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Robotermarkt:Kollege Roboter übernimmt

Regale sortieren, Pakete ausliefern, Getränke servieren. Immer mehr Arbeiten werden im Alltag und Beruf von Maschinen übernommen. Doch die Corona-Pandemie ist für die Branche nicht nur eine Chance.

Von Thorsten Riedl

(200915) -- SHANGHAI, Sept. 15, 2020 -- A smart portrait drawing robot is displayed by Peking University at the China I

Bald überflüssig? Viele Menschen haben Angst, dass Maschinen ihnen den Job wegnehmen.

(Foto: Liu Ying/imago images/Xinhua)

Durch die Werkshallen von Ford in Michigan patrouilliert seit kurzem ein Roboter. Er vermisst die Produktionsstätte automatisch für mögliche Umbauarbeiten und spart den Ingenieuren so Zeit. In einem Hotel in Peking erledigt ein Roboter nun den Room-Service. Der mit Frack bemalte Maschinensklave bringt Essen und Getränke. Auf seinem Weg weicht er Hindernissen aus, nimmt notfalls den Aufzug. Desinfektionsroboter aus Dänemark helfen dabei, die Coronakrise zu bekämpfen. Sie fahren selbständig durch Krankenhäuser und töten mit ultraviolettem Licht schädliche Krankheitserreger. Keine Frage: Roboter sind in der Realität angekommen. Mit weitreichenden Folgen für den Menschen, guten wie schlechten.

Der Name der Arbeitsgeräte basiert auf dem tschechischen Wort "robota", was so viel wie Frondienst bedeutet - und einiges zur Einstellung gegenüber den Geräten verrät. Die US-Industrieverband Robotic Industries Association definiert als einen Roboter weniger emotional eine "program-mierbare, multifunktionale Handhabungvorrichtung". Und der hiesige VDI (Verein Deutscher Ingenieure) bezeichnet Indust-rieroboter als "universell einsetzbare Be-wegungsautomaten". Allein, die Geräte sind inzwischen weit über den Einsatz an Fertigungsstraßen etwa in der Automobilindustrie hinausgewachsen.

Die jüngsten Zahlen der International Federation of Robotics (IFR) gehen von einem Umsatz mit Industrierobotern im Jahr 2018 weltweit von 16,5 Milliarden Dollar aus. Der Erlös mit Servicerobotern für den professionellen Einsatz lag im selben Jahr bei 9,2 Milliarden Dollar. Dazu kommen die Serviceroboter für den persönlichen Gebrauch - die Armada an Saugrobotern etwa, die in deutschen Haushalten für Sauberkeit sorgen. Ihr Volumen schätzt der IFR auf 6,5 Milliarden. Insgesamt steht der globale Robotermarkt also für einen Umsatz von weit mehr als 30 Milliarden Dollar - Tendenz steigend.

Dabei ist die Corona-Pandemie für die Branche Herausforderung wie Chance zu-gleich. Weil Bänder stillstehen und Unter-nehmen sparen müssen, rechnet der deutsche Verband VDMA Robotik + Automation hier zu Lande mit einem starken Einbruch der Branche im laufenden Jahr von mindestens 20 Prozent. Anschließend soll es wieder aufwärts gehen. Auch weil sich die Roboterhersteller im Eilverfahren auf die Zeit mit Covid-19 einstellen. Denn Roboter sind immun gegen Viren.

Robotersteuer

Was tun wir, wenn uns die Roboter die Jobs wegnehmen? Regelmäßig tauchen Horror-szenarien auf, dass künftig unsere Arbeit in die Hand von Robotern gelangt - und der Mensch überflüssig wird. Arbeitslos. So schlimm wird es wohl nicht werden, weil ebenso häufig die positiven Folgen von technologischen Umbrüchen vergessen werden. Doch in einigen Berufsfeldern ist die Furcht durchaus berechtigt. In den Wirtschaftswissenschaften gibt es seit einigen Jahrzehnten daher die Idee, eine Aus-gleichsabgabe einzuführen: eine Roboter-steuer - allgemeiner auch als Wertschöp-fungsabgabe zu verstehen. Die Idee dahin-ter: Arbeit von Robotern wird mit einer Abgabe belegt. Dieses Geld kommt über an-dere Kanäle der Allgemeinheit zugute, zum Beispiel durch Investitionen in die Sozialversicherung oder das Bildungswesen. Möglich wäre auch, dass die Roboter so helfen würden, ein bedingungsloses Grundeinkommen zu finanzieren. Vor drei Jahren wurde die Idee einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Microsoft-Gründer Bill Gates unterstützte sie damals. "Wenn ein Roboter dieselbe Arbeit macht, die sonst ein Mensch machen würde, sollte man Roboter auf einem ähnlichen Niveau besteuern", sagte er. Rdl

Der Industriedienstleister BoKa Automatisierung etwa hat ein vollautomatisches Corona-Test-Zentrum entwickelt, dass an ein Drive-Thru-Schnellrestaurant erinnert. Ein Roboter überreicht das Teströhrchen und nimmt es wieder zurück. Automaten von Kuka, seit vier Jahren in chinesischer Hand, aber noch immer mit Sitz in Augsburg, sortieren im Universitätsklinikum Aalborg täglich 3000 Blutproben, darunter viele Covid-19-Tests.

Das Unternehmen Robshare aus Rheinböllen in Rheinland-Pfalz hat mit "James" einen Kommunikationsandroiden entwickelt. Er soll bei-spielsweise Bewohner von Pflegeheimen besuchen, wenn sonst aufgrund von Anste-ckungsgefahr niemand kommen darf. James verbindet per Videokonferenz Familien. Schöne, neue Welt - nicht wenige aller-dings sorgen sich um ihr Auskommen, wenn Roboter am Band stehen, Regale sortieren, Taxi fahren, Pakete ausliefern. Was passiert mit den Jobs, wenn Roboter Aufgaben billiger, schneller und im Zweifel sogar besser erfüllen?

Die Wissenschaft ist sich uneins. Bis zur Hälfte aller Arbeitsplätze oder gar noch mehr würden ausradiert, hieß es vor kurzem noch in Studien. Ideen von einer Robotersteuer wurden wieder aufgenommen, um einen sozialen Ausgleich zu schaffen (siehe Kasten). Alles halb so wild, sagen nun jüngere Un-tersuchungen. In einem Kurzbericht weisen Hermann Gartner und Heiko Stüber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg auf einen "Spiegel"-Titel aus dem Jahr 1978 hin: "Fortschritt macht arbeitslos", hieß es seinerzeit schon zur anstehenden Computerrevolution.

Wir alle wissen, dass es anders gekommen ist und jede Menge Berufsbilder rund um Digitalisierung existieren, an die in den 70er-Jahren niemand dachte. Dass im Zuge des technologischen Wandels Jobs verschwinden würden, sei kein neues Phänomen, argumentieren die beiden Experten. "Entscheidend ist, dass gleichzeitig auch neue Arbeitsplätze entstehen." Ähnlich verlautet es vom arbeitergebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln: "Keine Angst vor Robotern", heißt es dort. Sicher, es gebe Horrorszenarien über Arbeitsplatzabbau durch den digitalen Wandel - "einer wissenschaftlichen, empirischen Überprüfung halten sie allerdings nicht stand".

So behält das Bonmot des US-Informatikers Alan Kay Gültigkeit: "Der beste Weg, die Zukunft vorherzusagen, ist, sie zu erfinden."

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Verantwortlich: Peter Fahrenholz

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© SZ vom 25.09.2020
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