben die Asiaten mit ihren Handelsüberschüssen einen Überschuss an Ersparnissen erzeugt, und auf der Suche nach Anlagemöglichkeiten haben sie mit ihrem Geld die globalen Zinssätze gedrückt. Wenn die Euro-Zone so weitermacht wie bisher, wird sie zum Asien von morgen. Das Gegenstück zum enormen Anstieg der Leistungsbilanzüberschüsse in der Euro-Zone ist nämlich ein Überschuss an Ersparnissen im Vergleich zu Investitionen.

Europa profitiert davon, dass andere Geld ausgeben

Und schließlich die dritte Schlussfolgerung: Dieses neue System mag zwar auf lokaler Ebene robust sein, global betrachtet ist es aber fragil. Es beruht darauf, dass alle anderen nicht mehr sparen, als sie investieren. Dieses neue Europa ist ein Trittbrettfahrer, der davon profitiert, dass andere Geld ausgeben. Damit aber liegt auch das Schicksal der europäischen Wirtschaft in fremden Händen. Da die Asiaten und Europäer zur gleichen Zeit auf den Export setzen, droht das ganze System ziemlich schnell an seine Grenzen zu geraten: Nämlich dann, wenn der Rest der Welt aufhört zu konsumieren.

Was folgt daraus? Kurzfristig ist der Euro sicher vor einer Pleite Griechenlands und ähnlichen Risiken. Langfristig wird sich sein neues Wachstumsmodell aber als großer Schwachpunkt erweisen.