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Roland Berger und Deloitte:Sie üben noch

Roland Berger und Deloitte verzichten auf den großen Deal, die Blamage ist riesig. Den Strategen bleibt nichts anderes übrig, als das Desaster schönzureden.

Das war ein Rohrkrepierer, wie man ihn in der Wirtschaft selten erlebt. Die Unternehmensberatung Roland Berger verhandelt mit der US-Consultingfirma Deloitte über einen Zusammenschluss. Alles ist ausgehandelt, sogar der Name der neuen Gesellschaft steht fest. Doch dann bringen die etwa 180 Berger-Partner den schönen Plan ihrer Chefs zu Fall. Die Blamage ist riesig. Am Tag danach bleibt den Strategen bei Berger nichts anderes mehr übrig, als das Desaster schönzureden.

Opposition kritisiert Opel-Koordinator Roland Berger

Roland Berger bleibt Roland Berger (Foto), Deloitte bleibt Deloitte - der Zusammenschluss ist geplatzt.

(Foto: ag.ddp)

Der jäh abgeblasene Versuch des deutschen Marktführers, bei einem amerikanischen Beratungsriesen unterzukommen, ist der Ausdruck der wachsenden Unsicherheit im internationalen Beratergewerbe. Über Jahrzehnte galten die schneidigen jungen Herren mit den schönen Patentlösungen und den dunklen Anzügen als Heilsbringer-Branche mit Tagessätzen, die schon mal 10.000 Euro erreichen konnten. Doch inzwischen zeigt sich, dass die Berater sich ändern müssen, dass es nicht mehr reicht, ein paar schöne Folien aufzulegen, um bei den Konzernchefs Eindruck zu machen. Die Zeiten des automatischen Wachstums sind für die Branche vorbei. Das gilt vor allem für die klassischen Strategieberater wie McKinsey oder Boston Consulting (BCG). Es trifft aber auch zu auf Beraterfirmen wie Roland Berger, die auf Sanierungen spezialisiert sind.

Die großen Unternehmen haben dazugelernt, nicht zuletzt von den Beratern. Sie wissen inzwischen selbst, wie man Kosten senkt oder neue Strategien findet. Die Vorstände sind nicht mehr bereit, ohne weiteres die Sprüche der Beratertruppen zu akzeptieren. Sie erwarten zunehmend, dass die Consultants auch die Mühen auf sich nehmen, die schönen Ideen in die Praxis umzusetzen. Es reicht für die Berater nicht mehr, die Architekten zu sein für schönen Schein, sie müssen auch Handwerker sein, die papierene Konzepte in der Realität von Produktion oder Administration bringen.

Die Berater müssen verstärkt in die Fabriken gehen oder in die EDV-Abteilungen, sie müssen dort sein, wo die Arbeit mühsam ist und unauffällig. Aber dafür können sie keine Architektensätze verlangen, sondern nur Handwerkertarife. Wer in dieser Industrie noch wachsen will, muss sich zunehmend auf schlechtere Preise einlassen. Das gefällt nicht jedem. Die Alternative ist, sich mit der exklusiven Chef- und Strategieberatung zufriedenzugeben. Das heißt aber, auf das gewohnte Wachstum der Vergangenheit zu verzichten.

Herunter vom hohen Ross

Die Berater, die schon in der jüngsten Wirtschaftskrise einen Rückgang ihrer Geschäfte hinnehmen mussten, stehen vor unruhigen Zeiten. Die Herren müssen von ihrem hohen Ross herunter und sich der Realität stellen. Roland Berger, der Gründer der Münchner Firma, die seinen Namen trägt, hat diese Entwicklung offenbar erkannt. Er hat die Fühler ausgestreckt und einen internationalen Partner gefunden, der sich auf die Implementierung versteht und der zugleich in der ganzen Welt vertreten ist. Mit diesem Zusammenschluss wären die beiden entscheidenden strategischen Schwächen der Münchner überwunden gewesen.

Die Berger-Partner haben sich anders entschieden, weil sie ihre unternehmerische Selbständigkeit nicht verlieren wollten. Sie werden schon bald zu spüren bekommen, dass ihr Geschäft nicht mehr dasselbe ist wie zu den Zeiten, als der junge Roland Berger in den sechziger Jahren seine Firma gründete.

© SZ vom 23.11.2010/mel

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