Salesforce:Unbescheidene Kalifornier

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Key Speakers At 2019 Dreamforce Conference

Halb Priester, halb Angebeteter: Salesforce-Gründer Marc Benioff, hier auf der Dreamforce, ist Marketing-Profi.

(Foto: David Paul Morris/Bloomberg)

Der Cloudanbieter feiert sich bei seiner Hausmesse Dreamforce vor Hunderttausenden Gästen. Und lässt sich von Protesten gegen die Zusammenarbeit mit den US-Grenzbehörde nicht stören.

Von Katharina Kutsche, San Francisco

Wenn die Eröffnung der Dreamforce einem Gottesdienst gleichkommt, ist Marc Benioff Priester und Angebeteter in einem. Der Gründer und Co-Chef des Cloud-Unternehmens Salesforce feiert an einem sonnigen Dienstagmorgen in San Francisco eineinhalb Stunden lang ab, welch reiche Gaben seine Mitarbeiter im vergangenen Geschäftsjahr den Kunden gebracht haben. Das ist insofern sein gutes Recht, als die Dreamforce die Hausmesse des Tech-Konzerns ist: 171 000 registrierte Besucher im ausgebuchten Moscone Center mitten in Downtown.

Benioff, 55, ein kräftiger Mann mit einer Vorne-nichts-hinten-lang-Frisur, ist ein Marketing-Profi durch und durch. Während er spricht, schreitet er durch die Reihen, damit jeder im Publikum eine gute Sicht auf ihn hat. Die Bühne teilt er immer wieder mit ausgewählten Kollegen und Kunden, die ihrerseits dem Unternehmen und seinen Produkten huldigen.

Die Protestierer kritisieren, dass die Firma mit der US-Grenzbehörde kooperierte

Gestört wird sein Auftritt allerdings schon nach wenigen Minuten: Ein junger Mann tritt vor die Bühne und verliest auf Englisch seine Kritik an Salesforce. Benioff ist offensichtlich vorbereitet und räumt dem Protestler mit großer Geste 30 Sekunden Redezeit ein, deren Countdown auf den Monitoren im Saal angezeigt wird. Leider verlieren sich die kritischen Worte in der Akustik der Messehalle Nord F - Benioffs Bemerkung, er glaube ja an Redefreiheit, wirkt daher absurd. Wer hier gehört wird, entscheidet der Chef eben doch selbst.

Der Protest richtet sich gegen die Zusammenarbeit des Cloudanbieters mit der US-Grenzbehörde, welche wegen ihrer unmenschlichen Behandlung von Migranten an der amerikanischen Grenze international heftig kritisiert wurde. Auch am Vortag hatte eine Handvoll Menschen mit Transparenten vor dem 61-stöckigen Tower des Unternehmens, dem höchsten Gebäude westlich von Chicago, demonstriert.

Rund 40 000 Mitarbeiter beschäftigt die Cloud-Firma weltweit, 5000 arbeiten im Salesforce Tower in San Francisco. Dort bietet sich Besuchern in der Ohana Lounge (Ohana ist hawaiianisch für Familie - Benioff ist großer Hawaii-Fan) ein atemberaubender Rundumblick auf Stadt und Bucht. 35 000 echte Pflanzen wachsen in dem gläsernen Büroturm, fürs bessere Raumklima. Samstags steht die Lounge auch Stadtbewohnern zur Besichtigung offen.

Die extravagante Gutelaune-Welt des Marc Benioff überdeckt, dass seine Dienstleistungen auf Fachfremde eher unspektakulär wirken. Salesforce verspricht, Kunden und Firmen zu vernetzen, was in der Fachsprache Customer Relationship Management (CRM) heißt. Diese Business-Software soll so einfach zu bedienen sein wie eine Bestellung bei Amazon. Firmenkunden geben ihre Kennzahlen und Daten in die Systeme ein, die als Software-as-a-Service ausschließlich in der Cloud verwaltet werden.

Im rationalen Deutschland lief das Unternehmen lange Zeit gegen die Wand

Über die Jahre wurde das Angebot erheblich erweitert. Bei der Hausmesse stellt das Team etwa einen neuen Sprachassistenten vor: "Einstein" ist die künstliche Intelligenz hinter der CRM-Cloud, nun soll der "Einstein Voice Assistant" natürliche Gespräche, zum Beispiel mit einer Versicherung, erfassen und selbständig Auskünfte erteilen oder Angebote machen. Außerdem verkündet die Tech-Firma strategische Partnerschaften mit Amazon Web Services und Apple.

"CRM ist kein interner Prozess, bei dem gewinnt, wer die besten Konversionsraten hat, sondern es geht darum, den Kunden in den Mittelpunkt zu stellen und ihm ein besseres Angebot zu machen", sagt Joachim Schreiner, der den deutschen Arm von Salesforce in München verantwortet. Hier wolle man in den kommenden fünf Jahren mehr als 60 000 neue Arbeitsplätze schaffen, eine Kampfansage an die Konkurrenz von SAP, Oracle oder Microsoft: Ziel sei es, die größte Software-Firma Deutschlands zu werden. "Der deutsche Markt ist noch nicht so kundenzentriert, wie er sein könnte. Aber der Markt an sich ist so groß, da müsste man Microsoft und SAP gar nicht treffen", sagt Schreiner.

Für das laufende Geschäftsjahr rechnet Salesforce mit einem Rekord-Umsatz von knapp 17 Milliarden Dollar und schreibt sich einen Marktanteil von 17 Prozent bei den CRM-Angeboten zu - weit vor den Konkurrenten.

Bescheidenheit gehört also nicht zu den Kernwerten der Kalifornier. Diese Art verfängt nicht bei jedem, in Deutschland hatte es das Unternehmen mehrere Jahre nicht leicht: "Die Europäer sind eher rational, daher hat es gedauert, bis Salesforce hier erfolgreich wurde", sagt Ilona Hansen, die beim Marktforschungsanbieter Gartner den Cloud-Markt im Blick hat. Hier kaufe man ein System, weil es funktioniert, in den USA gehe mehr über Emotionen. Trotzdem sei das Unternehmen aus San Francisco eindeutig ein Überflieger. "Der unmittelbare Kontakt zum Kunden war und ist ein großes Thema. Wünsche von dort hat das Unternehmen aufgenommen, durch Marktdaten und Prognosen angereichert - insgesamt hatte Salesforce da eine große Trefferquote", so die Analystin.

Kunden, die zur Messe Dreamforce gekommen sind, haben dafür mehrere Tausend Euro gezahlt. Dazu kommen happige Hotelpreise, denn die Hausmesse legt regelmäßig Teile der Innenstadt lahm. Benioff weiß, was er seinen Anhängern bieten muss. Auf dem Programm stehen etwa Kamingespräche mit Apple-Chef Tim Cook und Ex-Präsident Barack Obama; für das Dreamfest am Mittwochabend wurde das Baseball-Stadium der Giants angemietet - die britisch-amerikanische Rockband Fleetwood Mac tritt auf.

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