Mit Oliver Dörre ist es bisschen so wie mit dem Unternehmen, bei dem er der Chef ist. Er bleibt meist eher im Hintergrund, und auch sein auf elektronische Kampfführung spezialisiertes Rüstungsunternehmen Hensoldt steht meist eher nicht in der ersten Reihe. Das mag auch daran liegen, dass man die Produkte von Hensoldt nicht immer auf den ersten Blick sieht. Viel Elektronik, Sensoren, Radargeräte für die Luftraumüberwachung, optische Systeme zur Zielerkennung – es sind, wenn man so will, diskrete Rüstungsgüter aus dem tiefen Hightech-Hintergrund.
Bei einigen anderen Unternehmen liegen die Waffen ja quasi in der Vitrine. Die Sturmgewehre von Heckler & Koch zum Beispiel. Oder bei Rheinmetall, dem Dax-Konzern aus Düsseldorf, wo sie nicht nur die sehr gut sichtbaren Flugabwehrsysteme und Panzer gerade ziemlich gut verkaufen, sondern auch den Chef Armin Papperger. Junge Tech- und Drohnen-Start-ups wie Helsing oder Stark sind in diesen Monaten sehr viel mit PR beschäftigt, und inzwischen weiß vermutlich so gut wie jeder, wie so eine Kampfdrohne aussieht. Diese Firmen sind übrigens nicht deshalb so omnipräsent, weil sie schon so groß im Geschäft wären. Sondern, weil sie erst noch groß ins Geschäft kommen wollen. Und dafür brauchen sie die Milliarden-Finanzierungen ihrer internationalen Investoren, deswegen das ganze Marketing.

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Die Ukraine benötigt Kampfdrohnen, das aufstrebende deutsche Rüstungsunternehmen Helsing liefert. Oder? Ein Medienbericht stellt das infrage.
Über Geldgeber braucht sich der Hensoldt-Chef Dörre, 56, keine Sorgen zu machen. Seit dem Börsengang im September 2020 ist der Wert der Aktie von damals zwölf auf heute knapp unter 90 Euro gestiegen; geschätzter Umsatz im vergangenen Jahr: 2,5 Milliarden Euro. In vier Jahren sollen es dann schon an die sechs Milliarden sein. Und die Produkte des Unternehmens werden gerade gebraucht: Die Hochleistungsradare gehen unter anderem in die Ukraine, wo sie als Teil des Flugabwehrraketensystems Iris-T SLM im Einsatz sind.
Die Frage, die man sich bei Hensoldt wie auch in vielen anderen Rüstungsbetrieben stellt, ist eher diese: Wie kommt man bei der hohen Nachfrage nach Rüstungsgütern noch nach? Wie kann man mehr produzieren, ohne dabei am Ende vielleicht sogar zu viel zu produzieren? Es sind Fragen, die zu einer Zeit gehören, in der ja kaum noch etwas wirklich prognostizierbar ist. Nicht einmal Krieg und Frieden.
Ein Besuch daher am Stadtrand von München, dort, wo genau jene Dinge geplant werden müssen, die nur schwer zu planen sind.

Ein trüb-dunkler Spätnachmittag, Dörre ist mit dem Flugzeug etwas verspätet aus Berlin zurück nach München gekommen. Termine, klar, Rüstung ist ein politisches Geschäft. Vom Flughafen weiter ins oberbayerische Taufkirchen, eine dieser Gemeinden südlich der Großstadt, die insofern ganz gut zu Dörre und Hensoldt passen, weil auch sie nicht allzu viel von sich reden machen. Dabei ist hier schon einiges los, viele Unternehmen sind in den vergangenen Jahren mit ihren Büros hier hinausgezogen. Nicht weit von Hensoldt entfernt hat die Verteidigungssparte von Airbus, zu dessen Verteidigungselektronik-Sparte Hensoldt bis 2017 gehörte, ihren Standort. Vis-à-vis liegt ein großes Waldstück, auf der anderen Seite der Straße führt eine Treppe hinunter in die Firmenzentrale.
