Fluggesellschaften Für 9,78 Euro nach Fuerteventura und zurück

Das wichtigste Instrument gegen ungehemmten Kapitalismus: freie Gewerkschaften und Arbeitnehmer, die ihre Rechte in die Hand nehmen, wie hier in Frankfurt am Main.

(Foto: Silas Stein/dpa)

Ryanair ist ein besonders drastisches Beispiel für den Turbokapitalismus. Zum Glück gibt es noch freie Gewerkschaften. Durch sie könnte die Fluggesellschaft tatsächlich seriös werden.

Kommentar von Detlef Esslinger

Kein Mensch hat nur schlechte Seiten, und über Ryanair-Chef Michael O'Leary lässt sich zumindest sagen: Man weiß bei ihm, woran man ist. Es wäre untertrieben, das Visier, mit dem er kämpft, als offen zu bezeichnen. Einem Mitarbeiter, der bei Twitter mit Kunden diskutierte, sagte er: "Geh' zurück an die Arbeit, du Faulpelz, sonst wirst du entlassen." Seine Flugbegleiterinnen erfuhren: "Wenn Sie ein schlechter Verkäufer sind, sind Sie weg." Eine Pose, in denen er sich fotografieren ließ: das Modell einer Ryanair-Maschine, das er zwischen den Beinen nach oben hält. Michael O'Leary hat seine Firma immer nach einer Devise geführt, die umgangssprachlich "Wer hat den längsten?" heißt; "das Recht des Stärkeren" wäre der gewähltere Ausdruck.

Damit ist hoffentlich bald Schluss. Im November hat sich Ryanair mit Verdi auf einen Tarifvertrag für seine Flugbegleiter in Deutschland geeinigt. Am Dienstag folgte die Übereinkunft mit der Vereinigung Cockpit (VC) für die Piloten hierzulande. Künftig kann das fliegende Personal der Firma mit verlässlichen Grundgehältern rechnen; der Anteil variabler, also oft willkürlicher Einkommensteile sinkt. Die Arbeitsverträge unterliegen nun deutschem statt irischem Recht - und Piloten und Flugbegleiter werden endlich einen Betriebsrat bekommen. Bei Ryanair besteht nun die Chance auf seriöse Zeiten. Um jetzt doch wieder etwas Schlechtes über O'Leary, den Chef, zu sagen: Nichts davon ist ihm zu verdanken.

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Die Firma ist ein besonders drastisches Beispiel, wohin ein ungehemmter Kapitalismus führt - und wie allein er sich vielleicht einhegen lässt. Eine wirklich verhängnisvolle Annahme im Kapitalismus ist ja, niedrige Preise seien ein Wert an sich: Für 9,78 Euro von Düsseldorf nach Fuerteventura, hin und zurück. Ein Schal, bei Primark, für vier Euro. Jakobsmuscheln, bei Lidl, 5,49 Euro. Nichts davon ist zu solchen Preisen herstellbar. Entweder die Natur oder die Arbeitnehmer, die sie herstellen, zahlen drauf; in der Regel sogar beide. Solche Preise sind nur deshalb gang und gäbe, weil nach inzwischen verbreiteter Auffassung jeder ein Grundrecht auf Jakobsmuscheln und Fuerteventura hat - und weil viele Menschen in ihrer Eigenschaft als Arbeitnehmer zwar wie Sozialisten empfinden, als Kunden jedoch die schlimmsten Neoliberalen sind. Auch Beschäftigte von Ryanair kaufen sicher gerne beim Discounter ein.

Freie Gewerkschaften sind das Beste, was Arbeitnehmer haben

Zu beheben ist das allenfalls über die Erscheinungsform Arbeitnehmer. Dazu braucht es einen Arbeitgeber, der es zu lange zu weit getrieben hat. Der Punkt muss kommen, an dem der Zorn der Arbeitnehmer größer ist als deren Angst, bei Widerspruch gefeuert zu werden. Zudem dürfen sie nicht umstandslos zu ersetzen sein. Einer wie O'Leary gibt von sich aus niemals etwas. Die Sprache, die er versteht, besteht aus zwei Wörtern: Kosten und Nutzen. In einem autoritären Land, in China oder in Russland, wäre jeder Beschäftigte seiner Willkür ausgeliefert. In einer Demokratie kann das zwar lange Zeit ebenfalls so sein. Aber nur in der Demokratie haben die Beschäftigten überhaupt die Chance, ihr Schicksal zu ändern. Denn sie stellt ihnen die Instrumente dafür zur Verfügung. Die müssen sie dann jedoch auch bitte in die Hand nehmen.

Das wichtigste Instrument: freie Gewerkschaften, wie Verdi und VC. Ohne den Zusammenschluss, ohne die fachliche Kompetenz und strategische Professionalität von Gewerkschaften bleibt jeder Zorn harmlos. Bei Ryanair hat dies ein hinreichender Teil des Personals begriffen. Hinreichend heißt: Es müssen so viele Mitarbeiter organisiert sein, dass ihre Streiks dem Arbeitgeber richtig weh tun. Nur mit Arbeitnehmern, die bereit waren, ihre Arbeit niederzulegen sowie in die Öffentlichkeit zu gehen und auch Politikern die Zustände zu schildern, konnten die beiden Gewerkschaften die Tarifverträge erwirken - plus eine Änderung des Betriebsverfassungsgesetzes. So schnell hat selten ein Minister eine Neuregelung durchgesetzt, wie es Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hier gelungen ist. Künftig hängt es nicht mehr vom Okay einer Fluggesellschaft ab, ob Piloten und Flugbegleiter einen Betriebsrat haben. Der Bundestag hat diese Regelung, die es für fast keine andere Branche gibt, abgeschafft.

Die Folge wird sein, dass Michael O'Leary künftig mehr fürs Personal ausgeben muss. Aber er wird kreativ genug sein, um seine 9,78-Euro-Flüge aufrecht zu erhalten. Sie sind sein Geschäftsmodell. Die Umgangsformen, die er hat, mögen viele Leute verachten. Die Wirkung aufs Klima mag ihnen vielleicht Unbehagen bereiten. Aber seine Preise sind einfach zu herrlich, um ignoriert zu werden.

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