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Rückzug von Alexander Dibelius:Baby statt Bank

Eine Midlife-Crisis mit Mitte 50? Aber eine positive! Warum sich Alexander Dibelius, Deutschlands prominentester Investmentbanker, zurückzieht.

Wenn ein Mann in der deutschen Wirtschaft das olympische Prinzip "schneller, höher, weiter" verkörpert, dann ist es Alexander Dibelius, 55 Jahre alt, Deutschland-Chef der Investmentbank Goldman Sachs. Der gelernte Chirurg trat 1993 bei der US-Großbank ein und hat seither alles erreicht, was ein Investmentbanker erreichen kann: Er managte die größten Deals, die es in der deutschen Wirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten gab, etwa die Übernahme von Chrysler durch Daimler oder die Fusion von Mannesmann und Vodafone. Er ist seit 1998 Partner von Goldman Sachs und müsste schon allein deshalb längst nicht mehr arbeiten, weil er beim Börsengang 1999 reich geworden ist. Er gewinnt regelmäßig das Skirennen der Prominenten beim Wirtschaftsgipfel in Davos. Und er genießt den zweifelhaften Ruf, der umstrittenste Investmentbanker Deutschlands zu sein.

Wenn so ein Mann bekannt gibt, dass er künftig kürzertreten will, dann ist das nicht weniger als eine Sensation. Und so überschlugen sich am späten Dienstag in der Frankfurter Finanzszene die Interpretationen, als die Nachricht durchsickerte: Dibelius wird in Zukunft nicht mehr Deutschland-Chef von Goldman Sachs sein. Er bleibt zwar Partner, zieht sich aber zurück auf den ruhigeren Posten eines von drei Co-Chairmen von Goldman Sachs in London. "In seiner neuen Rolle wird Alex Dibelius unverändert unsere wichtigsten Kunden betreuen und die Investment-Banking-Division als Ganzes prägen", hieß es in einer Mitteilung der Bank.

Dibelius konzentriert sich auf das, was er immer am liebsten gemacht hat: auf den Kontakt zu den Großen der Wirtschaft, auf das Anbahnen und Über-die-Bühne-Bringen von großen Deals. Was er dagegen nicht mehr machen wird, sind all die Aufgaben eines Deutschland-Chefs, die ihn zuletzt immer mehr genervt haben: Mitarbeitergespräche führen, die Organisation am Laufen halten, für die Verwaltung zuständig sein. Der Mann, dessen Prinzip immer das "schneller, höher, weiter" war, macht künftig alles langsamer, stapelt tiefer, tritt kürzer. Das ist für viele schon ein Anlass zu fragen: Was ist da los?

"Er durchlebt so etwas wie eine positive Midlife-Crisis", sagt einer, der Alexander Dibelius gut kennt.

(Foto: dpa)

Mancher hatte den Gedanken, dass es vielleicht einen Zusammenhang mit der skandalträchtigen Scheidung von seiner Ex-Ehefrau geben könnte. Es gab einen Rosenkrieg um sein Millionen-Vermögen, das ihn und damit Goldman Sachs in die Schlagzeilen brachte. Inzwischen hat man sich außergerichtlich geeinigt. Dass ihm sein Arbeitgeber deswegen gekündigt haben könnte, weisen Insider zurück. Es sei allein die Entscheidung von Dibelius gewesen. Der Beweis dafür sei, dass er weiter für das Unternehmen arbeite, Partner bleibe und als solcher ein Gehalt beziehe. Einem Mann, der nichts mehr zum Erfolg des Unternehmens beitrage, würde man auch nichts mehr zahlen.

Nein, bei dem überraschenden Rückzug scheinen ganz andere Gründe eine Rolle gespielt zu haben: private Gründe. "Er durchlebt momentan so etwas wie eine positive Midlife-Crisis", sagt einer, der Alexander Dibelius lange und gut kennt. Viele Jahre mit 100-Stunden-Wochen, dazu der in Teilen schmutzige Scheidungskrieg, die Geburt des Kindes, das seine Lebensgefährtin, die Schauspielerin Laila Maria Witt, im Sommer zur Welt gebracht hat, all das habe dazu geführt, "dass er nicht mehr weitermachen will wie bisher".

Bei einem 35-Jährigen, der erstmals Vater wird, wäre es vielleicht etwas anderes, aber bei einem 55-Jährigen, der im Beruf alles erreicht habe, sei es eigentlich "das Natürlichste auf der Welt": Dibelius will in Zukunft einfach mehr Zeit mit der Familie verbringen und sich vor allem um sein Kind kümmern.