Rückversicherer:Steuerparadies: Au revoir, Monte Carlo

Rückversicherer: SZ-Illustration: Bernd Schifferdecker

SZ-Illustration: Bernd Schifferdecker

Jedes Jahr seit 1957 treffen sich Rückversicherer und Versicherer in Monte Carlo - nur 2020 und 2021 nicht. Dafür sorgte Corona. Die Konzerne sollten die Chance nutzen und dem Steuerparadies endgültig den Rücken zukehren.

Kommentar von Herbert Fromme, Köln

Schon zum zweiten Mal musste das Welttreffen der Rückversicherer in dieser Woche am Computerbildschirm stattfinden statt wie sonst in Monte Carlo. Dafür hatte das Coronavirus gesorgt. Branchengrößen wie Munich Re, Swiss Re, Hannover Rück und ihre Kunden, die Versicherer von Allianz bis Zurich, sollten die Gelegenheit nutzen und dem Steuerparadies an der Côte d'Azur dauerhaft den Rücken kehren.

Es passt nicht mehr in die Zeit, dass eine Branche an diesen merkwürdigen Ort pilgert, die den Klimaschutz und die allgemeine Daseinsvorsorge der Menschen auf ihre Fahnen geschrieben hat, von der Altersabsicherung bis zum Cyberschutz.

Das Rendez-Vous de Septembre, so der offizielle Titel, findet seit 1957 statt. Französische Unternehmen waren es damals leid, für Gespräche über die Rückversicherung immer nach London fahren zu müssen. Sie schlugen das Treffen in Monte Carlo vor und sorgten mit einer Rallye, einer Segelregatta und zahlreichen Empfängen und Dîners für einen Rahmen, der die Gäste aus aller Welt und ihre Ehefrauen anlocken sollte.

Inzwischen reisen jedes Jahr rund 3000 Versicherungsmanager, Einkäufer der Industrie, Anwälte und Journalisten aus 80 Ländern für eine Woche in das winzige Fürstentum. Vom Glamour früherer Jahre ist wenig geblieben. Die Teilnehmer treffen sich in Ballsälen und Fluren der Hotels in kleinen Gruppen oder zu zweit an speziell aufgestellten Tischen. Dann verhandeln sie über die Rückversicherungsverträge für das kommende Jahr. Da will sich ein japanischer Versicherer gegen Großschäden aus Erdbeben absichern, die Waldbrände in Kalifornien werden diskutiert, die Hurrikans und die Fluten in Europa. Die Rückversicherer übernehmen einen Teil der großen Risiken, ohne Rückversicherung gäbe es kaum Versicherung. In Monte Carlo wird über Prämienhöhe und Deckungsumfang gefeilscht, immer im Halbstunden- oder Stundentakt.

Es gibt auch einige Empfänge und Abendessen für gute Kunden - aber für die meisten Teilnehmer bedeutet Monte Carlo harte Arbeit. Die Kosten sind enorm, unter 500 Euro ist kaum ein Hotelzimmer zu bekommen. Die Hotelbesitzer scheinen die direkten Nachfahren der Genueser Piraten zu sein, die hier einst herrschten. Dennoch, so die Verfechter von Monte Carlo, lohnt sich das Treffen: Denn dort können sie 40 oder 50 Kunden in einer Woche an einem Ort treffen. Sie alle zu besuchen würde Wochen dauern, viel mehr kosten und für die Umwelt deutlich schädlicher sein.

Es gibt gute Argumente für ein Welttreffen, aber sehr gute dagegen.

Sie haben Recht. Auch damit, dass ein solches Treffen nur an einem kleinen Ort mit hoher Hotelkapazität durchgeführt werden kann. Beides können Monte Carlo sowie Baden-Baden aufweisen. In dem süddeutschen Kurort findet nämlich Ende Oktober alljährlich das zweite Rückversicherungstreffen statt.

Es gibt gute Argumente für ein Welttreffen. Aber sehr gute Argumente dagegen, es in Monte Carlo abzuhalten, dem Paradies der Steuerhinterzieher in Europa. Die Versicherungsbranche bemüht sich seit Jahren, ihr Image zu ändern. Statt als reine Schadenzahler wollen die Gesellschaften als Lebensbegleiter ihrer Kunden wahrgenommen werden, von der Absicherung der Wohnung und des Autos bis zum Krankenversicherungsschutz und der Pflege für das Alter. Die Rückversicherer haben hohe Summen für die Forschung ausgegeben und früh vor dem Klimawandel gewarnt. Die meisten fördern Projekte in armen Ländern, dazu gehört die Dürreabsicherung für kleine Bauern. Zu diesem neuen Image passt es einfach nicht mehr, sich in der künstlichen Welt am Mittelmeer zu versammeln. Wenn sich Rückversicherer und Versicherer persönlich treffen wollen, sollten sie einen anderen Ort wählen.

© SZ
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