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Samstagsessay:Gute Daten, böse Daten

Die digitale Revolution lässt sich nicht aufhalten, aber gestalten. Das ist auch nötig: sie produziert zwar viele Gewinner - aber auch Millionen Verlierer.

Von Marc Beise und Ulrich Schäfer

Davos, könnte man meinen, ist ein Ort voller Optimisten, und das alljährliche Weltwirtschaftsforum dort ein Treffen der Globalisierungsgewinnler, die sich selber feiern. Und ein wenig ist es ja so: In diesem Jahr etwa saß Eric Schmidt, der Chairman von Google, auf der Bühne und verkündete im Brustton der Überzeugung, dass das Internet nur Gutes bringe - und sich im Grunde alle Problemen des Globus lösen ließen, wenn man jeden ans schnelle Breitbandnetz anbinde. Diejenigen, die mit ihm auf der dem Podium saßen, allesamt wichtige Chefs aus der Tech-Industrie, sahen es ähnlich.

Davos ist aber auch ein Ort, an dem man eine andere Sicht der Dinge hören kann. Etwa in einer Runde, in der unter anderem Erik Brynjolfsson, Autor von "The Second Machine Age", und der amerikanische Nobelpreisträger Robert Shiller über die "Zukunft der Internet-Ökonomie" debattierten. Auch sie sahen die Chancen der digitalen Revolution, aber zugleich trieb sie die Sorge um, dass diese Revolution sehr viel dramatischere Folgen haben wird als andere Technologieschübe. Millionen Menschen, so die Quintessenz der Debatte, müssten um ihren Job fürchten, weil hyperintelligente Maschinen und selbstlernende Computer die Arbeit übernehmen.

Das Internet: Weltenretter? Oder Gefahr für die Mittelschicht? Wer hat recht?

Ganz klar, die Ökonomen, sagt einer der mächtigsten Banker der Welt, den man wenig später in Davos trifft. Es würden viele auf der Strecke bleiben, prophezeit er, auch in seiner Branche, der Finanzindustrie. Da habe die digitale Revolution ja gerade erst begonnen.

Was da alles begonnen hat, davon handelte sechs Wochen lang die SZ-Serie "Die Stunde 4.0", die bewusst den Bezug zur "Stunde null" im Nachkriegsdeutschland herstellte. Denn auch heute erleben wir einen Neuanfang - anders, völlig anders, aber doch einschneidend. Und dieser Neuanfang wird eben nicht nur Gewinner hervorbringen, sondern auch Millionen Verlierer produzieren, jedenfalls kurz- und mittelfristig.

Gewinnen werden all jene, die gut ausgebildet sind, flexibel und veränderungswillig; die bereit sind, sich auf neue Techniken einzulassen, auf neue Arbeitsabläufe, auf eine neue Wirtschaft, die anstrengender ist, die aber auch mehr Freiheit bietet. Zum Beispiel die Freiheit, leichter als früher von daheim zu arbeiten, per Mail und Skype, per Laptop und Smartphone. All dies kann Fluch sein, weil es die Menschen unter Druck setzt; aber es kann auch Segen sein, um Beruf und Familie zu verbinden. Und früher, vor der industriellen Revolution, war es schließlich ganz normal, dass man daheim gearbeitet hat: als Bauer, als Handwerker; Beruf und Privates waren da nicht so scharf getrennt wie heute.

Illustration: Stefan Dimitrov

Aber es existieren eben auch die Schattenseiten. Verlieren werden im digitalen Zeitalter all jene, die den "falschen" Beruf erlernt haben, die nicht in der Lage sind, mal eben schnell umzuziehen oder umzuschulen. Das Problem dabei: Was der "falsche" Beruf sein wird, das lässt sich heute nicht in jedem Fall absehen. Wie lange zum Beispiel braucht man noch so viele Lehrer, wenn sich auch über das Netz lernen lässt? Und braucht man auf Dauer so viele Lastwagenfahrer, wenn der selbstfahrende Lkw tatsächlich kommt? Sagen lässt sich nur: Alles, was sich durch den Computer ersetzen lässt (oder durch eine Maschine, die durch einen intelligenten Rechner gesteuert wird), ist potenziell in Gefahr.

