Rollrasen Gras für Millionen

Die Arena in Amsterdam brauchte als eine der ersten Europas Spezialrasen.

(Foto: Remko de Waal/AFP)

Der niederrheinische Familienbetrieb Peiffer liefert das Grün für Fußballclubs in aller Welt. Er hat die richtige Züchtung. Jetzt bedroht Hybridrasen den Markt.

Von Janis Beenen, Düsseldorf

Das alte Wembley-Stadion hätte Arnd Peiffer gerne noch beliefert. "Der Rasen sah immer überragend aus - schon bevor es viele Hilfsmittel gab", sagt der 40-Jährige. Der Mann ist Rasenproduzent und will mehr als Vorgärten aufhübschen. Wer am Dienstag die Champions League einschaltet, kann Peiffers Werk kaum entgehen - auch ohne Wembley. Auf Schalke, in Brügge und in Istanbul wird auf seinem Rasen gespielt. Auch Bayern München und Benfica Lissabon gehören zu den Kunden des Familienbetriebs aus Willich - ein optimaler Ort für Rollrasen. Die Landschaft dort ist wie eigentlich jede andere am Niederrhein, nämlich platt. Die Bodenbeschaffenheit stimmt auch.

Auf diesem wirklich sehr platten Land tüftelte Peiffers Großvater in den Siebzigerjahren an der Innovation. "Rollrasen war neu, ihn zu züchten, ernten und verlegen, eine Herausforderung", sagt Peiffer. Der Großvater ermöglichte den Aufstieg von der kleinen Gartenbaufirma zum gefragten Lieferanten im Millionengeschäft.

Erste Vereine aus der Region bestellten rasch, doch richtig ging das Geschäft erst um das Jahr 2000 los. Die Zeit der Mehrzweck-Stadien begann. Am Freitag spielt Helene Fischer, am Sonntag die Bundesliga. Der Rollrasen kann gleich nach dem Konzert wieder ausgebreitet werden und ist schon Stunden später bespielbar. Der Rollrasen ermöglicht die dichte Abfolge der Events erst. Zudem werden die Arenen heute enger gebaut, die Tribünendächer rückten näher an den Platz. Das macht spezielle Rasenzüchtungen, die mit wenig Sonne und Wind auskommen, unabdingbar. Etliche Anbieter solcher Rasen buhlen um den Markt, aus dem In- und Ausland. Sie alle suchen nach der besten Züchtung und wetteifern um Aufträge reicher Clubs.

Deren Experten sind wählerisch. Georg Schmitz kümmert sich seit 21 Jahren um die Anlagen von Bayer Leverkusen. "Einen neuen Rasen schaue ich mir erst auf dem Feld an", sagt Schmitz. Die Zusammensetzung der Gräser muss genau zum Stadion passen, formstabil und wasserdurchlässig soll der Rasen sein. Zudem ist erforderlich, dass auch dann nachgesät werden kann, wenn alle paar Tage auf ihm Fußball gespielt wird.

Amsterdam spielte im Leben von Arnd Peiffer eine wichtige Rolle. Die Betreiber der dortigen Arena waren enttäuscht, ehe sie Peiffer kennenlernten. Sie hatten ein tolles Stadion, nur der Rasen war schon nach wenigen Wochen im Dauerschatten tot. Peiffer sollte helfen - mit Erfolg. Die Wiese lebte mehrere Monate auch im Dauerschatten. Weitere Aufträge folgten, darunter Einsätze bei Real Madrid und Manchester United. In der Bundesliga ist Peiffer ohnehin führend, versorgt die Hälfte der Mannschaften. Züchten lässt er mittlerweile auf etlichen Hektar Land. "Wenn du in der TV-Konferenz ständig deinen Rasen siehst, ist das schon ein tolles Gefühl," sagt Peiffer.

Wobei, richtig genießen kann er das Spiel nicht. Wenn der Platz von Grätschen umgepflügt wird, leide er vor dem Fernseher, sagt er. Und er weiß: Sein Team muss ständig ran ans Grün. Fußball ist heute eine große Inszenierung, da muss alles perfekt sein. Häufig werde Rasen noch in gutem Zustand ausgetauscht, sagt Peiffer. Etwa 40 000 Euro kostet ein frischer Platz, der Quadratmeterpreis liegt bei etwa zehn Euro. Ein überschaubarer Betrag für viele Vereine. Teurer sind häufig Transport und Verlegung.

Die Logistik ist spektakulär und für Umweltschützer wohl Unfug. In diesem Jahr fuhren Peiffers Leute sieben Tage lang bis nach Samara, dem russischen WM-Spielort irgendwo zwischen Moskau und der kasachischen Grenze: 25 Lkw transportierten Geräte und riesige Rollen Rasen. Für so eine Reise wird das Gras schockgefrostet und kühl transportiert, sodass kein Leben mehr in den Pflanzen ist. So ist auch nach Tausenden Kilometern alles frisch.

Die langen Anfahrten sind erforderlich, weil die Vereine ihre eigenen Vorstellungen haben. Peiffer hetzt den Kundenwünschen hinterher. Rollrasen ist manchen nicht mehr gut genug. Hybridrasen liegt im Trend: Naturrasen verstärkt mit Kunstfasern. Der soll für mehr Stabilität und Haltbarkeit sorgen und ist teurer. Bei Peiffer tüfteln sie daran. Janis Beenen