Rio de Janeiro:Es droht ein beispielloses Verkehrschaos

Lesezeit: 3 min

Die Bundesstaaten haben in der föderalen Republik Brasilien weitreichende Kompetenzen, die sich allerdings teilweise mit denen des Bundes überlagern. Streitereien über die tatsächlichen Zuständigkeiten bestimmen große Teile des Politikbetriebes - vor allem dann, wenn es ums Bezahlen geht. Das ist auch einer der Hauptgründe, weshalb die neue U-Bahnlinie 4 immer noch nicht fertig ist, die das Zentrum von Rio mit der Trabantenstadt Barra da Tijuca verbinden soll. Dabei handelt es sich um das wichtigste Nahverkehrsprojekt hinsichtlich der Spiele, denn in Barra finden die meisten Wettbewerbe statt. Dort befindet sich auch das Olympische Dorf.

Auf der stets überfüllten Küstenstraße zwischen Ipanema und Barra gehören zweistündige Staus schon an normalen Werktagen zur Normalität. Falls die U-Bahn nicht rechtzeitig eröffnet wird, dann erwartet die Olympiabesucher im August ein beispielloses Verkehrschaos. Die Bauarbeiten, so heißt es, "seien zu 95 Prozent" abgeschlossen. Um die Finanzierung der restlichen fünf Prozent streiten sich Bund und Land aber seit Monaten. Der Sekretär für Verkehr im Staate Rio warnte, es dürfe kein weiterer Tag ungenutzt vergehen, wenn die Strecke rechtzeitig in Betrieb gehen solle. Das war vor zwei Wochen.

Die Erklärung des Finanznotstandes ist wohl der letzte Versuch, die Bundesregierung in Brasília doch noch zur Übernahme der Kosten zu zwingen. Mit gewissem Recht kalkulieren sie in Rio, dass Übergangspräsident Michel Temer als Hauptsündenbock dasteht, falls die Einweihung der U-Bahn am föderalen Kompetenzgerangel scheitert. Das wäre fatal für das ohnehin schwer angekratzte Image Brasiliens in der Welt.

Sagenhafte Ineffizienz

Offiziell ist nun der 1. August als Eröffnungstermin für die seit Jahren geplante Streckenverlängerung vorgesehen - vier Tage vor Beginn der Spiele. Selbst wenn bis dahin tatsächlich die ersten Züge fahren sollten, bleibt die Geschichte von der U 4 aber ein eindrucksvolles Beispiel für die sagenhafte Ineffizienz des brasilianischen Staatswesens. Im ursprünglichen Plan waren sechzehn Monate Testbetrieb vorgesehen, zwölf ohne und vier mit Passagieren. Nun wird im besten Fall mit überfüllten Zügen voller Olympiatouristen getestet. Man muss keine Schreckensszenarien erfinden, um zu sagen, dass dies ein gewisses Sicherheitsrisiko birgt. Parallel zur U-Bahnstrecke wurde auch ein Panorama-Fahrradweg nach Barra gebaut, der neulich kurz nach der Einweihung ins Meer stürzte und zwei Menschen in den Tod riss.

Temer wird die aus Rio geforderte Finanzspritze wohl freigeben. Allerdings mit großen Bauchschmerzen. Einige Bundesstaaten wie etwa Minas Gerais stehen ebenfalls kurz vor der Pleite. In Brasília wird befürchtet, dass sie bald dem Beispiel Rios folgen und ihre Forderungen an den Bund mit Notstanderklärungen untermauern.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB