In seinem Büro in Burgwedel bei Hannover steht Raoul Roßmann, 41, im Tennisdress in Jubelpose mit nach oben gestrecktem Schläger in der Hand – aber nur als gerahmte KI-Bleistiftzeichnung in einem Fach der Regalwand. Der Rossmann-Chef, der die Drogerie vor fünf Jahren von seinem Vater Dirk Roßmann übernahm, liebt Tennis. Und Schachspielen. Und, ja, vermutlich auch KI-Bilder, zumindest postet er sie häufiger auf seinem Linkedin-Profil. An diesem Montagvormittag sitzt er ziemlich entspannt auf einer Couch mit Blick auf ebenjenes KI-Bild. Doch die Gemütlichkeit verfliegt schnell: Geht es um Politik, wird er emotional.
SZ: Herr Roßmann, Sie haben sich immer wieder gegen die AfD ausgesprochen. Jetzt liegt sie in Umfragen vorn. Wie frustrierend ist das?
Raoul Roßmann: Mich frustriert momentan weniger der Zugewinn der AfD, auch wenn ich ihn als besorgniserregend wahrnehme. Mich frustriert, dass die Bundesregierung ihren Handlungsspielraum nicht nutzt. Was wirkt, ist kluge Politik im Sinne der Menschen.
Würden Reiche wie Sie nicht profitieren, wenn die AfD an die Macht käme?
Ganz im Gegenteil. Wir haben durch die Regierung Orbán in Ungarn, die ich als AfD-ähnlich bezeichnen würde, große Nachteile erfahren. Und ich bin überaus dankbar, dass Herr Orbán abgewählt worden ist. Es profitieren vielleicht einige wenige Monopolisten, wie das in den USA passiert, die sich Trump annähern. Aber viele Unternehmen verlieren dabei.
Sie haben auch jemanden aus Ihrem Freundeskreis erfolgreich von der AfD weggebracht, stimmt das?
Ja, bei der letzten Wahl. Mit Wählern muss man reden. Mit den Argumenten der AfD muss man sich auseinandersetzen. Aber sie hoffähig machen, indem man sie einlädt? Nein. Ich möchte Björn Höcke nicht bei uns in der Firma begrüßen.
Zuletzt stand der Verband der Familienunternehmer in der Kritik, weil er die AfD eingeladen hatte. Sie sind daraufhin aus dem Verband ausgetreten. Mittlerweile hat sich der Verband von der AfD distanziert …
… Ich bin trotzdem nicht wieder eingetreten. Mein Grund, aus dem Verband auszutreten, war auch, dass wir uns dort nicht aktiv eingebracht und den Meinungsbildungsprozess mitgestaltet haben.
Ihrem Konkurrenten, Christoph Werner von dm, wurde bei der ganzen Debatte AfD-Nähe unterstellt. Tat er Ihnen leid?
Ja, Christoph tat mir leid. Er hat keine AfD-nahe Position. Er wollte sich nicht vorgeben lassen, wie er sich zu entscheiden hat. Das verstehe ich. Die Problematik war: Es gab keine Dialogbereitschaft seitens der Öffentlichkeit, sondern sofort eine Lagerbildung, vor allem auf Social Media. Die Frage lautete: Bist du für oder gegen mich?
Sie haben im Nachgang zu dem Austritt gesagt: „Ich möchte schon entscheiden, mit wem ich rede und mit wem nicht.“ Ist das nicht die Cancel-Culture, die Sie ablehnen?
Unterschiedliche Meinungen kann ich wunderbar aushalten. Aber wenn ich Verachtung spüre, tue ich mich schwer, die Hand zu reichen. Und viele AfD-Politiker haben einen verachtenden Umgang mit anderen.
Rossmann boykottiert Tesla seit 2024, die Firma von AfD-Förderer Elon Musk. Ist das nicht auch Cancel-Culture?
Als Kunde darf ich entscheiden, welche Marken ich bevorzuge. Und ich wollte den Wahlkampf von Herrn Trump nicht mitfinanzieren. Elon Musk hat sich ganz klar für ihn ausgesprochen und damit eine Klimapolitik unterstützt, die nicht in unserem Interesse sein kann. Zudem hat er sich mit einer unglaublichen Penetranz in europäische Angelegenheiten eingemischt — da kam in mir einfach der Wunsch auf, mich zu wehren.
Auf X, der Plattform von Musk, sind Sie dann gebasht worden, auf Instagram dagegen gefeiert. Sind es eher Handlungen einzelner Personen, die spalten, oder ist es eher Social Media?
Social Media hat einen Konstruktionsfehler. Es werden Meinungen dort nicht gebündelt und diskursfähig gemacht. Darum geht es aber in der Demokratie. Wenn Millionen Stimmen gleichzeitig durcheinanderreden, ist das keine Grundlage mehr für ein gutes Gemeinwesen.
