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Rubel:Den Dollar vergessen

Wechselstube in Moskau

Wechselkursschild in Moskau: Präsident Wladimir Putin will die rot und grün leuchtenden Tafeln von Russlands Straßen verbannen.

(Foto: dpa)

Bald darf der Kurs des Rubels zu anderen Währungen in Russland nicht mehr auf der Straße gezeigt werden. Für Kritiker ist das ein Angriff auf die Freiheit.

Von Victor Gojdka

Besser hundert Freunde in der Welt, als hundert Rubel in der Tasche, so lautet ein altes russisches Sprichwort. Ein Sprichwort, das derzeit wieder die Runde macht. Denn auf die eigene Landeswährung geben viele Russen nicht viel. Dollar und Euro, die gelten als sicher. Doch wie sich der Rubel zu Euro und Dollar verhält, dürfte schon bald weniger offensichtlich sein. Denn der russische Präsident Wladimir Putin will mit einem neuen Gesetz das Bild des Landes auf einen Schlag verändern: Die rot und grün leuchtenden Wechselkursschilder an jeder Straßenecke sollen bald der Vergangenheit angehören, sie sollen - so unken manche - auf den Misthaufen der Geschichte.

Ein neues Gesetz verbietet Banken und Wechselstuben, die Kurstafeln außerhalb ihrer eigenen Hallen anzubringen. Die genauen Bestimmungen der Zentralbank stehen zwar noch aus, nichtsdestotrotz sind die ersten Handwerker schon unterwegs: Die Moskauer Kreditbank, Russlands siebtgrößte Bank, hat die Kursanzeiger nun abgeschraubt.

Touristen könnten das neue Gesetz für eine Petitesse halten, gar für gesunde Stadtkosmetik, die die grell blinkenden Anzeigen aus dem Bild der Städte verbannt. Doch Kritiker sehen in dem Gesetz einen weiteren Angriff auf die Freiheit.

Der Kreml sagt, er wolle mit dem Gesetz die Verbraucher schützen. Illegale Wechselstuben würden die Bürger betrügen, teils dunkle Geschäfte im Schatten machen. Mit diesem Befund haben die Politiker recht, warum sie statt der illegalen Stuben aber die Schilder verbieten, wundert manchen Beobachter.

Kritiker des neuen Gesetzes glauben an eine dunklere Version der Dinge: Der Kreml wolle die wirtschaftliche Lage vor den eigenen Menschen verbergen. "Die Schilder mit den Wechselkursen erinnern die Bürger im ganzen Land ständig daran, was in Wahrheit mit unserer Volkswirtschaft passiert", schreibt Georgi Saratov, einstiger politischer Berater von Boris Jelzin. Und der russische Autor Oleg Kosirev schlägt in dieselbe Kerbe: "Die Wechselkurstafeln sind die letzten unabhängigen Massenmedien, die jedermann jeden Tag die Wahrheit sagen - deswegen hat man sie verboten."

Denn die umstrittenen Tafeln zeigen nicht nur das Auf und Ab der Kurse, nicht nur bloße Zahlen, sondern damit auch den wirtschaftlichen Zustand des Landes. Manche sagen gar: Am Kurs des Rubel lässt sich die gesamte jüngere Geschichte des Landes ablesen. Es war im Jahr 1991, mit dem Untergang der Sowjetunion, dass die Wechselstuben wie Pilze aus dem Boden schossen. Aus eigenen Bussen heraus reichten die Währungshändler Dollar und schrieben die Kurse auf Zettel. Wer konnte, flüchtete sich schon zu Zeiten der grassierenden Inflation in den ausgehenden 90er-Jahren in die US-Währung, erstand für um die sechs Rubel einen Dollar. Als das Land 1998 jedoch auf den Staatsbankrott zusteuerte, mussten Landsleute für einen Dollar bald schon knapp 30 Rubel hinlegen. Vor den Wechselstuben bildeten sich Schlangen, weil die Menschen nur noch eines wollten: raus aus dem Rubel, hinein in den Dollar. Ach was, hinein in irgendwas. Dollar, D-Mark, Yen - völlig egal.

Auch das vergangene Jahr war ein Achterbahn-Jahr für den Rubel. Als Anfang August bekannt wurde, dass die Amerikaner über harte Sanktionen nachdenken, fiel der Rubel drastisch. Der Grund: Es wurde bekannt, dass die USA russische Banken vom Dollar abkoppeln könnten. Statt um die 60 Rubel für einen Dollar mussten die Russen zeitweise mehr als 70 zahlen. "Ich glaube nicht, dass die Amerikaner diese nukleare Option einsetzen werden", sagt Russlandexpertin Daria Orlova von der Deka-Bank. Dass sich die Währung allerdings stabilisiert, steht ebenso wenig zu erwarten: "Für viele internationale Anleger bleibt der Rubel aufgrund der schwelenden Sanktionsdebatten riskant", sagt Orlova. Die russische Regierung will sich unterdessen vom verhassten Dollar lossagen, setzt in den Währungsreserven auf Gold. Will internationalen Handel stärker in Yuan und russischem Rubel abwickeln. "Und dafür ist eben auch wichtig, dass die Leute weniger über den Dollar nachdenken", sagt Ewgenij Kogan, Investmentbanker bei der Finanzgruppe Moskau Partner.

"Das ist ein weiterer Schritt, um das Finanzsystem unter Kontrolle zu bringen." Im Internet nehmen viele Russen das Verbot mit Ironie: Die Banken sollten ihre Schilder innen hinter Fenstern anschrauben, das würde das Gesetz nicht verbieten. Oder statt "68 Rubel je Dollar" einfach "68 Grad in Berlin" anzeigen.

Manchen ist allerdings nicht zum Spaßen zumute. Sie sehen den Schritt als Rückfall in sowjetische Zeiten. Zeiten, in denen das, was das Politbüro aus Zeitungen tilgte, vermeintlich auch nicht existierte. Aus den Augen, aus dem Sinn. Nur, da gab es noch kein Internet.

© SZ vom 25.01.2019
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