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Robo Advisors:Robos sind auch nur Maschinen

Durch die Corona-Pandemie steht die digitalisierte Geldanlage besonders im Fokus. Bei Anlegern sind die Plattformen trotz krisenbedingter Verluste weiterhin beliebt und verzeichnen sogar Zuflüsse.

Von Marcel Grzanna

New York Stock Exchange after building opened for first time since March while outbreak of the coronavirus disease (COVID-19) continues in New York

Das "Fearless girl" (furchtlose Mädchen) vor der New Yorker Börse. Anleger brauchen in der Corona-Krise gute Nerven und Ausdauer.

(Foto: Mike Segar/Reuters)

Die durch die Corona-Pandemie bedingte Talfahrt an den Aktienmärkten ging auch an den digitalisierten Angeboten nicht spurlos vorbei. Die sogenannten Robo Advisors machen der klassischen Vermögensberatung durch automatisierte Online-Geldanlage seit einigen Jahren Konkurrenz. Auch in der Krise verzeichnen sie Zuflüsse.

Je nach Risikoklasse investieren Robos mehr oder weniger Kapital eines Anlegers in börsengehandelte Fonds (Exchange Traded Funds, ETF) mit Aktien oder Anleihen. ETF werden auch von Verbraucherschützern empfohlen, da sie relativ günstig sind und ein weltweit, breit gestreutes Portfolio ermöglichen. Doch die Corona-Pandemie hat die ganze Welt getroffen, die Börsen haben mit den bisherigen Tiefstpunkten im März entsprechend reagiert. "Wenn eine Krise so global ist wie die jetzige, dann hilft natürlich auch eine internationale Diversifikation nicht mehr", sagt der Finanzprofessor Marc Oliver Rieger von der Universität Trier. Eine globale Streuung von ETF hilft bei regionalen Krisen, weil sie Risiken über den gesamten Erdball verteilt. "Was aber stark geholfen hat, ist eine breite Diversifikation über Branchen, die ETF ohnehin liefern", sagt Rieger, der als Negativ-Beispiel die Aktie der Deutschen Lufthansa nennt, die in Folge der Corona-Pandemie rund die Hälfte ihres Wertes verloren hatte, ehe sie zumindest einen Teil der Verluste wettmachen konnte.

Verbraucher sollten auf die Kosten achten

Ob die Robos im Vergleich zu den klassischen Vermögensberatern besser oder schlechter abgeschnitten haben, lässt sich noch nicht seriös beurteilen. Einen Vertrauensbruch erlitten die Robos aber offenbar nicht. Vier Anbieter, mit denen die Süddeutsche Zeitung gesprochen hat, berichten, dass sie Neukunden in der Krise begrüßen konnten und auch ihr verwaltetes Vermögen zulegte.

"Zum Jahresbeginn und noch unmittelbar vor Ausbruch der Krise waren die Aktienrisiken sehr niedrig, deshalb waren die Portfolios relativ stark in Aktien investiert. In der Krise sind die Börsenkurse dann schneller eingebrochen als je zuvor in der Börsengeschichte", sagt Erik Podzuweit, Mitgründer und Geschäftsführer von Scalable Capital. Der Robo verwaltet seit Ende vergangenen Jahres mehr als zwei Milliarden Euro und ist damit Marktführer in Deutschland. Besonders die höheren Risikokategorien, in denen der Aktienanteil größer ist als in den unteren Kategorien, brachen bei Scalable zum Teil drastisch ein: bis zu 18,8 Prozent minus. "Weil wir wegen der hohen Aktienquote zu Jahresanfang deutliche Kursgewinne verzeichnet haben, liegt die Gesamtperformance für das laufende Jahr - über alle Risikokategorien betrachtet - im Rahmen der Branche", sagt Podzuweit. Beim Online-Vergleichsportal Brokervergleich.de rangierte Scalable Ende April im Drei-Monate-Echtgeldtest mit einem Minus von 18,5 Prozent weit abgeschlagen als Schlusslicht der Rangliste. Die Online-Vermögensverwaltung der Sutor-Bank stand auf dem vorletzten Rang mit 10,1 Prozent minus.

