Süddeutsche Zeitung

Saab: Neuer Eigner:Zukunftsängste lassen Trollhättan schlottern

Saab ist an Spyker verkauft. Doch die Mitarbeiter im Stammwerk wissen immer noch nicht, wie es bei dem Autobauer weitergeht.

Für Trollhättan war die letzte Januarwoche wohl die ruhigste seit langem. Das verdankten die Einwohner der Saab-Stadt Victor Muller. Muller ist Chef des winzigen Sportwagenherstellers Spyker und hatte den Kaufvertrag für Saab unterschrieben.

Die Übernahme der schwedischen Automarke war besiegelt - und monatelange Spekulationen um Saabs Schicksal hatten ein Ende. Die gut 3000 Beschäftigten konnten aufatmen, eine Schließung ihres Betriebs müssen sie vorerst nicht mehr fürchten.

Stattdessen warten sie nun gespannt, wie der neue Eigentümer den Autobauer wieder flottmachen will. Der Staatssekretär des Wirtschaftsministeriums, Jöran Hägglund, muss nicht lange überlegen, um detailliert zu antworten: "Die nächsten zwei bis drei Jahre sehen erst einmal gut aus, da gibt es neue Modelle, die bald auf den Markt kommen", sagt er.

Saab sucht seine Nische

Richtig schwierig werde es erst danach. Als sehr kleiner Hersteller werde Saab Partner brauchen. Gleichzeitig müsse die Marke sich eine Nische im Premiumbereich erkämpfen und mindestens 100.000 bis 150.000 Autos im Jahr verkaufen. Gerettet sei Saab mit der Übernahme noch nicht, fasst Hägglund zusammen.

"Aber die Wahrscheinlichkeit für das Überleben ist größer geworden." Es ist bezeichnend für den Zustand des gesamten Wirtschaftszweiges, dass ausgerechnet ein Politiker der zurzeit beste Kenner der schwedischen Autoindustrie ist.

Hägglund koordiniert seit Ende 2008 als Spezialbeauftragter der Regierung alle Maßnahmen rund um die Fahrzeugbranche. Als Ford und General Motors den Verkauf ihrer schwedischen Töchter Saab und Volvo bekannt gaben, flog er nach Detroit. Er prüfte Kaufangebote und Geschäftspläne, verhandelte über Kreditgarantien für die Europäische Investitionsbank (EIB).

Volvo-Verhandlungen mit Chinesen laufen noch

Hägglund war dabei, als seine Chefin, Wirtschaftsministerin Maud Olofsson, erleichtert verkündete, der Verkauf von Saab sei abgeschlossen. Mission erfüllt? "Das kann man nicht sagen", seufzt der Staatssekretär. Und es ist derzeit nicht seine einzige. Hägglund vermittelt auch im Verkauf von Volvo Cars an den chinesischen Autohersteller Geely.

Eigentlich hätte auch dieses Geschäft schon abgeschlossen sein sollen. Aber nun werden sich die Verhandlungen noch hinziehen. Geld sei - anders als bei Saab - wohl nicht das Problem. "Hier geht es eher um weiche Fragen." Zum Beispiel darum, welche Technologien die Chinesen zusammen mit Volvo von Ford übernehmen dürfen.

Hägglund ist zuversichtlich. Die dortige Regierung unterstütze die Übernahme. Sein Optimismus ist wichtig: Volvo ist die größere der beiden schwedischen Automarken und produziert zehnmal mehr Fahrzeuge im Jahr als Saab.

Klein, aber mit zentraler Bedeutung

Dabei sah die Zukunft der schwedischen Automobilindustrie kürzlich noch düster aus. Die Finanzkrise hatte Schwedens traditionsreichen Industriezweig schwer getroffen. Als kurz hintereinander sowohl Volvo als auch Saab zum Verkauf standen und GM sogar mit der Stilllegung der Saab-Fabrik in Trollhättan drohte, da fürchtete manch einer, dem ganzen Wirtschaftszweig könnte es ergehen wie der Werftindustrie.

