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Dezentral:Alles in die Wolke

Warum es künftig nicht nur ein digitales Zentrum gibt. Und warum viele Deutsche dies als bedrohlich empfinden könnten.

Von Marc Beise und Ulrich Schäfer

Früher, sagt Torsten Kolind, habe es für ihn nur eines gegeben: das Silicon Valley. Sonst nichts. Das Tal der Erfinder hat auf ihn eine magische Anziehungskraft ausgeübt. Deshalb ist der junge Däne von Europa nach Kalifornien gezogen, deshalb hat er hier, im Keller einer ehemaligen Fleischverpackungsfabrik unweit des Hafens von San Francisco, vor fünf Jahren sein Unternehmen Younoodle gegründet.

Man muss, um Kolind zu besuchen, eine Treppe hinabsteigen und landet dann in einem verwinkelten Backsteingewölbe. Rennräder stehen im Flur, ums Eck auch eine Tischtennisplatte. Weiter hinten, vor den schweren Metallklappen, durch die früher das verpackte Fleisch hinausgewuchtet wurde, hocken junge Menschen an alten Schreibtischen. Das Mobiliar haben Kolind und seine Kompagnons auf dem Sperrmüll besorgt. Bei Second-Hand-Möbelhändlern. Bei Freunden.

Heute gibt es für Kolind nicht mehr nur das Valley, nicht nur diesen einen Ort, an dem man sein muss, wenn man ein erfolgreiches Technologieunternehmen gründen will. Kaum einer kann das so gut nachvollziehen wie er, denn Younoodle sammelt Daten von Zehntausenden Start-ups. Wenn Konzerne wissen wollen, wo auf der Welt ein Gründer gerade dies entwickelt oder jenes kann: Kolind hat die Antwort in seinen Rechnern. Er versteht sich als einer, der Kontakte vermittelt.

Im Auftrag von Unternehmen oder Finanziers richtet Younoodle Start-up-Wettbewerbe aus: Gründer können, wie es im Slang der Szene heißt, "pitchen" - und werden, wenn sie sich, ihre Idee und ihr Geschäft gut genug präsentiert haben, mit einem Preis bedacht, mit etwas Ruhm und Ehre, was für den späteren Erfolg entscheidend sein kann.

Die Welt in Kolinds Computern: Sie hat sich verändert. Das Silicon Valley, klar, ist noch immer der heißeste Ort der Internet-Industrie. Aber er ist nicht mehr der einzige. Rund um den Globus reifen immer mehr "hot spots" heran, immer mehr Metropolen oder Regionen. In London oder Los Angeles gibt es nicht bloß viele Gründer, sondern auch erstaunlich viele Finanziers, die ihr Geld bereitwillig in Start-ups stecken. Oder Moskau. Rio. Shanghai. Helsinki. Tel Aviv. Na klar, auch Berlin gilt als "hot spot". Und selbst in München tut sich viel. Und sonst? Wenn man gute Leute sucht, nicht bloß Finanziers, die Millionen bereitstellen, sind auch Städte wie Bangalore oder Delhi interessant.

Die Kräfte verschieben sich also. Andere Weltregionen drängen nach vorne. Der Wohlstand, den die Digitalisierung bringen kann, und die wirtschaftliche Dynamik, die sie auslöst, wird breiter verteilt: auf mehr Länder, mehr Metropolen. Und das ist gut so.

Der alleinige Fokus auf das Silicon Valley war in den vergangenen Jahren geradezu manisch. Nur dort würden die großen Ideen entwickelt, nur dort werde die Zukunft erfunden. Das Valley sei uneinholbar voraus. Google, Amazon, Twitter, Facebook - enteilt. Davon. Der Kuchen ist verteilt. So war, so ist es immer noch zu lesen, und das ist, gelinde gesagt, ein ziemlicher Quatsch.