Denn was sich die "Zerstörer" im Silicon Valley und anderswo ausdenken, diese dynamische Tech-Industrie, sprengt alle Grenzen. Als Nutzer von moderner Software, von Streaming-Diensten, sozialen Netzwerken und hilfreichen Apps profitieren wir von vielem, was sie entwickeln. Gestern waren wir auf Facebook, heute verwenden wir Whatsapp - und morgen vielleicht die nächste trendige Kommunikationssoftware. Alles praktisch, alles hilfreich, wenn auch manchmal verwirrend, gerade für nicht technikaffine Menschen.

Andererseits: Auch unser aller Arbeit verändert sich, weil alles digitalisiert, alles schneller wird; und das schafft Unsicherheit. Branche um Branche wird davon erfasst, "Disruption" nennen sie das im Valley. Altes wird hinweggefegt: Alte Geschäftsmodelle werden durch neue ersetzt, behäbige Unternehmen durch wendige Start-ups, alte Jobs durch neue Software, durch künstliche Intelligenz. Der Algorithmus, so scheint es, verdrängt den Menschen.

"Verdrängt", das klingt bedrohlich. Aber wird der Mensch wirklich verdrängt? Oder nur: bedrängt?

Wenn ernsthaft zu erwarten wäre, dass der Mensch gegen die Maschine verliert, dann wäre das ein Knock-out-Kriterium. Dann müsste man die weitere Digitalisierung um jeden Preis verhindern. Theoretisch jedenfalls. Tatsächlich wird das nicht gehen - weil der Innovationswille der Menschen sich nicht wirklich begrenzen lässt.

Klar: Nicht alles, was geht, muss man auch erlauben. Aber manche Skepsis, die es gegenüber dem Neuen schon immer gab, erweist sich im Nachhinein als unbegründet. Man konnte zum Beispiel die Eisenbahn nicht aufhalten, obwohl Zeitgenossen angesichts der ersten Zugfahrt von Nürnberg nach Fürth befürchteten, die schnelle Fahrt werde den Menschen das Hirn aus dem Schädel pressen. Man kann auch die Globalisierung nicht aufhalten, selbst wenn das viele Menschen gerne möchten, die ihre eigene Welt bewahren wollen und übersehen, dass das meiste, was sie kaufen, längst ein Produkt der Globalisierung ist: vom Auto über den Kühlschrank bis hin zu Jeans und Südfrüchten.

Drei Thesen

Die Chance: Schnelle Rechner, moderne Software und Apps erleichtern unser Leben

Die Gefahr: Der Algorithmus verdrängt den Menschen und seine Arbeit

Die Antwort: Wer den "falschen" Beruf wählt, muss aufgefangen und befähigt werden

Besser also, wenn man sich im Glaubenskampf auf die Seite derer schlägt, die den Mensch nur für bedrängt halten. Denn das heißt, die Sache ist noch gestaltbar. Und genau darauf kommt es an, bei der Globalisierung - und nun auch bei der Digitalisierung: Wir müssen diesen Prozess gestalten, ihm einen Rahmen geben, die richtigen Regeln setzen, ohne die Freiheit zu sehr einzugrenzen. Gleichzeitig geht es darum, die Verlierer auffangen - und sie zu befähigen, damit sie sich wieder aufrichten können. Auch über neue Formen der Sozialversicherung, wie sie Robert Shiller zu Beginn dieser Serie vorgeschlagen hat, muss man nachdenken. Zum Beispiel über eine Versicherung gegen die "falsche" Berufswahl, die hilft, wenn ein Beruf aufgrund der Digitalisierung verschwindet und erlerntes Wissen entwertet wird.

