Ein Einzelzimmer in zentraler Lage in Berlin für unter 80 Euro? Das gibt es noch, sofern gerade keine Messe ansteht und man keinen Wert auf Komfort oder Frühstück legt. Zum Beispiel im Easy Hotel am Rosenthaler Platz: Fliesenboden, Dusche neben dem Bett, Fenster zur stark befahrenen Straße. Aber die Matratze ist bequem und das Zimmer sauber, zumindest am Anreisetag. Wenn Gäste eine weitere Zimmerreinigung wollen, kostet das 15 Euro extra. Wer bereits ab 12 statt um 15 Uhr einchecken will, muss die gleiche Summe herausrücken. Und selbstverständlich können Gäste auch erst einmal nur ihr Gepäck abstellen – allerdings gegen einen Aufpreis von fünf Euro. Ehe man sich versieht, steht beim Check-out eine Summe auf der Rechnung, die den Übernachtungspreisen komfortablerer Konkurrenten wie Motel One gleicht.
Gäste, die sich bei diesem Prinzip an Billigairlines wie Ryanair oder eben Easy Jet erinnert fühlen, liegen vollkommen richtig. „Die No-frills-Strategie kommt ursprünglich aus dem Airline-Bereich“, erklärt Hotelexperte Christian Buer, Hochschulprofessor und Berater bei Horwath HTL, dem weltweit größten Beratungsunternehmen für die Hotelbranche. No frills ist der englische Begriff für „ohne Schnickschnack“ und bedeutet, dass der Grundpreis für eine Leistung niedrig ist, aber jedes noch so selbstverständlich erscheinende Extra – bei Flugreisen etwa die Mitnahme eines Koffers – zusätzlich abgerechnet wird. Easy Hotels wollte sich auf SZ-Anfrage nicht zu seiner Strategie äußern.
Ein niedriger Grundpreis als „Lockvogel“
Dass die Hotellerie das Prinzip der Billigflieger zunehmend übernimmt, hat laut Buer einen einfachen Grund: „Wir haben in der Branche einen zunehmenden Kostendruck.“ Die Zimmerpreise seien seit dem Jahr 2022 durchschnittlich nur um 18 Prozent gestiegen, die Kosten der Betreiber jedoch um 38 Prozent. Gleichzeitig fehle vielerorts die Nachfrage nach Hotelzimmern, weil die Zahl der Geschäftsreisen längst nicht mehr auf dem Niveau wie vor der Pandemie liege und die Löhne der meisten touristischen Reisen nicht so stark gestiegen seien wie die Inflation. Das mache es Hotelbetreibern schwierig, die Preise so zu erhöhen, wie es eigentlich wirtschaftlich notwendig wäre, sagt Buer. Es sei ein ständiger Balanceakt.
Ein niedriger Grundpreis könne laut Buer zudem ein „Lockvogel“ sein, um in Onlinesuchmaschinen weiter oben angezeigt zu werden, weil Nutzer ihre Treffer häufig nach aufsteigenden Preisen sortieren lassen. Für Reisende im Budget-Segment kann es sich daher lohnen, vor der Buchung eines Hotels genauer hinzuschauen, was eigentlich im Preis enthalten ist. Zusätzliche Gebühren lauern oft bei WLAN, Parkplätzen oder Spa-Nutzung. Manches Hotel berechnet sogar Poolhandtücher oder die Nutzung des Zimmersafes.
Diese genaue Aufsplittung der Kosten wirft eine größere Frage auf: Wie wirkt sich dieses Prinzip langfristig auf die Wahrnehmung von Gastfreundschaft aus? Ist der Preis für enttäuschte Kunden am Ende höher als die eingesparten Betriebskosten?
Laut Buer variiert die Akzeptanz der zusätzlichen Preisschilder zwischen den verschiedenen Leistungen. Auf die Zimmerreinigung zu verzichten, falle vielen Gästen leicht, sagt Buer. „Interessant ist, dass seit der Corona-Pandemie immer mehr Gäste von sich aus sagen: Bitte reinigen Sie mein Zimmer nicht“, so der Hotelexperte. Nicht alle Häuser verlangen von ihren Gästen Geld fürs tägliche Putzen. Viele Hotels fordern ihre Gäste lediglich dazu auf, auf die Reinigung zu verzichten, angeblich aus Nachhaltigkeitsgründen – ein Argument, das Gewerkschafter für vorgeschoben halten. Nach Ansicht der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) gehe es den Hotels vorwiegend darum, Personal einzusparen.

Reisen:Sollten Hotelgäste auf eine Zimmerreinigung verzichten?
Viele Hotels versuchen, ihre Gäste davon zu überzeugen, auf die tägliche Zimmerreinigung zu verzichten. Sie argumentieren mit Nachhaltigkeit. Ein Gewerkschafter empfiehlt, trotzdem auf das Putzen zu bestehen.
Heikler wird es beispielsweise bei Themen wie der Gepäckaufbewahrung oder eines früheren Check-ins, sofern das Zimmer schon früher fertig ist. Beides sind Serviceleistungen, die viele Gäste als selbstverständliche Kulanz wahrnehmen. Ob Gäste hier ohne Groll zahlen, hänge stark von der Kommunikation der Mitarbeiter ab, erklärt Buer. Wird ein Zimmer kurz vor der offiziellen Check-in-Zeit angefragt, sei es schwer, Gebühren zu rechtfertigen. Dann solle der Mitarbeiter an der Rezeption eher sagen, dass das Zimmer innerhalb der nächsten zehn Minuten fertig werde und er sofort Bescheid gibt, sobald der Gast es beziehen kann. Reist der Gast hingegen eine ganze Stunde früher an, erkläre man ihm am besten, dass ein früherer Check-in mit Aufwand für das Hotel verbunden sei und daher eine Gebühr berechnet werde. Ähnlich sei es mit der Gepäckaufbewahrung. Wenn in der Lobby Schließfächer stehen, sei es für den Gast einfacher zu verstehen, dass er dafür Geld bezahlen müsse, als wenn der Hotelmitarbeiter den Koffer einfach in einen Nebenraum schiebe oder an der Rezeption lagere. „Der Gast muss erkennen, dass er für sein Geld einen Mehrwert bekommt“, so Buer.
Ein Blick auf die Onlinerezensionen des Easy-Hotels in Berlin zeigt, dass die meisten Gäste angesichts des niedrigen Übernachtungspreises nicht viel erwarten. Viele loben das freundliche Personal, während einzelne Gäste Zusatzgebühren für die Zimmerreinigung oder die Gepäckaufbewahrung kritisch anmerken. Ein Gast formuliert es besonders prägnant: Angesichts des niedrigen Gesamtpreises würde er es „nochmal ertragen.“
