Sanktionen:Kreditkartenfirmen klemmen Russland ab

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Sanktionen: Eine Frau verlässt eine Wechselstube in Moskau.

Eine Frau verlässt eine Wechselstube in Moskau.

(Foto: Yuri Kochetkov/EPA)

Visa und Mastercard stellen den Betrieb in dem Land ein. Vor Geldautomaten bilden sich lange Schlangen, die Zentralbank versucht zu beruhigen.

Von Harald Freiberger

Die Isolation Russlands durch den Westen wegen des Angriffskrieges gegen die Ukraine erreicht eine neue Dimension: Am Wochenende kündigten die US-Kreditkartenunternehmen Visa und Mastercard an, sich aus dem Land zurückzuziehen. Auch der Finanzdienstleister Paypal, der sich auf Zahlungen über das Internet spezialisiert hat, stellte sein Geschäft in Russland ein. Damit sind weder Überweisungen möglich noch Bezahlungen für Waren und Dienstleistungen. Die Ankündigungen der Bezahlfirmen verunsicherten die Bevölkerung derart, dass sich vor Geldautomaten Schlangen bildeten. Russlands Zentralbank sah sich genötigt, zur Ruhe aufzurufen; die meisten Zahlungen seien weiter möglich.

Die Sanktionen des Westens hatten Russlands Finanzsystem schon vorher an den Rand der Funktionsfähigkeit gebracht. Geschäfte mit den meisten russischen Banken sind nicht mehr möglich, was den Warenaustausch extrem erschwert. Der Absturz der russischen Währung, des Rubel, ist ein Sinnbild für den Vertrauensverlust, den das Land im Verhältnis zum Rest der Welt erlitten hat.

Auch bei der Bevölkerung schwindet das Vertrauen ins eigene Bankensystem. Schon seit Tagen können die Russen an Geldautomaten von Banken, gegen die der Westen Sanktionen verhängt hat, mit ausländischen Kreditkarten kein Geld mehr abheben. Deshalb bildeten sich lange Warteschlangen vor Geldautomaten, die noch funktionierten. Auch an Bankschaltern warteten viele Menschen, um sich mit Bargeld einzudecken oder gleich ihre Konten aufzulösen.

Das war wohlgemerkt schon die Situation, bevor Visa und Mastercard ihren Rückzug aus Russland ankündigten. Der Schritt dürfte die Verunsicherung nun noch verschärfen. Konkret bedeutet er für russische Kunden der beiden größten Kreditkartenanbieter der Welt, dass sie mit Visa und Mastercard, die von russischen Banken ausgestellt wurden, nur noch im Inland bezahlen können, nicht mehr aber im Ausland. Kreditkarten, die von ausländischen Banken ausgestellt wurden, funktionieren auch nicht mehr in Russland.

Mastercard zahlt die Löhne weiter

Den Schritt verkündeten Visa und Mastercard in der Nacht zum Sonntag. Visa-Chef Al Kelly sagte, man bedauere die Auswirkungen, die die Maßnahme auf Mitarbeiter sowie Kunden, Partner, Händler und Karteninhaber in Russland haben werde. "Dieser Krieg und die anhaltende Bedrohung des Friedens und der Stabilität erfordern, dass wir darauf im Einklang mit unseren Werten antworten", sagte er. Man werde mit Kunden und Partnern in Russland zusammenarbeiten, "um alle Visa-Transaktionen in den kommenden Tagen einzustellen". Mastercard kündigte identische Schritte an. Man habe sich die Entscheidung nicht leicht gemacht, Mastercard sei seit mehr als 25 Jahren in Russland tätig. Den fast 200 Mitarbeitern werde der Lohn weitergezahlt. Wenn es "angemessen und rechtlich zulässig" sei, wolle man den Betrieb wieder aufnehmen. Drei Viertel aller Kreditkartenzahlungen in Russland entfielen im Jahr 2020 nach Medienberichten auf Visa und Mastercard.

Russlands Zentralbank versuchte die Bevölkerung in einer Mitteilung am Samstag zu beruhigen: Alle von russischen Banken ausgestellten Visa- und Mastercard-Karten funktionierten in Russland weiter. Ihre Verwendung werde im nationalen Zahlungskartensystem verarbeitet, die Sanktionen beträfen diese nicht. Grenzüberschreitende Transaktionen seien nicht möglich, etwa Einkäufe in ausländischen Online-Shops oder die Verwendung der Karten im Ausland.

Auch Russlands größte Bank, die noch nicht mit Sanktionen belegte Sberbank, sicherte am Sonntagmorgen zu, dass russische Kunden von Visa und Mastercard innerhalb des Landes auch nach der Abschaltung mit ihren Karten in Geschäften, im Onlinehandel oder bei Überweisungen bezahlen und Geld abheben können. Die Bankgeschäfte könnten unabhängig von den internationalen Systemen erledigt werden, hieß es. Wer aber im Ausland lebe, solle jetzt noch rasch Geld mit den Karten abheben oder größere Ausgaben bezahlen, bevor die Systeme nicht mehr funktionierten, teilte die Bank mit.

Obwohl sich der Aufruf nur an im Ausland lebende Menschen mit russischen Visa- und Mastercard-Karten richtete, bildeten sich am Sonntagvormittag in Moskau lange Schlangen an Geldautomaten. Die mit dem Logo Mir versehenen Geldkarten sollen nach Angaben der Sberbank auch noch weiter in der Türkei, in Zypern und in einigen anderen Ländern funktionieren, hieß es. Mir ist ein Zahlungssystem der russischen Zentralbank.

Seit Ausbruch des Krieges teilte Russlands Zentralbank immer wieder mit, die Lage sei unter Kontrolle, Automaten würden weiter mit Geld aufgefüllt, die Einlagen auf den Konten seien gesichert. Der Rubel hat gegenüber anderen Währungen in den vergangenen Tagen um bis zu 40 Prozent verloren. Die Finanzmärkte haben das Urteil über Russlands Wirtschaft schon gesprochen, das Rating der Staatsanleihen ist auf CCC- heruntergestuft worden, die zweitschlechteste Stufe, in der Finanzwelt spricht man von "Junk" - also Müll. Auch die Bevölkerung scheint den Versprechungen der Zentralbank nicht zu trauen. Es wird erwartet, dass sich auch am Montag, wenn die Banken öffnen, wieder Schlangen vor den Schaltern bilden.

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