Es geht letztlich darum, alle Vorteile der Digitalisierung zu nutzen - und die Nachteile zu beschränken. Ein Beispiel aus dem Bereich, der immer noch vielen Deutschen besonders wichtig ist: Autofahren. Man denkt sofort an das viel zitierte fahrerlose Auto, das es als Prototyp ja schon gibt, das - nicht nur von Google, sondern auch von Audi und anderen - im Härtetest amerikanischer Highways unterwegs ist. Man kann aber auch mit den kleinen Dingen anfangen, dem Datenpflaster, an dem IT-Firmen arbeiten, das, auf die Haut angebracht, alle Körpersignale misst. Wenn man das in Autositze einbaut, kann das Auto alles messen - und beispielsweise Alarm geben, wenn der Fahrer einschläft; nach vielen Studien eine der wichtigsten Unfallursachen. Man könnte aber auch alles an die Versicherung melden und gegebenenfalls den Fahrer für Dinge haftbar machen. Man kann es sogar an die Straßenverkehrsbehörde geben. Man kann damit den totalen Staat bauen.

Wo also die Grenze ziehen? Sollen wir Versuchsstrecken für selbstfahrende Autos auf deutschen Autobahnen gar nicht erst zulassen, weil wir den Datentransfer aus den Fahrzeugen heraus nicht wollen? Dann aber müsste man die Entwicklung zurückdrehen. Denn mit dem internetfähigen Navi sind wir längst eingeklinkt ins globale Netz. Automatische Notrufsysteme, die beim Unfall Hilfe rufen; automatische Bremssysteme, die eingreifen, wenn ein Kind vors Auto rennt - gibt es längst.

Deshalb kann die Antwort nur lauten: Es gilt den Nutzen dieser Vernetzung abzuschöpfen, aber gesetzlich sicherzustellen, dass unsere Daten nur kontrolliert verwendet werden. Der Datenschutz, kein Zweifel, ist für die Beherrschung der digitalen Revolution von entscheidender Bedeutung. Doch der alte Antagonismus - hier die Unternehmen, die unbehelligt arbeiten wollen, dort der Staat, der alles unter Kontrolle behalten möchte - ist in der Netzindustrie abgemildert: Auch die Wirtschaft muss im Grunde an einem funktionierenden Datenschutz interessiert sein. Denn wenn Unternehmen die Daten ihrer Kunden nicht sicher aufbewahren, dann haben sie es auf Dauer genauso schwer wie ein Bank, die nicht in der Lage ist, Geld sicher aufzubewahren.

SZ-Serie: Wie das Internet der Dinge unser Leben verändert.

Diesmal müssen schneller Lösungen her als nach der industriellen Revolution

So wie beim Datenschutz Staat und Unternehmen zusammenarbeiten müssen, ist die Frage der künftigen Gestaltung der Arbeitsbeziehungen ein Thema für Arbeitgeber, Gewerkschaften und Betriebsräte. Der vernetzte Arbeitnehmer gewinnt nie gekannte Freiheiten, um das große Thema dieser Zeit zu bewältigen, Beruf und Familie zu balancieren. Das ist die eine Seite der Veränderung. Die andere heißt permanente Erreichbarkeit.

Auch hier gilt: Gestalten geht vor verhindern. Es war bemerkenswert, dass der DGB-Vorsitzende Hoffmann seine traditionelle 1.-Mai-Rede in diesem Jahr unter das Zeichen der Digitalisierung gestellt hat.

Nach der ersten industriellen Revolution, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts mit der Erfindung des mechanischen Webstuhls und der Weiterentwicklung der Dampfmaschine durch James Watt begann, hat es in Deutschland mehr oder weniger ein Jahrhundert gedauert, bis Antworten gefunden wurden auf die soziale Unsicherheit: 1848 wurden die ersten Gewerkschaften gegründet, von 1883 an entstanden Bismarcks Sozialversicherungen, und die Arbeitgeber lernten, verantwortungsvoller zu sein. All das entwickelte sich sehr langsam; in anderen Ländern hat es noch viel länger gedauert.

Diesmal muss es schneller gehen - auch weil der Wandel schneller ist.

Die digitale Revolution ist auch Thema des diesjährigen Süddeutsche Zeitung-Wirtschaftsgipfels (19. bis 21. November) in Berlin. Infos und Anmeldung: www.sz-wirtschaftsgipfel.de. Dort finden Sie auch alle Folgen der Serie, die mit diesem Essay endet.

© SZ vom 09.05.2015
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