Industrie:Diehl baut Rüstungskapazitäten aus

Industrie: Ein Lenkflugkörper des Systems "Iris-T" des Rüstungsherstellers Diehl hängt unter einem Trägerflugzeug.

Ein Lenkflugkörper des Systems "Iris-T" des Rüstungsherstellers Diehl hängt unter einem Trägerflugzeug.

(Foto: dpa)

Hunderte Millionen Euro fließen in die Standorte des Unternehmens, das mit "Iris-T SLM" ein gefragtes Luftabwehrsystem herstellt.

Von Uwe Ritzer, Röthenbach

Es regnet, der Boden ist aufgeweicht und matschig, ein beheiztes Zelt schützt die geladenen Gäste vor dem böigen Wind. Der Landrat ist gekommen, die Präsidentin der Bezirksregierung und natürlich der Bürgermeister. Unter normalen Umständen würde das Ereignis, das an diesem Donnerstagvormittag in einem unwirtlichen Gewerbegebiet in Röthenbach an der Pegnitz unweit von Nürnberg zelebriert wird, allenfalls lokale Aufmerksamkeit erfahren: Der Grundstein für ein Parkhaus und ein Betriebsgebäude wird gelegt. Doch viele Normalitäten verändern sich gerade, und es obliegt Bürgermeister Klaus Hacker, in einem Satz auszusprechen, worum es eigentlich geht bei alledem: Um etwas, "das für die Verteidigung Deutschlands und Europas von immenser Wichtigkeit ist".

Mehrere Hundert Millionen Euro investiert die Firma Diehl Defence in ihre Standorte. Ein großer Teil davon fließt nach Röthenbach; wie viel genau, möchte das Unternehmen nicht sagen. In der Kleinstadt östlich von Nürnberg arbeiten etwa 2500 Menschen bei den Teilkonzernen Metall und Defence. Im Neubau werden 120 Arbeitsplätze entstehen, angesiedelt bei der Tochterfirma Diehl Energy Products (DEP). Sie entwickelt hier Thermalbatterien für militärische und zivile Zwecke.

Die Grundsteinlegung ist zugleich der Start für die Verdoppelung des Standorts Röthenbach. Schon jetzt kommen täglich neue Mitarbeiter hinzu; seit Jahresbeginn waren es bereits mehr als 100. Nein, sagen die Firmenverantwortlichen, sie hätten kein Problem damit, gut ausgebildete Fachkräfte zu finden. Das sei kein Wunder, schließlich biete man "technologisch spannende Aufgaben und Herausforderungen" und sichere Jobs. Gewerkschafter loben die Firma als tariftreuen und fairen Arbeitgeber. Und krisensicher sind die Jobs bei Diehl Defence, weil es eine Krise gibt - den Angriffskrieg auf die Ukraine und als Folge die offenbarte Krise der deutschen Landesverteidigung, die erklärtermaßen schnell behoben werden soll.

Was wäre einem sozialdemokratischen Bundeskanzler vor wenigen Jahren passiert, hätte er eine Rüstungsschmiede wie Rheinmetall besucht, gelobt und ihr Unterstützung zugesagt, wie vergangene Woche Olaf Scholz? Mutmaßlich hätte es ein Parteiausschlussverfahren gegeben, initiiert von den Jusos und Parteilinken. Nun aber rüsten Deutschland und Nato-Europa auf, und die Erleichterung darüber übertrifft bei Weitem das Entsetzen über die gewaltige Nachrüstung.

Die Firma Diehl, ein Familienkonzern mit Sitz in Nürnberg, profitiert davon. Ihre Defence-Sparte stellt Munition, Lenkwaffen und Luftabwehrsysteme her, wie das bodengebundene Iris-T SLM. Mit einer Reichweite von etwa 40 Kilometern gilt es als besonders wirksam gegen Angriffe von Flugzeugen, Marschflugkörpern und ballistischen Kurzstreckenraketen; die Trefferquote liegt bei annähernd 100 Prozent. Drei Iris-T-Einheiten sind bereits aufseiten der Ukraine gegen die russischen Angreifer im Einsatz. Sechs Gefechtseinheiten hat die Bundeswehr für sich bestellt; sie werden aus dem 100-Milliarden-Euro-Sondervermögen finanziert. Von den Aufträgen profitieren auch Airbus und Hensoldt, die für Iris-T die Gefechtsstand-Software beziehungsweise das Radarsystem liefern. Zwei, maximal drei Jahre dauert die Fertigung einer Gefechtseinheit Iris-T SLM.

