Versicherungen:Rückversicherer wollen Preise deutlich anheben

Fast 24,5 Millionen Euro Soforthilfe für Ahr-Flutopfer

Von der Sturzflut weggerissen: die Bundesstraße durch das Ahrtal. Die Versicherer wird die Hochwasserkatastrophe rund sieben Milliarden Euro kosten.

(Foto: Thomas Frey/dpa)

Niedrigzinsen, Inflation und hohe Schäden: Die Rückversicherer haben mit vielen Problemen zu kämpfen. Ob sie sich mit Preiserhöhungen durchsetzen können, ist aber ungewiss.

Von Friederike Krieger, Köln

Im Februar 2021 sorgte ein heftiger Wintereinbruch in den USA für arktische Temperaturen - auch in Staaten wie Texas, die eigentlich nie Frost erleben. Zerstörte Gebäude und Betriebsunterbrechungen sorgten für versicherte Schäden von satten 15 Milliarden Dollar. Auch Sturm Bernd, der im Juli schwere Überschwemmungen in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz verursachte, wird für die Versicherer mit rund sieben Milliarden Euro nicht billig. Und Hurrikan Ida, der jüngst in den USA wütete, wird die Branche bis zu 35 Milliarden Dollar kosten, Schäden durch das Rekord-Hochwasser in New York noch nicht eingerechnet. Die Versicherer werden 2021 ordentlich zur Kasse gebeten und damit auch die Rückversicherer, bei denen sich Versicherer selbst gegen Großschäden versichern.

Für Jean-Jacques Henchoz, Chef des drittgrößten Anbieters Hannover Rück, kann das nur eins bedeuten: Weitere Preiserhöhungen seien unumgänglich, findet er. "Nur so können Rückversicherer zuverlässigen Risikoschutz in einem zunehmend herausfordernden Umfeld bieten." Auch die deutschen Versicherer, die bisher von höheren Prämienforderungen größtenteils verschont geblieben sind, müssten nun tiefer in die Tasche greifen, so die Hannover Rück. Weltmarktführer Munich Re und der Branchenzweite Swiss Re äußerten sich in diesen Tagen ähnlich.

Die versicherten Corona-Schäden sollen bei rund 37 Milliarden Dollar liegen

Momentan verhandeln die Rückversicherer mit ihren Kunden über die Verträge des kommenden Jahres. Normalerweise trifft sich die Branche dazu in Monte Carlo an der Côte d'Azur. Wegen der Corona-Pandemie musste das sogenannte Ren­dez­vous de September, zu dem 2019 fast 3000 Teilnehmer aus 80 Ländern anreisten, schon das zweite Jahr in Folge entfallen. Virtuelle Meetings müssen ausreichen, um das Wichtigste zu klären.

Lange Jahre mussten sich die Rückversicherer mit sinkenden Preisen abfinden. Ein Grund ist das Überangebot an Rückversicherungsschutz. Denn neben den traditionellen Anbietern stecken auch branchenfremde Investoren wie Pensionsfonds verstärkt ihr Geld über sogenannte Versicherungsverbriefungen in den Markt. Seit rund drei Jahren steigt das Prämienniveau zwar wieder an, doch zuletzt hat die Dynamik nachgelassen. Wegen der hohen Katastrophenschäden erhoffen sich die Rückversicherer neuen Rückenwind - zumal die Anbieter die Versicherer aus ihrer Sicht auch noch nicht ausreichend für die Corona-Schäden zur Kasse gebeten haben. "Covid-19 ist bei der Vertragserneuerung 2021 nur zum Teil eingepreist worden, weil vieles noch unklar war", erklärt Hannover Rück-Vorständin Silke Sehm. Die Ratingagentur Moody's schätzt die versicherten Corona-Schäden inzwischen auf rund 37 Milliarden Dollar.

Dennoch - Moody's sieht die Lage inzwischen wieder positiver als zu Beginn der Pandemie. Auch Konkurrent Fitch ist optimistischer. "Kräftige Preiserhöhungen werden maßgeblich dafür sorgen, dass die Erträge bis ins Jahr 2022 hinein steigen werden", sagt die Moody's-Expertin Helena Kingsley-Tomkins. Der Grund: Die Nachfrage nach Rückversicherungsschutz steigt, denn erstens erholt sich die Konjunktur, zweitens sorgen die jüngsten Katastrophenschäden für Absicherungsbedarf.

Die Cyberversicherung bietet Potential für Wachstum, ist aber auch riskant

Aber Probleme gibt es auch genug für die Rückversicherer. Die Niedrigzinsen sorgen immer noch für schrumpfende Kapitalerträge. Neu ist die Sorge um die Inflation. Steigende Preise bedeuten auch höhere Ausgaben für Versicherungsschäden. Neben der normalen Inflation tut besonders die soziale Inflation weh, die vor allem in den USA sichtbar wird. Durch Veränderungen in der Gesellschaft steigen Schadenersatzforderungen ebenso wie die von Gerichten zugesprochenen Summen. Dann müssen Versicherer und Rückversicherer ihre Schadenreserven um hohe Summen aufstocken, vor allem bei lang laufenden Verträgen wie in der Haftpflicht. "Inflation ist der Feind der Versicherer", erklärt Thierry Léger aus dem Top-Management der Swiss Re. Auf Massenklagen spezialisierte Anwälte, die werbewirksam um Kunden buhlen und von Prozessfinanzierern unterstützt werden, heizten den Trend weiter an.

Zudem haben sich die Rückversicherer mit der Cyberversicherung ein problematisches Feld für ihr weiteres Wachstum gesucht. Mit den Policen schützen sich Unternehmen gegen die finanziellen Folgen von Hackerangriffen. Vor allem die Munich Re hatte ihre Prämieneinnahmen in der noch jungen Sparte in den vergangenen Jahren kräftig gesteigert. 2020 kam sie auf mehr als 850 Millionen Dollar. "Wir erwarten, dass sich dieser Trend weiter fortsetzt und wir in diesem Jahr die Marke von einer Milliarde Dollar überschreiten werden", sagt Munich Re-Vorstand Stefan Golling.

Aber die Sparte kann für Versicherer und Rückversicherer auch hoch gefährlich sen. Eine großangelegte Attacke mit Erpressungssoftware führt bei einer Vielzahl von Kunden gleichzeitig zu hohen Kosten. Einen regionalen Ausgleich wie bei Naturkatastrophen, die meist nur lokal zuschlagen, gibt es nicht. Deswegen sind viele Versicherer und Rückversicherer inzwischen sehr vorsichtig geworden. Ganz die Finger davon lassen kann man aber nicht, glaubt Golling. "Um für die Kunden relevant zu bleiben, muss man im Cybergeschäft bleiben."

Allerdings: Die Nachfrage scheint geringer zu sein als die Rückversicherer gehofft hatten. Bei einer Umfrage von Moody's unter 43 Rückversicherungseinkäufern gaben nur acht an, aktuell mehr Cyber-Rückdeckungen einkaufen zu wollen.

© SZ
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