Man gelangt zu dieser Das-Valley-ist alles-Position schnell, wenn man allein auf die Geschäfte schaut, die sich in erster Linie an Verbraucher wenden - und außer Acht lässt, dass das Internet der Dinge gerade dabei ist, eine Branche nach der anderen umzukrempeln, bis tief in die Industrie hinein. Die komplette vernetzte Fabrik etwa, mit Maschinen und Bauteilen, die fortwährend miteinander kommunizieren, die dank kluger Programme und Prozesse von selbst wissen, was zu tun ist, bietet gerade für deutsche Unternehmen viele Chancen: für Maschinen- und Anlagenbauer, aber auch für Start-ups, die helfen, die Abläufe zu optimieren.

Illustration: Stefan Dimitrov

Vor allem aber hat sich in den vergangenen Jahren das gesamte Umfeld für Start-ups verändert: Die technischen Hürden, um ein Unternehmen zu gründen, sind niedriger als jemals zuvor. Und das hat vor allem mit dem Silicon Valley selbst zu tun, mit seinem eigenen Erfolg, der nun auch anderswo in der Welt Erfolge ermöglicht.

Das immer schnellere Internet dringt in immer entlegenere Winkel der Erde vor - per Kabel, aber auch per Mobilfunk, demnächst mit Ballonen, Drohnen oder Satelliten, die um die Erde kreisen und ein Sky-Fi schaffen, ein Internet am Himmel. Dazu kommt als weitere entscheidende Neuerung etwas, was die Kenner die Cloud nennen. Noch vor zwei, drei Jahren führten nur die Eingeweihten das Wort im Mund, heute sollte besser jeder Bescheid wissen, der im und mit dem Internet leben will.

Die Cloud, die Wolke, das heißt: Irgendwo da draußen stehen gewaltige Server, riesige Computer, zu denen man seine eigenen Daten schicken, von denen man Daten aber ebenso beziehen kann. Dieser Datenhaufen ist auch ein enormes Geschäft. Einige Großanbieter orchestrieren ihn mit ihren Netzwerken von Rechnern.

Einer der Stars unter diesen Anbietern ist die Firma Salesforce. Das Unternehmen residiert in einem Wolkenkratzer im Herzen des Finanzviertels von San Francisco. Aber das ist auch schon wieder fast Vergangenheit. Der Konzern baut gleich nebenan das höchste Haus der Stadt. Gegründet im Jahr 1999 vom ehemaligen Oracle-Manager Marc Benioff, macht Salesforce heute einen Jahresumsatz von vier Milliarden Dollar. Der deutsche Softwarekonzern SAP, der auch auf die Cloud setzt, steht bei 16 Milliarden Euro und ist damit nur scheinbar auf der sicheren Seite. Denn Salesforce ist eines der am schnellsten wachsenden Unternehmen weltweit.

Die revolutionäre Idee von SAP im Jahr 1972 waren Programme, die Lohnabrechnung und Buchhaltung per Großrechner ermöglichten. Statt die Daten mechanisch auf Lochkarten zu speichern, wie bei ihrem Ex-Arbeitgeber IBM, perfektionierten die vier SAP-Gründer die Eingabe am Bildschirm. Die revolutionäre Idee des Marc Benioff beinahe drei Jahrzehnte später war es, Unternehmensanwendungen über das Internet bereitzustellen.

Benioff, der bullige Turnschuhunternehmer mit Bart, befreundet mit Rock-Legende Neil Young, ist einer der Väter der Cloud und einer der Paten des Valley. Wenn in San Francisco die jährlichen IT-Oscars vergeben werden, die "Crunchies", sitzt Benioff natürlich in der ersten Reihe. In Washington hat er Präsident Obamas wichtigsten IT-Berater Vivek Kundra abgeworben hat, der den Titel des ersten CTO, eines Chief Technology Officers, der US-Regierung trug, also eine Art Digital-Minister war. Kundra sitzt heute im Salesforce-Tower und schwärmt von den Möglichkeiten der Cloud und von der visionären Kraft seines Bosses Benioff.

Die Cloud ist eine bequeme Sache, und auch eine praktische. Wer einmal sein iPhone kaputtgemacht und all die schönen Erinnerungen im Postfach und dem Foto-Ordner verloren hat, erinnert sich mit Schmerzen daran, dass ihm die Firma Apple beizeiten angeboten hatte, die Daten auf "iCloud" zu speichern: Dann wären sie nämlich jetzt noch da.