"Unsere Auftragslage der nächsten fünf Jahre ist gut abgesichert, und dafür bauen wir unsere Kapazitäten aus"

Auch am neuen Flugabwehrsystem NNbS ist Diehl beteiligt, gemeinsam mit Rheinmetall und Hensoldt. Wie viel vom 100-Milliarden-Wumms bei Diehl insgesamt hängen bleiben wird? Das könne er nicht genau beziffern, sagt Helmut Rauch, Vorstandschef von Diehl Defence. Denn die meisten Rüstungsprojekte entstünden in Kooperation mit anderen Herstellern. Nicht selten gingen davon 60 bis 70 Prozent an die Partner und an Zulieferer. Aber eines sei klar: "Unsere Auftragslage der nächsten fünf Jahre ist gut abgesichert, und dafür bauen wir unsere Kapazitäten aus." Von zuletzt 1,2 Milliarden Euro werde sich der Umsatz von Diehl Defence in etwa vier Jahren auf zwei Milliarden Euro steigern. Und es werden, verglichen mit der Zeit vor der Ukraine-Krise, bis zu 1000 neue Arbeitsplätze entstehen.

Je mehr Deutschland und Europa seit dem Fall des Eisernen Vorhangs dem - wie man heute weiß - Trugschluss eines dauerhaften Friedens auf dem Kontinent erlagen, desto stärker wandelte sich das Geschäft von Diehl. Der Familienkonzern (Gesamtumsatz 2022: 3,5 Milliarden Euro) trieb strategisch den Ausbau anderer Sparten wie Metall, Luftfahrt oder Messtechnik voran. Seit dem Beginn des Krieges überholt die Realität die Strategie. Helmut Rauch, seit einer gefühlten Ewigkeit in Diensten von Diehl, erlebt die Veränderungen gerade persönlich. Im Bundeskanzleramt und im Bundesverteidigungsministerium ist er häufiger und wohlgelitten; gerade war er bei der Münchner Sicherheitskonferenz. "Unser Image hat sich deutlich gedreht", sagt er, "wir sind nicht mehr in der Schmuddelecke." Auch deshalb gebe es keine Probleme bei der Fachkräfte-Akquise.

Vergangenen Herbst besuchte Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius gemeinsam mit seinen Kollegen aus Litauen und Estland den Standort Röthenbach. Letztere unterzeichneten dort ein Rahmenabkommen über die Bestellung von Iris-T SLM. Es ist der größte Rüstungsauftrag der beiden baltischen Länder seit ihrer Unabhängigkeit vor mehr als 30 Jahren. Insgesamt erwirtschaftet Diehl Defence etwa die eine Hälfte des Umsatzes mit der Bundeswehr und die andere mit europäischen Nato-Ländern.

Bei der Grundsteinlegung wird häufig des Kanzlers Begriff von der "Zeitenwende" bemüht. "Wir stellen uns auf zunehmenden Bedarf in Deutschland und Europa ein", sagt Helmut Rauch. "Die deutsche Verteidigungsindustrie tut gerade ihr Bestes, um die Kapazitäten hochzufahren." Am Rande erzählen Diehl-Mitarbeiter, dass sie gelegentlich gefragt würden, ob denn die Champagnerkorken knallen würden angesichts der militärischen Auftragsflut. Absurd sei das, sagen sie, wer freue sich schon darüber, wie der Ukrainekrieg alles verändere. Und so wird auch kein Champagner gereicht, sondern alkoholfreies Bier. Es heißt "Freiheit".

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