Rückversicherung:"Bernd" stört die Ruhe

Nach dem Unwetter in Rheinland-Pfalz

Ein von der Flut zerstörtes Haus in Marienthal in Rheinland-Pfalz. +

(Foto: Boris Roessler/dpa)

Große Naturkatastrophen haben Deutschland lange verschont. In diesem Jahr war das anders. Der Klimawandel bereitet den Rückversicherern Sorgen - und sie verlangen mehr Geld.

Von Herbert Fromme, Patrick Hagen und Friederike Krieger, Baden-Baden / Köln

Naturkatastrophen? Die passieren in den USA, wenn Hurrikans die Küstenregionen treffen, in Asien mit Tsunamis oder in Lateinamerika bei schweren Erdbeben. Deutschland bleibt bei Katastrophen außen vor, wenn man von einigen wenigen Sturmereignissen absieht, so das allgemeine Gefühl.

Die Flutkatastrophe des Jahres 2021 im Gefolge von Sturm "Bernd" hat dieser vermeintlichen Sicherheit ein jähes Ende gesetzt. Mehr als 180 Menschen starben. Die wirtschaftlichen Gesamtschäden allein Deutschland betrugen rund 33 Milliarden Euro, davon waren mindestens acht Milliarden Euro versichert. Die Katastrophe müsste eigentlich viele Konsequenzen haben, von der Überprüfung des Baurechts über Reformen des Hochwasserschutzes bis hin zu mehr Versicherungsschutz.

Für die Rückversicherer, also die Versicherer der Versicherer, hat sie aber eine sehr aktuelle Wirkung: Sie müssen für hohe Schäden aufkommen, und glauben nicht, dass die Preise für ihren Schutz stimmen. "Es gab lange keine wirklich schweren Schäden in Europa, das führte zu sehr niedrigen Preisen für Versicherung und Rückversicherung in vielen Regionen", erklärt Doris Höpke, im Vorstand der Munich Re unter anderem für Europa zuständig. Sie glaubt, dass die Katastrophe das ändert und zu deutlich steigenden Preisen für Rückversicherungsschutz führen wird, der bereits seit zwei Jahren teurer wird. Rückversicherer wie Munich Re, Swiss Re und Hannover Rück sichern andere Versicherer wie Allianz oder Huk-Coburg gegen Großschäden ab.

Der Versicherungsschutz könnte in Zukunft deutlich teurer werden

Weltweit zahlen die Gesellschaften dafür jährlich 300 Milliarden Euro an Rückversicherungsprämien. Zurzeit verhandeln die beiden Seiten in Baden-Baden über Preise und Bedingungen für das Jahr 2022, fünf Wochen nach dem ersten globalen Treffen in Monte Carlo. Frank Reichelt, Nord- und Zentraleuropachef beim Munich Re-Rivalen Swiss Re, ist in dieser Frage einer Meinung mit Höpke. "Es ist nötig, die Preise für Versicherungen und Rückversicherungen anzuheben, um den steigenden Kosten des Klimawandels Rechnung zu tragen", sagt er.

"Die Preiserhöhungen müssen weitergehen", fordert auch Michael Pickel, Vorstandmitglied bei der Hannover Rück. Sturm "Bernd" wird nach seiner Schätzung sogar zehn Milliarden Euro kosten: "Bei Autos, aber auch bei Hausrat und Wohngebäuden hat es für ein Flutereignis ungewöhnlich viele Totalschäden gegeben." Pickel rechnet mit "deutlich zweistelligen Preiserhöhungen" für seine Kunden, wenn sie 2021 Schäden zu verzeichnen hatten. Das würde dann auch zu spürbar teureren Versicherungspolicen für die Verbraucher führen, weil steigende Rückversicherungspreise oft weiter gereicht werden.

"Wir befinden uns nicht in einem harten Markt"

Wenn die drei größten Rückversicherer der Welt unisono von deutlich höheren Preisen sprechen, dem so genannten "harten Markt", dann wird er doch auch kommen, oder? Eher nicht, glaubt Jan-Oliver Thofern, einer der Deutschlandchefs des Großmaklers Aon. "Auch wenn einige Rückversicherer das anders sehen: Wir befinden uns nicht in einem harten Markt."

Thoferns Argument: Es strömt immer weiter frisches Kapital in die Rückversicherung. Pensionsfonds, Hedgefonds und andere Großanleger sehen dort Renditechancen, die sie wegen der niedrigen Zinsen bei Staatsanleihen nicht mehr haben. Weil es keine Knappheit an Rückversicherungskapazität gibt, bleiben die Erhöhungen im Rahmen oder fallen ganz aus, erwartet Thofern.

Reichelt von der Swiss Re übt derweil Selbstkritik. Er sieht große Versäumnisse bei der Versicherungsbranche, was die schlechte Absicherung gegen Hochwasserschäden angeht. "Es gibt eine massive Versicherungslücke in Deutschland", sagt er. Nur 45 Prozent der Hausbesitzer in Deutschland verfügen über die nötige Elementarschadendeckung, die sie vor Überflutungen schützt, erläutert Reichelt. "Das zeigt, dass die Versicherungsbranche nicht den besten Job gemacht hat, sonst wären es über 90 Prozent", glaubt er. "Das können wir besser machen." Er sieht es als großen Fehler, dass die Elementarschadendeckung als Zusatzpolice verkauft wird, sie müsse Teil der Gebäudeversicherung sein.

Rückversicherer müssen eng mit dem Staat zusammenarbeiten, fordert er. Bei der Schadenprävention wie Baumaßnahmen und Rückbauten sei in Deutschland zu wenig passiert, da seien die Schweiz und Österreich weiter. Wie Reichelt will auch Höpke mehr Kooperation der Rückversicherer mit dem Staat. Denn in der Versicherungsbranche greift die Erkenntnis um sich, dass sie allein viele Risiken nicht abdecken kann. "Es gibt Risiken, die die Tragfähigkeit privater Versicherer übersteigen", sagt Höpke. Dazu gehören Betriebsunterbrechungen als Folge von Pandemien, große Cyber-Angriffe als Teil von Cyber-Kriegen und die Milliarden an Flutschäden, die angesichts des Klimawandels häufiger und teurer werden.

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