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Forum:Kollege Roboter, wie geht es Ihnen?

Sie arbeiten hinter Gittern oder kollaborativ: Welche Firmen auf Roboter setzen - und mit welchen Ergebnissen.

Von Liuchun Deng, Verena Plümpe und Jens Stegmaier

Die International Federation of Robotics (IFR) führt Deutschland als derzeit fünftgrößten Markt für Industrieroboter weltweit, gemessen an der Beschäftigtenzahl haben nur sehr wenige Länder mehr Roboter. Von den europäischen Industrierobotern stehen zudem 38 Prozent in den hiesigen Werkshallen. In den vergangenen Jahren war zudem ein fast ungebrochenes Wachstum der Zahl an Robotern weltweit, aber auch in Deutschland zu beobachten. Besonders rasant verläuft die Entwicklung bei den sogenannten Servicerobotern, die zum Beispiel im Bereich Logistik oder bei Instandhaltungsarbeiten eingesetzt werden. Gerade die zunehmende Verbreitung jenseits der klassischen Industrieschwerpunkte zeigt die Bedeutung der jüngsten Robotisierungswelle, die immer mehr Betriebe und Branchen erfasst.

Liuchun Deng ist Assistenzprofessor für Volkswirtschaftslehre am Yale-NUS College und Gastforscher am Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH).

(Foto: oh)

Konsequenterweise beschäftigen sich weltweit immer mehr Forschende mit einer Frage: Verdrängen Roboter menschliche Arbeitskräfte? Aus theoretischer Perspektive ist die Antwort nicht eindeutig. Einerseits übernehmen Roboter Aufgaben, die nicht mehr von Menschen ausgeführt werden und reduzieren so die Arbeitsnachfrage. Andererseits können Roboter die Produktivität von Unternehmen erhöhen, Wachstum generieren und somit auch neue Arbeitsplätze schaffen.

Empirische Arbeiten finden bislang Belege für beide Effekte. Ein Großteil dieser Forschung stützt sich dabei auf die Branchendaten der International Federation of Robotics. Über die Unternehmen, die diese Roboter einsetzen, erfährt man aus diesen Daten jedoch nichts. Um einen detaillierten Blick auf die Roboternutzung in Betrieben zu gewinnen, haben wir Fragen zu Robotern, darunter erstmals auch zur Anzahl der in Betrieben eingesetzten Roboter, in das IAB-Betriebspanel integriert, einer deutschlandweit repräsentativen Betriebsbefragung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Eine erste Analyse dieser Daten lässt sich in fünf Fakten zusammenfassen.

Verena Plümpe ist Doktorandin in der Abteilung "Strukturwandel und Produktivität" am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH).

(Foto: Bianca Fröbus/oh)

Fakt I: Nur wenige Betriebe setzen Roboter ein. Obwohl Deutschland im weltweiten Vergleich zu den führenden Roboternutzern gehört, ist zu konstatieren, dass nur sehr wenige Betriebe in Deutschland überhaupt Roboter bei der Erstellung ihrer Produkte und Dienstleistungen einsetzen. Nur bei knapp zwei Prozent ist dies der Fall. Blickt man nur auf das verarbeitende Gewerbe, das seit mehreren Jahrzehnten einen kontinuierlichen Prozess der Robotisierung durchläuft, waren es im Jahr 2018 etwa acht Prozent. Gleichzeitig handelt es sich aber um große Arbeitgeber, da dort mehr als drei Millionen Arbeitskräfte beschäftigt sind, was etwa acht Prozent der Beschäftigten in Deutschland entspricht.

Jens Stegmaier ist Senior Researcher am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und Gastforscher am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH).

(Foto: oh)

Fakt II: Ein Großteil der Roboter steht bei nur sehr wenigen Betrieben. Aber auch innerhalb dieser relativ kleinen Gruppe von roboternutzenden Betrieben ist eine starke Konzentration, vor allem im verarbeitenden Gewerbe, zu erkennen. Im Jahr 2018 befanden sich etwas mehr als die Hälfte aller Roboter in Deutschland im Besitz von nur fünf Prozent aller roboternutzenden Betriebe. Hat der durchschnittliche Betrieb nur zwei Roboter im Einsatz, finden sich bei den oberen zwei Prozent der Roboternutzer durchschnittlich etwa 140 Roboter.