Dörre wurde in Essen geboren, wuchs im Ruhrgebiet auf, der Vater war Profi-Fußballer bei Rot-Weiß-Essen. Er trinkt jetzt erst einmal eine große Tasse Tee. Zeit für einen kleinen, einführenden Logistik-Exkurs, denn man kann die irren Folgen der Zeitenwende sehr gut aus einem Logistiklager heraus erklären. „Früher hatten wir rund 700 Materialbewegungen pro Tag“, sagt er. „Heute liegen wir bei etwa 1000 bis 1100.“ Man kann das wohl so interpretieren: Bei Hensoldt ist gerade einiges in Bewegung.
Es gibt keine Branche, die so wächst wie diese
„Wir sehen aktuell einen sehr starken Nachfrageanstieg, insbesondere bei Radaren“, sagt der Hensoldt-Chef. Bei Luftverteidigungssystemen rechne er mit einem Wachstum „bis in den mittleren zweistelligen Prozentbereich“.
Und bei Radaren vom Typ Spexer, die unter anderem bei der Marine und in den Skyranger-Flugabwehrpanzern von Rheinmetall eingesetzt werden, erwartet er einen Anstieg „von heute unter 100 Einheiten auf perspektivisch deutlich vierstellige Stückzahlen im Jahr“.

Von unter 100 auf mindestens weit über 1000 Stück? Europa rüstet mächtig auf und investiert Milliarden ins Militär, daher dürfte es zurzeit keine andere Branche geben, die so wächst wie die von Dörre. Einerseits muss man auf- und ausbauen. Andererseits, sagt der Chef, müsse man auch „darauf achten, nicht zu überziehen“. Auch wenn er überzeugt sei, „dass das kommende Jahrzehnt ein Jahrzehnt des ‚Eisens‘ sein wird – also zunehmender Konfrontationen.“
Und je mehr Konfrontation, desto mehr Aufträge für die Industrie. Experten gehen davon aus, dass Hensoldt indirekt auch von den Folgen der jüngsten Grönland-Krise profitiert. Denn das Unternehmen liefert jene Sensoren und Radargeräte, die gerade bei der See- und Luftraumaufklärung genutzt werden – wo es darum geht, etwa ankommende Schiffe schon sehr früh zu erkennen. Auch den Plan von Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD), bis 2030 insgesamt 35 Milliarden Euro für die Weltraumsicherheit bereitzustellen und so eine eigene Sicherheitsarchitektur im Orbit aufzubauen, dürfte man in Taufkirchen interessiert zur Kenntnis genommen haben. Man baue jedenfalls das „Weltraumgeschäft deutlich aus“, sagt Dörre dazu.
Eine gemeinsame Endmontage mit Lieferanten? „Ein realistisches Modell“
Er will nun das, was einige andere Rüstungsunternehmen gerade auch planen, und sucht nach Möglichkeiten, mithilfe Dritter zu produzieren. „Wir stehen bereits mit mehreren Unternehmen im Austausch, um unsere Produktionskapazitäten weiter auszubauen“, sagt Dörre. „Dabei sprechen wir gezielt auch Zulieferer aus der Automobilindustrie an – etwa für Leiterkarten oder Kabelbäume.“ Das seien „standardisierte Komponenten, bei denen uns diese Kooperationen spürbar helfen“.
Erst vor einigen Wochen hatte der Chef und Co-Gründer des Drohnenherstellers Helsing, Gundbert Scherf, im SZ-Interview erklärt: Die Automobilzulieferer seien „Deutschlands strategische Reserve“, die man „für die Zeitenwende noch gar nicht richtig genutzt“ habe. Und er stellte in Aussicht, dass Helsing „in Zukunft auch ein oder zwei Autozulieferer-Werke nutzen“ könnte. Dörre kann sich nun für Hensoldt „gut vorstellen, neue Werke – etwa für Radarmodule – von Beginn an gemeinsam mit Partnern aufzubauen“. Auch eine gemeinsame Endmontage mit Lieferanten sei „ein realistisches Modell“.