Viele Junge lesen dort doch auch die Nachrichtenseiten.
Das tue ich ja auch. Aber die Gefahr der Desinformation ist auf Social Media dramatisch höher als in der Tageszeitung. Es gibt kein Korrektiv, keine Richtigstellung mehr.
Tragen Sie selbst zum aggressiven Unterton auf Social Media bei?
Das tue ich nicht. Ich versuche, auch Leuten zu antworten, die eigentlich keine Antwort verdient hätten, weil sie so aggressiv sind. Manchmal hat die offene Ablehnung auch etwas Gutes. Dadurch wird mir bewusst, in welchem Paradies ich lebe, in der Firma, aber auch privat. Und dann ist es mal gut, das Paradies kurz zu verlassen.
Sie posten selbst auch viel auf der Karriereplattform Linkedin. Wie viel Selbstvermarktung gehört heute als Unternehmenschef dazu?
Wir haben so viele andere Mitarbeiter, die für dieses Unternehmen leben und schwärmen. Da hat das Unternehmen mich nicht nötig.
Ist Ihr soziales Engagement auch Teil der Selbstinszenierung?
Nein, ich habe zwei Jahre darüber nachgedacht, weil unsere Spendensumme nicht mit den Vermögensverhältnissen mitgewachsen ist. Da kam mir die Idee, Spenden mit in die Gesellschaftssatzung aufzunehmen. Als Erinnerung an künftige Generationen, dass dieses Unternehmen mehr ist als nur die Absicherung des privaten Wohlstands.
Rossmann spendet ein Prozent des Gewinns und des Eigenkapitals. Ist das Limit steuerlich motiviert?
Nein, man kann deutlich mehr absetzen. Aber welche sinnvollen Projekte findet man überhaupt? Es gibt Stiftungen, die arbeiten hochgradig ineffizient.
Wären Sie für eine höhere Erbschaftsteuer?
Wir hätten das ohne Weiteres ausgehalten und auch gern bezahlt. Ich kann aber nicht für andere sprechen. Das Problem in Deutschland ist: Eine Vermögensteuer wäre schrecklich ineffizient. Wir haben zwar eine Erbschaftsteuer, welche allerdings nicht ausgereift zu sein scheint, weil sie hohe Vermögen begünstigt oder großenteils außen vor lässt. Mein Vorschlag wäre: Lasst uns diese Erbschaftsteuer effizienter gestalten. Das ist leichter, als eine Vermögensteuer neu einzuführen.
Sie haben ein größeres Vermögen, als eine Kassiererin bei Rossmann je erarbeiten kann. Ist das gerecht?
Nein, das ist überhaupt nicht gerecht. Und dennoch würde ich sagen, dass dieses Modell trotzdem das Beste für alle ist. Wirtschaftsmodelle müssen nicht moralisch einwandfrei sein. Sie müssen Menschen die Freiheit geben, durch Leistung materiell unabhängig leben zu können. Die soziale Absicherung im Härtefall garantiert der Staat. Wirtschaftssysteme, die Gerechtigkeit für alle anstreben, scheitern in der Regel.
Ist die AfD-Stärke eine Folge der Schere zwischen Arm und Reich?
Rechtspopulismus ist – erschreckenderweise – ein globaler Trend. Ihn gibt es genauso in Schweden, Dänemark oder Polen, wo von wirtschaftlicher Stagnation keine Rede ist. Ungleichheit kann eine Rolle spielen. Aber der eigentliche Grund ist die Perspektivlosigkeit.
Würde eine Gewinnbeteiligung die Kluft zwischen Arm und Reich verringern?
Wir haben das geprüft. Aber wir haben einen 40-prozentigen Anteilseigner in Hongkong, da können wir nicht einfach entscheiden, dass wir 50 Prozent an unsere Mitarbeiter ausschütten.
Hongkong ist heute Teil des Einparteienstaats China. Wie vereinbaren Sie das mit Ihrem Demokratieengagement?
Diese geschäftliche Beziehung hat keinen Einfluss auf unser Demokratieverständnis. Ich kann auch nur Mutmaßungen darüber anstellen, wie der Watson-Anteilseigner Li Ka-shing über den Machtwechsel in Hongkong denkt. Auf das vertrauensvolle Verhältnis zwischen uns hatte es jedenfalls keinen Einfluss. Familienunternehmer sind manchmal freier als die Länder, in denen sie ihren Sitz haben.
Bei Viktor Orbán haben Sie sich deutlicher positioniert.
