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Bei uns in Rom:Tragödien am Tiber

Die Hauptstädter schicken ihren Müll jetzt schon nach Neapel, selbst die Friedhöfe nehmen keine Särge mehr an: Warum Rom gerade eine ganze Menge Probleme hat.

Von Ulrike Sauer

Zeiten sind das nun ja, in denen das Hässliche mehr denn je gefällt. Ugly Chic, Sadwear, Hatewear. Hässlich, trist, hasserfüllt - egal wie man den angesagten Modestil nennt: Geschmacklosigkeit ist gerade Trumpf. Natürlich hat das auch mit der Pandemie zu tun. "Die Mode spiegelt wider, was sie umgibt", sagt die italienische Designerin Miuccia Prada, die vor 25 Jahren der unschönen Eleganz zum Durchbruch verhalf. Neu ist das Phänomen also nicht, die deprimierenden Folgen von Corona sind aber unübersehbar. Sinn fürs Schöne? Zu banal.

Rom ist da in gewisser Weise ein Sonderfall. Wo sonst kleidet Hässlichkeit die Menschen so gut wie in der italienischen Stadt der Schande? Die modische Ästhetik ist - frei nach Prada - eine Reaktion auf die Gegenwart, und die Gegenwart ist einfach scheußlich. Und daran ist in der Hauptstadt nicht das Virus schuld.

Zwar hängt dem ganzen Land die Litanei von Dreck, Müll, Kollaps des öffentlichen Nahverkehrs, zerlöcherten Straßen und komatöser Bürokratie zum Hals raus. Doch nach Ostern machte Rom dann trotzdem wieder von sich reden. Zunächst sorgte eine Mann-beißt-Hund-Nachricht für Aufsehen. Die römische Stadtverwaltung der Fünf-Sterne-Bürgermeisterin Virginia Raggi wandte sich in ihrer Verzweiflung an Neapel, um im akut verschärften Müllnotstand Beistand zu erflehen. Richtig, ausgerechnet an Neapel. Die Vesuvstadt hatte international für Schlagzeilen gesorgt, als sie von 1994 bis 2012 immer wieder im Abfall zu versinken drohte. Doch dann bekamen die Neapolitaner das Problem in den Griff. Nun sollen sie sich dazu erbarmen, der Hauptstadt am Tag 100 Tonnen Restmüll abzunehmen. Denn anders als in Neapel hat sich in Rom in den vergangenen fünf Jahren unter Raggi nichts geändert. Jedenfalls nicht zum Besseren. Bis heute karren täglich 180 Schwerlaster Roms Müll in zehn italienische Regionen fort. Bald auch nach Neapel. Der Mülltourismus kostete die Römer seit 2016 eine Milliarde Euro.

Ihrem miesen Ruf machte die Hauptstadt dann auch mit der Meldung alle Ehre, dass in den Leichenhallen der Friedhöfe mehr als 1500 Särge auf die Kremation warten. "Verzeih mir, mamma, dass ich dich noch immer nicht bestatten konnte", entschuldigt sich jemand auf Riesenplakaten bei der verstorbenen Mutter. Am Dienstag nun informierte die Stadt die Beerdigungsinstitute, dass die Friedhöfe keine Särge mehr annehmen. Angehörige, die ihre Verstorbenen einäschern möchten, müssen sich an andere Städte wenden. Wie, pardon, die Müllabfuhr. Überraschend ist das nicht. Schon 2017 fasste Roms Stadtrat den Beschluss zum Bau neuer Krematorien, um die steigende Nachfrage bewältigen zu können. Geschehen ist nichts. Die Missstände begleiten die Römer bis ins Grab.

© SZ
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