Protektionismus Der wichtigste Wendepunkt kam vor zehn Jahren: die Finanzkrise

Erstaunlich daran ist, dass sich solche Sätze erst häufen, seitdem die protektionistische Gefahr mit Trump einen Hauptdarsteller gefunden hat. Tatsächlich aber wurde die Globalisierung viel früher ausgebremst - und zwar spätestens mit dem Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation im Jahr 2001. Die Volksrepublik erweckte seither immer wieder den Eindruck, sie stünde für den Freihandel, tatsächlich aber verfolgte die kommunistische Regierung einen eigenen Plan: Sie nutzte eine billige Währung, erschwerte Ausländern den Marktzutritt und sperrte selektiv Importe aus. Diese doppelbödige Strategie wurde vielen Politikern zum Vorbild.

Der wichtigste Wendepunkt kam vor zehn Jahren, als die Finanzkrise eine weltweite Rezession auslöste; ausgerechnet globalisierte Finanzmärkte versetzten der Globalisierung den schwersten Schlag. Damals waren es an sich unverdächtige Maßnahmen, mit denen Nationen versuchten, die Folgen der Krise abzumildern: die Abwrackprämie als Subvention für die heimische Autoindustrie; Sondersteuern auf Agrareinfuhren; Zölle auf Stahlerzeugnisse, mit teils dreistelligen Prozentzahlen. Nationale Industriepolitik ist seither wieder en vogue, die Zahl der weltweiten Handelsschranken stieg deutlich an, und gerade die EU, deren Vertreter sich als Vorkämpfer offener Weltmärkte präsentieren, hat sich als Zollmeister hervorgetan und nicht zuletzt mit ihren bilateralen Handelsabkommen zur Fragmentierung der Weltwirtschaft beigetragen.

Schotten Staaten sich ab, setzen sie den globalen Fortschritt aufs Spiel

Zwar entstand nach der Finanzkrise ein verzögerter Aufschwung der Weltkonjunktur, der aktuell noch zu beobachten ist. Der war aber nicht mehr so sehr von einem Anstieg des Exportvolumens genährt wie früher. Gleichzeitig blieb der protektionistische Gegenwind nicht auf den Handel beschränkt. Der Zollstreit ist vielmehr nur eine von mehreren Ausprägungen eines Zeitgeistes, der Abschottung befürwortet und sich vom Verlust an Vertrauen in politische Institutionen geprägt ist. Weitere Ausprägungen sind zu beobachten: Extreme Nationalisten gewinnen an Einfluss (Deutschland) oder sind an der Macht (Italien, USA), die Briten verlassen die EU, die internationale Zusammenarbeit - etwa beim Klimaschutz oder in der Nato - steht in Zweifel.

Die Anamnese des Rückzugs ins Nationale ist unvollständig, ohne den Blick auf weitere Ursachen zu schärfen. Phänomene wie Trump und Brexit lassen sich ohne die Verlierer der Globalisierung nicht erklären, so man sie denn so nennen will. Für die unteren Mittelschichten in den Industrieländern, so weiß man heute, hat sich dass Wohlstandsversprechen der globalen Vernetzung am wenigsten eingelöst. Während auf internationaler Ebene die Ungleichheit sank und Hunderte Millionen Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern der Armut entkamen, wuchs die Ungleichheit von Einkommen und Vermögen in den alten Industrieländern seit den Achtzigerjahren. Die Erzählung vom Welthandel zum Wohle aller klingt in den Ohren eines entlassenen Fabrikarbeiters wie Hohn, während die Reichsten der Erde am meisten profitiert haben und die Möglichkeiten der Globalisierung scham- und rücksichtlos auszunutzen wissen.

Und doch wird zu häufig übersehen, was das Prinzip des Welthandels auch für die vermeintlich Abgehängten möglich machte. Von den ersten, langsamen Rechnern in Büros und Arbeitszimmern bis zu Hochleistungscomputern in der Hosentasche dauerte es nur etwas mehr als 30 Jahre, jene Zeit der beschleunigten Globalisierung. Der Fortschritt der vergangenen Jahrzehnte, so zeigt allein dieses Beispiel als eines von Tausenden, wäre ohne die immer komplexeren Warenströme nicht möglich gewesen. Schotten sich Staaten ab, um nationalistische Sehnsüchte zu bedienen, setzen sie den globalen Fortschritt aufs Spiel. Die wirtschaftlichen Folgen des neuen Protektionismus werden erst mit der Zeit sichtbar werden, der Schaden entsteht langsam, von der Bilanz eines Motorradherstellers bis hin zu ganzen Weltregionen droht eine Abwärtsspirale.

Eine neue Große Depression, wie sie die Welt bereits einmal - nach dem Finanzcrash des Jahrs 1929 und dem daraufhin folgenden Protektionismus - erlebt hat, hätte Folgen, die weit über einen wirtschaftlichen Abschwung hinausgehen. Eine Welt, in der Kooperation nicht mehr das Leitprinzip ist, kann mit Krisen schlechter umgehen, auch mit kleineren. Mit der Welthandelsordnung steht mehr als nur der Wohlstand der Nationen (frei nach Adam Smith) auf dem Spiel, es geht um nicht weniger als die politischen Institutionen der freiheitlichen Demokratien, um den Grundkonsens der friedenssichernden wirtschaftlichen Zusammenarbeit.

Noch ist nicht ausgemacht, dass Trump und seine Mitstreiter die Welthandelsorganisation beerdigen werden, vielleicht geschieht noch ein Wunder und es gelingt tatsächlich eine Reform, die eine Handelsordnung für ein neues Jahrhundert des Fortschritts begründet. Aber nicht von ungefähr hat sich der Begriff Handelskrieg etabliert für das, was der Welt möglicherweise bevorsteht. Handelsschranken können Waffen sein, und wer diese einsetzt, wird sich auch anderer Methoden bedienen, sobald es ernst wird.

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