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RWE:Zwei Milliarden Euro über Nacht

Noch betreibt RWE Kohletagebau und Atomkraftwerke. Doch der Konzern verdient sein Geld zum Großteil mit Ökostrom, Tendenz steigend.

(Foto: Ina Fassbender/AFP)

Der Konzern gibt neue Aktien aus, damit die Ökostromsparte schneller wachsen kann.

Von Benedikt Müller-Arnold, Düsseldorf

Wenn börsennotierte Konzerne Geld brauchen, kann es zuweilen sehr schnell gehen. Das zeigt das Beispiel RWE: Deutschlands größter Stromerzeuger gab am Dienstag kurz vor 18 Uhr bekannt, dass er neue Aktien ausgeben will. Schon kurz nach 22 Uhr konnte RWE Vollzug melden und den Preis bestimmen. So hat der Konzern bald etwa zwei Milliarden Euro mehr Eigenkapital. "Mit der Kapitalerhöhung können wir unser Wachstum bei den Erneuerbaren Energien noch intensiver und entschlossener vorantreiben", sagt Vorstandschef Rolf Martin Schmitz.

Zwar betreibt RWE noch immer Atom-, Kohle- und Gasmeiler mit einer Kapazität von gut 30 Gigawatt; Wind- und Solarparks, Wasser- und Biomassekraftwerke sind bislang in der Unterzahl. Allerdings müssen die letzten Kernkraftwerke in Deutschland bis 2022 vom Netz, auch die hiesigen Kohlekraftwerke sollen wegen ihres hohen CO₂-Ausstoßes bis spätestens 2038 folgen. Im Gegenzug hat RWE Ökostromkraftwerke übernommen. Deren Kapazität soll bis Ende 2022 auf mindestens 13 Gigawatt steigen, hatte das Unternehmen angekündigt. Dank der Kapitalerhöhung will RWE dieses Ziel nun übertreffen können. Erst Ende Juli hatten die Essener bekanntgegeben, dass sie mehrere Wind- und Solarprojekte des kriselnden Turbinenbauers Nordex übernehmen wollen.

Die Hinwendung zu Erneuerbaren Energien ist nicht nur ökologisch geboten, sondern auch wirtschaftlich vorteilhaft. So haben Ökostromkraftwerke in der ersten Hälfte dieses Jahres schon 65 Prozent der Betriebsgewinne von RWE beigesteuert, obwohl sie von den Kapazitäten her in der Minderheit sind. Freilich wollen nun auch andere Konzerne im Geschäft mit Erneuerbaren Energien wachsen. Beispielsweise hat der britische Ölriese BP kürzlich angekündigt, dass er seine Ökostromkapazität in den nächsten Jahren vervielfachen will. In der Folge dürften die Kaufpreise für Erneuerbaren-Projekte steigen.

Kapitalerhöhungen sind für bisherige Aktionäre eine zweischneidige Sache: Einerseits müssen diese sich die Gewinne von RWE künftig mit mehr Anteilseignern teilen; das Grundkapital des Konzerns steigt um zehn Prozent. RWE will auch den neuen Aktionären Dividenden zahlen. Andererseits sollten sich die Investitionen in Ökostromkraftwerke nach dem Jahr 2022 auszahlen, erwartet man beim Analysehaus Jefferies. RWE müsse die Erneuerbaren-Kapazität nun wirklich jährlich ausbauen, damit sich die Kapitalerhöhung lohne, so die Analysten von Goldman Sachs.

An der Börse war die RWE-Aktie am Mittwoch zeitweise fünf Prozent weniger wert als vor Ankündigung der Kapitalerhöhung. Nichtsdestotrotz notiert der Kurs noch um gut 20 Prozent höher als zu Jahresbeginn.

© SZ vom 20.08.2020
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