Nachträglich muss man die Tests, die der Kreml im vergangenen Juni und Juli durchführen ließ, wohl als Kriegsvorbereitungen auffassen. Die russischen Behörden trennten das russische Internet vorübergehend vom Rest der Welt ab, so jedenfalls berichteten es nationale Medien. Russland müsse für "alles" bereit sein, sagte ein Kreml-Sprecher. Die Tests seien erfolgreich gewesen.
Schon damals stellten sich Beobachter Fragen, die nun eine ganz andere Brisanz haben: Wann genau fanden diese Tests statt? Was wurde da getestet und wie lang? Blufft der Kreml? Ist Russlands Tech-Sektor wirklich bereit, einen Wirtschaftskrieg zu überleben, ohne in die digitale Steinzeit zurückzufallen?
Viele russische Verbindungen laufen weiterhin über westliche Server
Alena Epifanova, die bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik zur russischen Cyberpolitik forscht, zweifelt daran, dass Russland aktuell in der Läge wäre, einen Eisernen Software-Vorhang hochzuziehen - analog zur chinesischen "Great Firewall", jenseits derer die kommunistische Partei der Volksrepublik ein weitgehend autarkes, zentral kontrolliertes Parallelinternet betreibt. Spätestens seit dem 2019 beschlossenen "Gesetz für ein souveränes Internet" verfolgt der Kreml diesen Plan mit Nachdruck. Die vergangenen Wochen aber hätten gezeigt, sagt Epifanova, dass wichtige Webdienste, etwa von Behörden oder Banken, nicht komplett auf eine russische Netzinfrastruktur umgezogen worden seien, um sie vor Cyberattacken zu schützen. Einfach deshalb, weil diese Infrastruktur noch gar nicht funktioniere. Viele Verbindungen liefen weiterhin über westliche Server.
In China ließ die kommunistische Führung das Internet von vornherein zentralistisch aufsetzen, das russische Netz hingegen hat sich im freien Datenaustausch mit dem Westen zu einem heute nur schwer zu entwirrenden Geflecht entwickelt. Der Kreml versucht dennoch per Dekret, möglichst viel einheimische Technologie auf russischen Geräten durchzusetzen. Seit vergangenem April müssen beispielsweise alle neuen Smartphones russische Apps vorinstalliert haben: den Virenscanner von Kaspersky, die Suchmaschine von Yandex, den russischen Office-Klon MyOffice, als soziales Netzwerk das vom Kreml kontrollierte VK. Bislang haben die Russen viele einheimische Dienste dennoch kaum genutzt.
Der Rückzug westlicher Tech-Unternehmen könnte den Behörden nun durchaus gelegen kommen. Endlich fallen die technisch überlegenen Dienste aus dem Silicon Valley weg, die sich der russische Staat bislang nicht zu verbieten traute. Twitter, Facebook und vor allem Instagram etwa, wo fast 80 Millionen Russen angemeldet sein sollen, sind inzwischen blockiert. Fotos und Videos laden Berichten zufolge so langsam, dass die Dienste de facto nicht mehr zu benutzen sind.
Ausgerechnet Telegram lassen die Zensoren gewähren
Daran kann man die Fortschritte ablesen, die Russland bei der Netz-Kontrolle gemacht hat. Noch von 2018 bis 2020 legte die Medienaufsichtsbehörde Roskomnadzor beim Versuch, den Messenger Telegram zu sperren, aus Versehen das halbe Internet lahm. Inzwischen mussten alle russischen Internetanbieter spezielle Filter für unerwünschte Inhalte installieren, was offenbar recht gut funktioniert.
Warum aber ist dann eigentlich Telegram noch online? Dessen Gründer Pavel Durow bestreitet, mit den russischen Behörden zu kooperieren. Telegram ist derzeit der wohl wichtigste russische Kanal für unabhängige Informationen. Dass die Zensoren ihn nun aber gewähren lassen, werfe Fragen auf, sagte Natalia Malischewa, eine russische Aktivistin für Medienfreiheit, kürzlich dem Onlineportal Übermedien. "Wir sind nicht hundertprozentig davon überzeugt, dass Telegram ausreichend geschützt ist und mit keinen russischen Behörden zusammenarbeitet."
Gegen die These spricht, dass das vom Kreml kontrollierte Social-Media-Unternehmen VK daran arbeiten soll, den in den frühen Nullerjahren beliebten Messenger ICQ wiederzubeleben, als linientreue Alternative. Daran könne man sehen, wohin es mit dem russischen Internet gehe, sagt Epifanova: "Es ist der Weg in die Vergangenheit."
Besonders interessant wird sein, wie es mit Google weitergeht. Dessen Dienst Youtube ist weiterhin unzensiert verfügbar - die Medienaufsicht kann dort nicht direkt eingreifen, der russische Klon Rutube konnte sich bislang nicht durchsetzen. Laut einem Bloomberg -Bericht vom Dienstag hat Youtube einen Kanal des russischen Verteidigungsministeriums gesperrt. Nun bringe Google stillschweigend seine Angestellten außer Landes. Ein möglicher Hinweis darauf, dass eine Sperre bevorstehen könnte.
Es gibt kein chinesisches Windows oder Android
Mit Google zu brechen, hätte für Russland wohl weitreichende Konsequenzen, sagt Epifanova. Nicht wegen Youtube, sondern weil Google, ebenso wie im Westen, in Russland ein tragender Pfeiler des Internets ist. Der Konzern betreibt unter anderem Cloud-Dienste, über die zahlreiche russische Webangebote laufen, sein Betriebssystem Android ist auf knapp drei Vierteln der dortigen Handys installiert. Wenn nach einem Rückzug die Lizenzen ausliefen, könnten schlimmstenfalls viele Geräte nicht mehr funktionieren - und wohl die Softwarepiraterie neue Blüten treiben. Russland verfügt über kein ebenbürtiges Betriebssystem, auch Apple hat sich bereits zurückgezogen, ebenso Microsoft.
China wird Russland wohl ebenfalls nicht helfen können, es gibt kein chinesisches Windows oder Android. Zudem ist auch die dortige IT-Branche von westlicher Halbleitertechnologie abhängig. Allenfalls chinesische Social-Media-Apps, Messenger und Cloud-Dienste könne Russland nutzen, sagt Epifanova. "Aber dann ist es mit der digitalen Souveränität für Russland natürlich vorbei."