Fakt III: Neuanwender tragen wesentlich zum Wachstum der Roboterzahlen bei. Da wir die Daten nicht nur für ein Jahr, sondern auch zurückblickend erhoben haben, lassen sich auch Aussagen zur Entwicklung treffen. Zwischen 2014 und 2018 haben immer mehr Betriebe erstmals Roboter eingesetzt. Im verarbeitenden Gewerbe hat sich der Anteil der Neuanwender - also Betriebe, die zwischen 2014 und 2018 neu mit der Roboternutzung begannen - um knapp 60 Prozent erhöht, in den übrigen Branchen betrug der Zuwachs sogar mehr als 80 Prozent. Zugleich tragen diese Neuanwender auch wesentlich zum Wachstum des Bestands an Robotern bei, was auf eine Technologiediffusion und nicht nur auf eine Vertiefung der Technologie bei denselben Betrieben hindeutet.

Fakt IV: Roboternutzer unterscheiden sich deutlich von Betrieben ohne Roboter. Roboteranwender unterscheiden sich von anderen Betrieben in einer Reihe von Merkmalen, wobei ein wichtiger Unterschied in der Betriebsgröße besteht. Betriebe, die Roboter nutzen, sind im Durchschnitt mehr als viermal so groß wie Nichtanwender. Rechnet man diesen Betriebsgrößeneffekt heraus, verbleiben aber auch andere, teilweise markante Unterschiede: Roboteranwender exportieren deutlich häufiger, sie investieren mehr und setzen auch jenseits von Robotern mehr auf aktuelle Technologie. Zugleich handelt es sich aber auch um Betriebe, die einen etwas höheren Anteil an gering qualifizierten Beschäftigten haben und seltener Produkt- wie auch Prozessverbesserungen vornehmen.

Fakt V: Betriebe mit klassischen Industrierobotern unterscheiden sich noch deutlicher. Diese beschriebenen Unterschiede zwischen Roboternutzern und Nichtnutzern sind besonders deutlich, wenn man den Fokus auf klassische Industrieroboter legt, die aus Sicherheitsgründen durch Käfige oder andere Schutzvorrichtungen von der Belegschaft getrennt sind. Im Jahr 2018 haben diese Käfigroboter mehr als 70 Prozent des gesamten deutschen Roboterbestands ausgemacht, und etwa die Hälfte der deutschen Roboternutzer gab an, Käfigroboter zu verwenden, die große Mehrheit sogar ausschließlich. Allerdings gewinnt eine neue Generation von kollaborativen Robotern ("Cobots") zunehmend an Bedeutung. Ausgestattet mit neuen Sensortechnologien und künstlicher Intelligenz, können diese Roboter mit Menschen interagieren und im Wortsinn zu Kollegen werden. Wenn man Betriebe, die diese neuen Roboter einsetzen, mit Betrieben vergleicht, die keine Roboter einsetzen, fallen die Unterschiede aus Fakt IV weniger stark aus. Das könnte unter anderem daran liegen, dass kollaborative Roboter meist kleiner, günstiger und besser für den Einsatz in kleinen und mittelständischen Betrieben geeignet sind als Käfigroboter.

Die hier aufgeworfenen, neuen Fakten sind ein Ausgangspunkt für die weitere Forschung, auch unserer eigenen. Die Daten des IAB-Betriebspanels eignen sich wie kaum ein anderer Datensatz, um die Effekte des Robotereinsatzes auf der Betriebsebene zu untersuchen: Die Frage, wie Roboter auf die Beschäftigung, auf die Entlohnung und die Produktivität wirken, sind angesichts der damit verbundenen sozio-ökonomischen Herausforderungen und der dynamischen Entwicklung der Robotisierung von großer Bedeutung.

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