Partnersuche im Internet
Hensoldt setzt dabei unter anderem auf die Internetplattform SVI Connect, die seit Anfang Januar am Start ist und die gemeinsam vom Bundesverband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (BDSV) und dem Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME) initiiert wurde. Das Ziel: militärische und zivile Industrie zu vernetzen. Es gehe darum, „über die Plattform Zugänge und Kontakte herzustellen“, sagt Dörre, damit „unsere Einkaufsorganisation zusätzliche, geeignete Zulieferer identifizieren kann“.
Es gibt vieles, das Rüstungsunternehmen gerade in großen Mengen gebrauchen können. Der Bedarf reicht von Metallen wie Wolfram, Aluminium und Kobalt über Seltene Erden wie Neodym, Dysprosium und Germanium bis zu Spezialchemikalien und Hightech-Komponenten wie Halbleitern, die die Industrie vorwiegend aus dem asiatischen Raum bezieht. Gerade das besonders rare Germanium benötigt die Industrie, um Infrarot- und Nachtsichtgeräte herzustellen. Das Problem nur: Viele Lieferketten, die lange Zeit als sicher galten, sind heute brüchig – und Germanium wie auch viele andere Seltene Erden kommen aus China.
Für eine kritische Industrie wie die Rüstung könnte das zu einem größeren Problem werden. Vor allem dann, wenn sich geopolitische Konflikte wie der um Taiwan zuspitzen sollten. Rheinmetall-Chef Papperger sagte der SZ erst kürzlich, dass man „bei einigen Rohstoffen, die aus China kommen“, bereits Vorräte „für vier Jahre angelegt“ habe. Bei den Halbleitern gehe es nun darum, langfristige Verträge zu schließen, „nicht nur mit Lieferanten aus Taiwan“. Warum Rheinmetall so vorgeht? „Weil ich mich heute nicht mehr hundertprozentig auf alte Lieferketten verlassen kann“, sagte Papperger.
Rüstungsfabriken können schnell zu Angriffszielen werden
Hensoldt hatte zuletzt bekannt gegeben, seine Produktion in der Nähe von Ulm massiv auszubauen. Die Kapazität für kleine Radarsysteme soll verfünffacht werden, von 2027 an sollen hier an die 1000 Radare im Jahr produziert werden. Einfach sind solche Planungen nicht – Rüstungsbetriebe wie Hensoldt sind eben keine Automobilzulieferer. „Wir müssen darauf achten, dass unsere Produktionsstandorte geografisch verteilt sind – und auch nicht immer im Fokus stehen“, sagt Dörre. „Im Ernstfall“ wären sie „potenzielle Ziele“. In der Ukraine geht man daher „inzwischen sogar dazu über, Fertigungsanlagen unterirdisch oder in Bunkern anzusiedeln“.
Auf eines hat ein Manager wie Dörre allerdings keinen Einfluss: auf die großen Linien der Geopolitik. Als im November die USA und die Ukraine in Genf Möglichkeiten für einen Frieden ausloteten, war das ein Hoffnungsschimmer. Allerdings verloren Rüstungsaktien wie die von Hensoldt an Wert. „Mit Kursbewegungen gehe ich sehr gelassen um“, sagt Dörre. Das Geschäft von Hensoldt hänge ja „nicht allein am Krieg in der Ukraine“. Pause. Dann wird er persönlich: „Nachdem ich die Friedhöfe dort gesehen habe, wünsche ich mir persönlich nichts sehnlicher als Frieden.“ Allerdings bleibe die Welt wohl instabil, und Russland werde „auf absehbare Zeit eine Bedrohung für uns bleiben“. Was auch bedeutet: Es dürfte auch weiterhin ziemlich viel Material bewegt werden bei Hensoldt.