Die war in den 80er Jahren eingegangen, selbst üppige Staatshilfen hatten es nicht verhindern können. Diesmal machten Schwedens Politiker gleich zu Beginn der Autokrise klar, dass es so etwas nicht wieder geben werde: Auf Subventionen dürfe man nicht zählen. Saab bekam immerhin einen staatlich garantierten EIB-Kredit über 400 Millionen Euro, Volvo wurden aus gleicher Quelle bereits 200 Millionen Euro zugesichert.

Die Autohersteller sind nur ein kleiner, wenn auch zentraler Teil der gesamten Industrie. Saab und Volvo Cars sowie die beiden Lkw-Hersteller Scania und Volvo AB (ein vom Autobauer unabhängiger Konzern) ernähren eine Zulieferindustrie mit etwa 1000 Unternehmen. Im Jahr 2008 beschäftigten diese noch 72.000 Menschen, seit Beginn der Krise haben 23.000 von ihnen ein Kündigungsschreiben bekommen.

"Die Banken funktionieren einfach nicht"

"Mehr als 20 Firmen sind bankrott, acht befinden sich in der Umstrukturierung, drei ausländische Unternehmen haben ihre Niederlassungen geschlossen", fasst Sven-Åke Berglie zusammen, Vorsitzender im Verband der Zulieferindustrie. Die Auftragslage habe sich zwar leicht gebessert, die Konjunktur beginne anzuziehen.

Dennoch sei die Situation vieler Betriebe kritisch. "Die Banken funktionieren einfach nicht", klagt er. Selbst wer gute Sicherheiten biete, bekäme oft keinen Kredit. Ohne Geld, so Berglie, würden seine Mitglieder den Konjunkturaufschwung nicht packen. Er schlägt vor, der Staat solle die Durststrecke mit Darlehen überbrücken. Für kleinere Firmen mit bis zu 250 Mitarbeitern gibt es bereits öffentliche Kredite. Aber die größeren Betriebe sind auf private Finanzierung angewiesen und sitzen auf dem Trockenen.

Staatssekretär Hägglund pflichtet Berglie zumindest teilweise bei. "Die Banken müssen endlich einsehen, dass es hier großes Potenzial gibt", meint er und verspricht, die Regierung werde mit den Kreditinstituten reden. Öffentliches Geld verspricht der Staatssekretär dagegen nicht. "Wir sind ein kleines Land und können auf dem Weltmarkt nicht mit Staatshilfen gegen andere Länder konkurrieren", sagt er.

Staat knausert mit Subventionen

"Wir können uns nur mit gut ausgebildeten Arbeitskräften, Innovation und guter Zusammenarbeit zwischen Industrie und Forschung einen Konkurrenzvorteil verschaffen." Mit anderen Worten: Das Steuergeld ist für andere Dinge verplant.

Natürlich gibt es auch in Schweden Zweifel an dieser Politik. Hätte die Regierung nicht heimische Industrielle stärker unterstützen sollen? Vielleicht wären Saab und Volvo dann sogar wieder in schwedischer Hand? Das schwedische Fernsehen hat ein Interview mit dem russischen Bankier Vladimir Antonov gezeigt, der Spykers Saab-Übernahme mitfinanziert. Er behauptete, es gebe Pläne für eine russische Saab-Fabrik. Und Geely hat längst mitgeteilt, dass künftig auch in China Volvos gebaut werden sollen.

Das weckt Ängste, die Autohersteller könnten über kurz oder lang doch noch verschwinden. Hägglund nimmt es schulterzuckend zur Kenntnis. Ausländische Eigentümer könnten den schwedischen Fabriken auch neue Märkte öffnen, meint er. "Ich bestreite gar nicht, dass es Risiken gibt. Aber die Chancen überwiegen.

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SZ vom 02.03.2010/jcb/mel
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