Weil ich nicht nur deutscher, sondern auch europäischer Staatsbürger bin. Und weil Orbán dazu beigetragen hat, dass diese Europäische Union Fliehkräfte entwickelt, die mir als Europäer nicht zusagen.
Rossmann hat Windeln nach Gaza geschickt, die erst nach einem Jahr wegen der Blockade Israels ankamen. Wie schwierig ist es, die israelische Regierung dafür zu kritisieren?
Ich hege keinen Groll, bin aber bestürzt darüber, was sich beide Seiten gegenseitig antun. Wir stehen in unserer geschichtlichen Verantwortung, Israel zu helfen, wenn es angegriffen wird. Aber gerade in guten Freundschaften sollten wir auch kritisieren können und so den anderen vor Fehlern bewahren.
Unterdrückt Deutschland Kritik an Israels Regierung aus falscher Schuldkultur?
Nicht mehr heute. Ich weiß, dass Friedrich Merz vom Vorgehen Netanjahus unfassbar frustriert ist und zu Beginn seiner Regierungszeit noch anders eingestellt war.
Sie haben die Gaza-Hilfe sehr defensiv kommuniziert. Warum?
Ich wollte nicht wieder eine Lagerbildung hervorrufen.
Das muss man schon befürchten, oder?
Total. Ich kann mich aber auch mal zurücknehmen. Bei „Herrn Tesla“ war das nicht der Fall, Elon Musk hat sich chronisch in die deutsche Politik eingemischt. Da habe ich ein Recht, mich zu wehren.
Mit wem diskutieren Sie solche Dinge, beispielsweise die Gaza-Thematik?
Bei diesem Beispiel? Das muss ich nicht groß diskutieren, da stand einfach mein Versprechen im Raum, Unicef bei nächstbietender Gelegenheit zu helfen.
Warum interessieren Sie sich so für Philanthropie?
Weil sie ein gutes Instrument neben dem Sozialstaat ist. Dieser verteilt gut um, spart aber selten. Die Bürokratieblase wächst.
Sprechen Sie wichtige Spenden mit Ihrem Vater ab?
Nur bei Spenden über 100 000 Euro. Er kennt die größten Projekte und findet die richtig gut, auch ich kenne sein Engagement.
Und ganz ehrlich, wie finden Sie seine Bücher?
Seine Biografie finde ich herausragend. Bei den drei „Oktopus“-Thrillern – da ist seine Faszination größer als meine. Ich lese eigentlich nur Klassiker und suche in der Literatur eine Entschleunigung, keine Beschleunigung meines Lebens. Den dritten Teil habe ich aber sehr gerne gelesen.
Fragt er Sie dann wirklich: War das gut?
Natürlich, aber wir sind manchmal hier in unterschiedlichen Welten unterwegs. Er hat dafür gekämpft, in den Bestsellerlisten mitzuspielen. Ich freue mich, dass er sich neben der Firma, die so lange sein Leben geprägt hat, auch für andere Dinge begeistern kann.
Wie schwierig war es, sich vom Vater zu lösen?
Für beide Seiten ist es schwer. Aber durch meine Mutter, meinen Bruder und den Familienzusammenhalt haben wir beide einen Weg gefunden: Er kann mir vertrauen, und ich weiß bis heute, wo er gerne einbezogen werden möchte.
Sie haben früher auch gerne mit Ihrem Vater Schach gespielt. Mittlerweile haben Sie bei der Onlineplattform chess.com die 2000 Punkte geknackt und sind ein Topspieler.
Ja, endlich geschafft. Aber am Ende war es nur noch eine Selbstquälerei. Wenn man verkrampft ist, erreicht man nichts. Jetzt ist Ruhe eingekehrt, ich spiele zwar immer noch gerne. Aber die Verbissenheit hat nachgelassen.
Lässt sich das auf Ihren Führungsstil übertragen?
Beim Schach ist man Einzelkämpfer, im Unternehmen spielen wir im Team. Da gibt es glücklicherweise Menschen, die einen auch bremsen. Insofern ticke ich da anders als beim Schach.
Werden Ihre Kinder das hier alles mal übernehmen?
Das weiß ich nicht. Mein Bruder hat auch Kinder. Fest steht: Es sollte der bestmögliche Nachfolger sein. Und wenn dieser nicht in der Familie zu finden ist, dann außerhalb.
Ein ganz schöner Druck für Ihre Kinder …
Das ist überhaupt kein Druck. Druck wäre es, wenn die Erwartung im Raum stehen würde, dass sie es auf jeden Fall machen müssten. Die über 60 000 Mitarbeiter vertrauen darauf, dass wir einen bestmöglichen Job machen. Die private Wohlstandvermehrung der Erben ist da nebensächlich – und sowieso längst abgeschlossen. Jeder wird genug haben.



