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Rohstoffmarkt:Warum die Saudis die Ölpreise drücken

Die führenden Mitglieder des Opec-Kartells sind Länder von der Arabischen Halbinsel. Im Bild (von links) der Energieminister der Vereinigten Arabischen Emirate und seine Kollegen aus Katar, Saudi-Arabien, Bahrain, Kuwait und Oman bei einem Treffen in Riad im Jahr 2013.

(Foto: AFP)

Es ist paradox: Trotz der Kriege im Nahen Osten und der Ukraine sinkt der Ölpreis seit Monaten. Doch die einflussreichsten Mitglieder des Opec-Kartells nehmen lieber Verluste in Kauf, als Macht an die neue Konkurrenz abzugeben.

Von Jan Willmroth

Es war einer dieser seltenen Momente, Anfang dieser Woche, als Saudi-Arabien der Welt klar machte, wie viel Einfluss das Königreich im Nahen Osten immer noch auf den weltweiten Ölmarkt hat und wie aufmerksam seine Entscheidungen über die Ölproduktion beäugt werden: Vertreter des Landes ließen Händler in New York wissen, Saudi-Arabien plane keine Förderkürzungen, worüber monatelang spekuliert worden war. Der niedrige Ölpreis, so scheint es, kommt den Saudis gar nicht ungelegen.

Seit vier Monaten kennt der Preis für ein Barrel Öl (etwa 159 Liter) allen Krisen der Welt zum Trotz nur einen Weg: nach unten. Nachdem er am Montag den tiefsten Stand seit vier Jahren erreicht hatte, sank er im Lauf der Woche teils deutlich unter 85 Dollar. Die Ansage Saudi-Arabiens, nicht weniger Öl aus dem Boden zu holen, um den Preis zu stützen, verstärkte den Trend.

Auf den ersten Blick wirkt die Sache paradox: Zwar tobt im Irak und in Syrien, dort also, wo viel Öl liegt, der blutige Konflikt mit der Terrormiliz Islamischer Staat. Und mit Russland ist auch noch der zweitgrößte Öl-Exporteur der Welt in einen Krieg in der Ukraine verwickelt.

Den großen Trend aber, der sich gerade am Ölmarkt abzeichnet, beeinflusst das kaum. Denn, so viel wird auf den zweiten Blick deutlich, beim Ölpreis zeigen sich die Folgen steigender oder fallender Preise immer erst um Jahre verzögert. Und so erlebt die Welt gerade die Folgen der seit mehr als zehn Jahren - bis auf einen vorübergehenden Absturz in der Weltwirtschaftskrise zwischen 2008 und 2011 - gestiegenen Preise, die teure Investitionen in neue Quellen attraktiv erscheinen ließen.

Mehr Öl als je zuvor verfügbar

Neue Förderquellen wurden in den vergangenen Jahren erschlossen. Die Nutzung von Ölsanden in Kanada und die Fracking-Technologie in den USA ließen das Angebot stark steigen. Die Nachfrage aber stieg nicht so sehr wie von vielen erwartet. Jetzt ist so viel Öl verfügbar wie nie zuvor, aber es gibt nicht mehr Abnehmer. "Das hat den Druck auf den Ölpreis reduziert", sagt der Kölner Energieökonom Marc Bettzüge.

Und genau deshalb schauen mit einem Mal wieder alle auf die Opec, das in die Jahre gekommene Kartell Erdöl produzierender Länder. Deshalb gewinnt eine Institution, die viele bereits abgeschrieben hatten, zumindest vorübergehend wieder an Macht. Beschließen die Opec-Mitglieder, weniger Öl zu fördern, können sie den Preis stabilisieren - denn noch immer kontrolliert die von den Nahost-Mitgliedern angeführte Gruppe mehr als 40 Prozent der weltweiten Ölförderung.

Willkommener Nebeneffekt

Kurzfristig könnte das Kartell also eingreifen und seine Fördermenge kürzen. Einige Mitglieder haben ein großes Interesse an höheren Preisen, denn jedes Opec-Land weiß genau, wie viel Öl mindestens kosten muss, um einen ausgeglichenen Haushalt zu haben. Vor allem Venezuela bekommt Probleme, wenn der Preis für ein Barrel Öl unter die 100-Dollar-Marke sinkt.

Der Haken ist nur: Es mag den Preis für kurze Zeit stützen, wenn die Opec weniger Öl fördert. Aber wenn nicht Ölförderländer außerhalb des Kartells mitziehen, wird es schwierig. "Für Saudi-Arabien wird es immer teurer, die Fördermengen zu kürzen", sagt Gernot Klepper vom Kieler Institut für Weltwirtschaft. Die höheren Preise reichten bei geringerer Produktion nicht aus, die Öleinnahmen aufrecht zu erhalten. Fährt die Opec ihre Produktion zurück, heißt das also noch lange nicht, dass die Kartellstaaten auch mehr verdienen. Fällt der Preis weiter, geraten die Länder in massive Schwierigkeiten.

Wie riskant die Manipulation der Produktionsmengen sein kann und wie wenig Macht manche Länder auch bei großen Marktanteilen haben, hat Saudi-Arabien schon einmal erlebt, als der Preis für ein Fass Öl in den Achtzigerjahren noch heftiger fiel als jetzt. Damals begann der Boom des Offshore-Öls in der Nordsee, nachdem die beiden Ölkrisen 1973 und 1979 zu einer deutlich geringeren Nachfrage geführt hatten.

Das saudische Königreich versuchte, den Preisverfall aufzuhalten, und schrumpfte seine Produktion von zehn Millionen Barrel im Jahr 1980 auf 2,5 Millionen fünf Jahre später. Trotzdem fiel der Preis weiter, von 35 auf nur noch zehn Dollar. Andere Produzenten zogen nicht mit, neue Anbieter wie Großbritannien und Norwegen machten ihre eigenen Geschäfte. Es dauerte 16 Jahre, bis sich das Land im Nahen Osten davon erholte und seinen Haushalt wieder ausgleichen konnte.

Teure Förderung in der Arktis

Es sieht so aus, als hätte das Land aus der Zeit gelernt. Alles deutet darauf hin, dass Saudi-Arabien abwarten wird, bis der Preis von allein eine Untergrenze erreicht. Für ein oder zwei Jahre könnten die Saudis mit Preisen um 80 Dollar pro Fass leben, wurde aus New York berichtet. Damit könnte das Königreich aus dem Nahen Osten die neue Konkurrenz, die vor allem in den USA entstanden ist, auf Abstand halten: Dort werden Tiefsee-Gebiete oder die Arktis zur Ölförderung erschlossen, doch diese teuren Investitionen lohnen sich oft erst ab Preisen von mehr als 90 Dollar. "Aus saudischer Sicht wäre das wohl ein willkommener Nebeneffekt niedriger Preise", sagt Ressourcenökonom Klepper.

Es bleibt die Frage, wie mächtig die Opec langfristig als Kartell agieren kann. Die Mitgliedsländer sind zerstritten wie selten zuvor, und ihr Anteil am weltweit verschifften Öl wird nicht mehr steigen. Langfristig könnten sie nichts gegen ihren Machtverlust tun, sagt Klepper.

Mit der Opec verliert auch das Öl an Bedeutung: Sein Anteil am Welt-Energiemix ist seit 40 Jahren um beinahe ein Drittel gesunken - eine fortdauernde Entwicklung, die so leicht nicht zu stoppen ist.

© SZ vom 16.10.2014/kat
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