Besonders schmerzhaft war der Einbruch also für jene Anleger, die mit einem hohen Anteil an Aktienwerten größeres Risiko gefahren sind als jene, die auf solide Anleihen setzten. Laut Statistik schnitt kein Robo Advisor in den Monaten Februar bis April besser ab als Kapilendo mit einem Minus von nur 4,1 Prozent. In der Jahresbilanz von Mai 2019 bis Ende April blieb der Anbieter sogar mit 1,9 Prozent im Plus, nur Comdirect von der Commerzbank war noch erfolgreicher. "Unser Allwetter-Portfolio ist so aufgebaut, dass es aktienähnliche Erträge bei nur einem Drittel des Risikos erwirtschaften kann. Genauso hat es sich in der Krise auch verhalten. Über den Zeitraum von einem Jahr liegt unser Allwetter-Ansatz - trotz Corona-Krise - wieder im Plus", sagt Björn Siegismund, Chief Investment Officer der Kapilendo AG. "So wie das Portfolio aufgestellt ist, haben wir daher sehr gute Chancen mit einem positiven Jahresergebnis abzuschließen. Dazu müssen die Aktienmärkte nicht einmal die alten Höchststände erreichen", glaubt Siegismund.

Beim Mitbewerber Visualvest hielten sich Verluste in der Corona-Krise mit 6,6 Prozent minus im Branchenvergleich ebenfalls in Grenzen. "Die Anlageklassen mit den größten Verlusten lagen im Aktien- und Rohstoffbereich. Aber auch die festverzinslichen Rentensegmente der Unternehmensanleihen und der Schwellenmärkte wiesen tiefrote Wertentwicklungen auf. Einzig die klassischen Staatsanleihen konnten von der Corona-Krise als sicherer Hafen profitieren", sagt Geschäftsführer Max Holzer. Staatsanleihen erhielten bei Visualvest zwar eine "prominente Gewichtung", allerdings konnte die leicht positive Entwicklung in dieser Anlageklasse die deutlich negativen Entwicklungen bei allen anderen Anlageklassen nur etwas abmildern.

Nicht jeder Robo folgt einer passiven Strategie

Experten warnen davor, allein auf die Performance zu schauen, vergangene Ergebnisse sagen auch noch nichts über die Zukunft aus. Grundsätzlich ist ein breit gestreutes Portfolio mit Aktien langfristig attraktiv, wenn man zwischenzeitliche Verluste aushalten kann. Viele Robo Advisors legen das Geld weltweit, breit gestreut über verschiedene Anlageklassen an. Auch ein Fondsmanager kann dies kaum besser tun. Robo Advisor haben den Vorteil, dass sie das sogenannte Re-Balancing automatisch vollziehen. Hat sich der Anleger für eine Risikoklasse entschieden, sorgt der Robo dafür, dass die Gewichtung zwischen Aktien und beispielsweise Anleihen immer die gleiche bleibt, unabhängig davon, wie sich die Kurse entwickeln. Aus 30 Prozent Aktien können 40 Prozent werden. Die Umschichtung sorgt dafür, dass der Wert einzelner Anlagekategorien immer dem ursprünglichen Anteil entspricht.

Der Service kostet den Kunden Gebühren. Verbraucherschützer raten, sich eingehend über die Kosten zu informieren. Bestätigt fühlt man sich bei Growney, der als einer der günstigsten Anbieter auf dem Markt gilt. "Wir konnten in der Krise zeigen, dass unsere passiven Anlagestrategien funktionieren. Wir haben große Namen, die eine aktive Strategie propagieren erneut hinter uns gelassen", sagt Thimm Blickensdorf, verantwortlich für das Kundengeschäft bei Growney. Klassische Robos arbeiten mit einer passiven Strategie, also mit ETF, die einen Index wie den Dax oder den MSCI World 1:1 abbilden. Sie betreiben keine aktive Aktienauswahl wie ein Fondsmanager. "Wir gehen davon aus, dass die Märkte auch in der Zukunft noch turbulent bleiben, deshalb haben wir die Zusammensetzung unserer Anlagestrategien leicht verfeinert, um eine noch bessere Robustheit zu erzielen. Auch in der Zukunft werden wir konsequent auf Sparpläne setzen", sagt Blickensdorf. Anleger könnten schon mit kleineren Beträgen starten. Bei Sparplänen haben Anleger den Vorteil, dass sie nicht nach dem richtigen Einstiegszeitpunkt suchen müssen.

Der Einbruch der Aktienkurse als Folge der Corona-Pandemie ist auch ein Härtetest für die Robo Advisors. In den vergangenen Jahren, als sich die Kurse robust entwickelten, galten Robos als verlässliche Werkzeuge, um sein Kapital breit gestreut anlegen zu können, ohne sich groß darum kümmern zu müssen. Bei Marktführer Scalable will man die Talfahrt nicht überbewerten: "Ein stichhaltiger Performance-Vergleich ist erst nach der Krise möglich", sagt Geschäftsführer Podzuweit. Die Aktienkurse könnten durchaus wieder fallen. "Deshalb wird sich erst nach der Krise zeigen, wie sich welche Strategie geschlagen hat."

Hinweis

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Verantwortlich: Peter Fahrenholz

Redaktion: Katharina Wetzel

Anzeigen: Jürgen Maukner

© SZ vom 04.06.2020
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