RSS-Feeds nutzen Selber sammeln

Wer sich für Nachrichten interessiert oder Blogs liest, sollte RSS-Feeds lesen. Sie sind der perfekte Gegenentwurf zu Facebooks Algorithmen.

Von Simon Hurtz

Echte Geheimtipps sind selten. Meist sind sie entweder nicht geheim, oder keine Empfehlung wert. Aber es gibt sie: RSS ist die tollste Technologie, die kaum jemand kennt - und das sollte sich ändern. Die drei Buchstaben stehen für Really Simple Syndication. Fast alle großen Webseiten bieten sogenannte Feeds an, die sich mit RSS-Readern abonnieren lassen. Sobald sich der Inhalt der Seite ändert, erzeugt das einen Eintrag im Feed. Wenn etwa auf SZ.de ein neuer Artikel erscheint, taucht er in der RSS-Struktur auf.

Das klingt banal, doch jeder, der sich für Nachrichten interessiert, regelmäßig Online-Medien besucht, spart mit RSS Klicks und ist besser informiert. Die Technologie gilt als kompliziert, dabei ist sie ganz einfach. Es braucht nur zwei Dinge: eine Webseite, die RSS unterstützt, und eine Software, die die Feeds sammelt. Wer etwa die Nachrichten von SZ.de, Zeit Online und Spiegel Online verfolgen will, muss nicht mehr jede Seite einzeln aufrufen und nachsehen, ob es Neues gibt.

Stattdessen landen die Texte gebündelt im RSS-Reader. Dort sieht man - je nach Einstellung - neben der Überschrift einen Kurztext und ein kleines Bild. Wer den Artikel lesen will, klickt darauf und landet dann auf der Webseite, auf der der Artikel publiziert wurde. Genauso ist es möglich, einzelne Ressorts oder Autoren zu abonnieren. RSS stammt aus dem vergangenen Jahrtausend, ist also ein Dinosaurier des Internets. Immer wieder wird dem Protokoll dasselbe Schicksal prognostiziert: Aussterben aus ungeklärten Umständen. Die Rolle des mutmaßlichen Meteoriten übernimmt dabei ein beliebter Bösewicht, der angeblich schon Myspace, den Journalismus und den demokratischen Diskurs auf dem Gewissen hat: Facebook.

Nutzer seien zu bequem, um sich ihre Nachrichten selbst zusammenzusuchen und informierten sich lieber in sozialen Medien, schreibt etwa Fabian Scherschel bei Heise und folgert: "RSS ist tot, und das ist eine Schande." Es sei zu kompliziert, nicht für den Alltagsgebrauch normaler Menschen konzipiert. Scherschel hat mit einer Sache recht: Der Tag, an dem der letzte RSS-Feed verschwindet und der letzte RSS-Reader dichtmacht, wäre ein trauriger. Dieses Schicksal ist aber noch längst nicht beschlossene Sache. Im Gegenteil: RSS lebt und ist bester Gesundheit.

Ende Juli kündigte Mozilla an, den eingebauten RSS-Reader aus dem Firefox-Browser zu entfernen. Was nach einem Sargnagel klingt und wohl auch Anlass für Scherschels Abgesang war, ist bei genauerem Hinsehen kein Grund zur Panik. 99,9 Prozent der Firefox-Nutzer hätten diese Funktion ohnehin nie verwendet, teilt das Unternehmen mit. Stattdessen verwenden sie spezialisierte Dienste wie Feedly, Inoreader oder The Old Reader, die eigene Apps und Webseiten dafür anbieten. Im Frühjahr stellte die Wired die drei Unternehmen vor und sprach mit den Gründern. Uns geht es prächtig, sagten sie, wir wachsen. Ein paar Monate später erhielt die Tagesschau die gleiche Antwort, und auch auf SZ-Anfrage heißt es: Keine Sorge, der Facebook-Meteorit ist noch nicht eingeschlagen.

Soziale Netzwerke nehmen dem Nutzer die Auswahl von Nachrichten ab

"Ich kann es auch nicht richtig erklären", sagte Dave Winer der Wired. Der Programmierer hat mehrere wichtige Web-Protokolle mitentwickelt, darunter RSS. Angesichts des "Missbrauchs", den die Technologie erfahren habe, habe er Schlimmeres befürchtet. Damit meint er unter anderem Google. Vor fünf Jahren stellte das Unternehmen den Google Reader ein, zu diesem Zeitpunkt das beliebteste Werkzeug, um RSS-Feeds zu lesen. Die Nutzer waren kurz wütend - wanderten dann aber nicht zu Facebook ab, sondern suchten sich Alternativen. Binnen 48 Stunden meldeten sich damals mehr als eine halbe Million Menschen bei Feedly an, mittlerweile nutzen mehr als 15 Millionen Menschen den Dienst.

Das Versprechen sozialer Netzwerke lautet: Wir zeigen dir, was dich wirklich interessiert. Wir nehmen dir alle Entscheidungen ab und sortieren die Inhalte für dich. Welche Kriterien unsere Algorithmen dafür nutzen, muss dich nicht kümmern. Vertrau uns einfach. Für die breite Masse scheint das zu passen. Mehr als 2,2 Milliarden Menschen nutzen Facebook, der personalisierte Newsfeed hat maßgeblich zum Erfolg des Netzwerks beigetragen. Auch Twitter ist längst von der ursprünglich chronologisch sortierten Timeline abgerückt. Jetzt entscheiden Algorithmen, was für die einzelnen Nutzer angeblich relevant ist und welche Tweets zuerst angezeigt werden. Facebook ist wie eine Kantine: Indem Nutzer bestimmten Seiten folgen und ihre Freunde auswählen, können sie zumindest die Grundzutaten ihres Medienmenüs selbst bestimmen. Sie haben die Wahl zwischen Fleisch, Vegetarisch und Salat. Manchmal schmeckt es, manchmal ist es versalzen. Wer RSS-Reader nutzt, kocht selbst: Er weiß genau, was in den Topf kommt, und kann jeden Tag neu entscheiden, worauf er Lust hat.

Das macht mehr Mühe, und viele Menschen gehen lieber essen. Doch Facebook ist kein Sternekoch. Immer wieder übertreibt es das Netzwerk mit dem Chili: Bei politischen Themen dominieren Wut und Empörung - die Algorithmen reagieren auf Interaktion, und Menschen liken und teilen vor allem Inhalte, die sie emotional berühren. Das Ergebnis serviert täglich der Dienst 10 000 Flies, der die Artikel mit den meisten Facebook-Interaktionen sammelt. Es ist ein dystopisches Paralleluniversum. Regelmäßig werden Falschmeldungen zehntausendfach geteilt.

Das hat auch Facebook gemerkt und zeigt seit Anfang des Jahres weniger Links zu Online-Medien im Newsfeed an. Urlaubsfotos von Freunden statt Nachrichten von Journalisten, Hochzeiten und Katzen statt Flüchtlinge und Klimawandel. Das muss nicht schlecht sein. Als soziales Netzwerk, das Menschen verbindet, ist Facebook groß geworden. Als globale Plattform, auf der Menschen sich über das Weltgeschehen informieren, ist es in die Krise geraten. Zum Glück gibt es gute Alternativen. Die beste heißt RSS.

Tipps zum Einrichten und Nutzen eines RSS-Readers unter www.sz.de/rss-tipps.