Süddeutsche Zeitung

RWE-Chef: Jürgen Großmann:Verkürzte Restlaufzeit

Die neue Atomstrategie der Bundesregierung bringt den mächtigen RWE-Boss Jürgen Großmann in die Bedrängnis: Im Konzern wächst die Kritik, Aktionäre rebellieren - und mögliche Nachfolger positionieren sich schon. Hält Großmann durch?

RWE-Chef Jürgen Großmann mag Wortspiele. Sein Slogan "voRWEg gehen" gefiel ihm so gut, dass er ihn gleich zur Botschaft der gesamten Konzern-Werbekampagne machte. Doch seit der 59-Jährige nach der Katastrophe von Fukushima gegen den von der Regierung beschleunigten Atomausstieg poltert, kommen nicht nur der Konkurrenz Zweifel, wie ernst es der Manager mit der Energiewende meint. Frank Asbeck, Chef des größten deutschen Solarunternehmens Solarworld, holte schon mal zum verbalen Gegenschlag aus: "Weggehen", fordert er seit vergangener Woche per Gegenplakat frech in weiten Teilen des Landes.

Dass Großmann nach der Atomkatastrophe in Japan stur am Pro-AtomKurs festhält, stößt nicht mehr nur bei Umweltschützern und Ökostromproduzenten auf Widerstand. Hinter vorgehaltener Hand klagen selbst eigene Spitzenmanager über mangelnde Wandlungsfähigkeit des zweitgrößten deutschen Energiekonzerns. Und wenn an diesem Mittwoch Aktionäre zur Hauptversammlung des Konzerns in die Essener Grugahalle kommen, werden noch bohrendere Fragen auf den Vorstandschef zukommen. Denn auch Investoren vermissen eine RWE-Strategie für die Zeit nach der Atomkraft.

Der Wind hat sich für Großmann binnen weniger Monate gedreht. Noch im Herbst galt er als einer der einflussreichsten Manager des Landes. Fast im Alleingang trieb er die Bundesregierung in der Debatte um die Laufzeitverlängerung mit öffentlichen Appellen vor sich her. Jetzt gerät der Konzernlenker aus den eigenen Reihen unter Beschuss. In der Branche droht die Isolation, seit sich der Verband der deutschen Energiewirtschaft für einen beschleunigten Ausstieg aussprach. Und die Konkurrenten - Eon-Chef Johannes Teyssen und EnBW-Chef Hans-Peter Villis - schalten in der Auseinandersetzung mit der Politik auf Entspannung. Allein Großmann fährt noch schweres Geschütz auf und will gegen das Atommoratorium klagen. Zu viel für einige Investoren.

Gleich aus zwei Lagern gerät Großmann unter Druck. So gehen die kommunalen Investoren - Städte des Ruhrgebiets, die insgesamt 25 Prozent am Konzern halten - auf Konfrontationskurs. Ihr Einfluss gilt als groß. Zusammen mit den Gewerkschaften könnten sie im Kontrollgremium jede wichtige Entscheidung blockieren, heißt es bei RWE. Unverhohlen sagen vor allem SPD-dominierte Städte Großmann den Kampf an. So sprechen sich Stadtverordnete in Dortmund, Mühlheim und Essen offen für einen Wechsel an der Unternehmensspitze aus. So etwas hat es im auf Konsens gepolten Energiekonzern noch nicht gegeben.

Der SPD-Bundestagsabgeordnete und stellvertretende Fraktionschef Ulrich Kelber kennt die Stimmung der Parteigenossen. "Mit seinem Festhalten an der Atomkraft führt Jürgen Großmann RWE in die Sackgasse", sagt Kelber der Süddeutschen Zeitung. Großmann gefährde die Zukunft des Unternehmens und damit auch Arbeitsplätze bei RWE. Denn RWE hinke in Zukunftsfeldern wie Energieeffizienz und intelligenten Netzen hinterher. "Großmann glaubt, einen so starken Lobbyarm zu haben, dass er die Politik im Griff hat. Das ist ein Irrtum. Für die SPD gilt das schon länger. Jetzt sind auch Union und FDP sind nicht mehr auf seiner Seite", sagt Kelber.

Vor einem Scherbenhaufen

Und nun wollen auch noch milliardenschwere Fonds auf der Hauptversammlung meutern. Ihnen stößt die Macht der Kommunen auf. Sie wollen verhindern, dass der Konzern in politische Manöver gezogen wird. Investoren wie die britische Fondsgesellschaft Legal & General wollen bei der Neubesetzung des Aufsichtsrats nicht länger dulden, dass den kommunalen Aktionären automatisch vier der zehn Sitze auf der Eigentümerbank zugestanden werden. Sie wollen den Einfluss und die Anzahl der Sitze rasch beschneiden.

Aktionäre gegen Aktionäre, Investoren gegen Manager und Manager gegen Politik und Aktionäre: Es wird turbulent beim Aktionärstreffen an diesem Mittwoch. Dabei ist die Unruhe ohnehin groß genug. 2011 wird zum Schicksalsjahr für RWE und seinen Chef. Noch immer hängt der Konzern stark vom schwierigen deutschen Geschäft ab. RWE muss sich auf eine neue, teurere Energiewelt einstellen. Strengere Klimaschutzziele, weiter steigende Rohstoffpreise, und das bei hart umkämpften Strompreisen.

Und nun legte die Bundesregierung mit dem Atommoratorium handstreichartig auch noch fast die Hälfte der CO2-freien Stromproduktion von RWE still. Für Großmann ist das Moratorium nicht nur eine persönliche Niederlage. Es hat handfeste wirtschaftliche Folgen. Der Konzern, der 60 Prozent seines Stroms aus klimaschädlichen Kohlenmeilern bezieht, muss künftig mehr für Zertifikate zahlen. Die Gewinne purzeln. Die Börse straft den Konzern mit Kursabschlägen ab. Seitdem Großmann im Amt ist, hat sich der Marktwert des Konzerns halbiert.

Eineinhalb Jahre vor dem Ende seiner Amtszeit steht der Konzernchef vor einem Scherbenhaufen. Ob er wirklich bis zum Ende seines Vertrages im September 2012 bleibe, sei nicht ausgemacht, heißt es aus dem Unternehmen. Im Konzern mit mehr als 70.000 Beschäftigten habe der Kampf um die Nachfolge begonnen. Viele erwarten ein internes Duell zwischen Rolf Martin Schmitz, 53, Vorstand Operative Steuerung, und dem Chefstrategen Leonhard Birnbaum, 43.

Schmitz, der die Stadtwerke als Miteigentümer im Rücken hat, räumen Manager die größten Chancen ein. Es könnte schnell gehen, heißt es. Noch in diesem Jahr werde wohl ein Nachfolger offiziell benannt. Das Unternehmen äußert sich nicht zu den Personaldebatten. Wie eng es werden würde, schwante Großmann offenbar schon vor Fukushima. Im Februar warnte er mit der Vorlage einer neuen Rekordbilanz: "Wenn man auf einem Gipfel steht, geht es in jeder Richtung bergab."

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SZ vom 20.04.2011/bbr
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