Der Kuchen ist verteilt - so war, so ist es zu lesen. Das ist, gelinde gesagt, ein ziemlicher Quatsch

Der Vorteil der neuen Technik auch in der Geschäftswelt ist unmittelbar einsichtig. Die Cloud sprengt alle Grenzen, bietet alle Möglichkeiten - vor allem für neue Unternehmen. Wenn man sich keinen teuren Server mehr kaufen muss, ihn nicht mehr ständig warten und sich nicht ständig neue Software kaufen muss, sondern all dies nun mieten kann: die besten Rechner, die neuesten Programme - dann erleichtert dies den Einstieg ins digitale Geschäft. Und man bleibt flexibel.

Drei Thesen

Das Silicon Valley: Die Fokussierung auf dieses Tal ist fast schon manisch

Die Cloud: Sie macht es Firmengründern so leicht wie noch nie

Die Mini-Valleys: Rund um den Globus reifen neue "hot spots" heran

Von all dem profitieren nicht bloß die großen Cloud-Firmen, sondern auch immer mehr Start-ups, die ihre Miet-Software über die Cloud anbieten, einfach abrufbar übers Internet. "Software as a Service" heißt dieses schnell wachsende Geschäft. Software zum gelegentlichen Ausleihen gegen Gebühr statt zum Kauf für immer. Die Unternehmen teilen sich Software, so wie sich Verbraucher Wohnungen oder das Auto teilen.

Es drängen auch immer mehr deutsche Unternehmen in dieses Geschäft, Taulia etwa, gegründet - wie SAP - von vier Deutschen. Das Unternehmen vermietet eine Software, die Firmen dabei hilft, ausstehende Beträge schneller einzutreiben und ihre Barreserven besser zu managen. Coca-Cola oder Pfizer zählen zu den Kunden. Bisher ist Taulia vor allem in San Francisco zu Hause. Dort seien sie vor fünf, sechs Jahren leichter an Geld gekommen, sagt Markus Ament, einer der Gründer. Nun aber gehen sie stärker aus dem Valley raus: Asien, Europa, Deutschland. Denn da sitzen viele mögliche Kunden, Industrie- und Handelskonzerne.

Die Cloud eröffnet also weltweit Chancen, im Großen und im Kleinen. Das sieht man auch, wenn man einen der Demo-Days im Silicon Valley besucht, etwa jenen des Inkubators "500 Start-ups" in Mountain View, wo Gründer um die Gunst der Investoren buhlen. Die Investoren sind allesamt Amerikaner, das große Geld für riskante Investments sitzt eben immer noch vor allem hier. Aber die Gründer, sie kommen immer seltener aus den USA, sondern aus Israel, Brasilien oder der Türkei. Sie kommen für ein paar Monate ins Valley, wollen lernen, Geld einsammeln - und gehen dann wieder heim.

Aber die Cloud hat auch ihre dunkle Seite, die man im sonnigen Kalifornien eher übersieht, die dafür den schwermütigen Deutschen umso bedrohlicher erscheint: Nach all den Enthüllungen über den Zugriff der Geheimdienste, vor allem des amerikanischen NSA, auf die Datenleitungen und Internet-Knoten kann man trefflich bezweifeln, dass die Daten auf fremden Rechnern sicher sind. Ob sie allerdings auf dem heimischen PC wirklich besser geschützt sind als in der Cloud, wenn man die heimischen Festungsmauern verlässt und auf Reisen durchs Netz geht, ist noch mal so eine Frage. Hundertprozentige Sicherheit gibt es jedenfalls nicht.

Wie immer man diesen Konflikt für sich persönlich entscheidet, es ist wie mit so vielen Neuerungen: Man kann argwöhnen und zetern und schimpfen - aber der Zug ist nicht aufzuhalten. Die Cloud verändert den Prozess von Innovation und schöpferischer Zerstörung. Sie schafft Möglichkeiten, die jenseits des Silicon Valley liegen. Nicht nur in Kalifornien.

© SZ vom 24.11.2015
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